Nie werde ich mich darüber trösten , daß meine Mutter starb , ohne ihn gesehen zu haben . Ach hättest du Verklärte ihn gekannt , wie lieb wäre er dir geworden ! Wie glücklich ich im Anschaun von euch geliebten Beiden ! Arme Pflanzen , die sie verstieß , weil ihr verblüht seyd , wie will ich euch pflegen und lieben ! Ich fand sie heute alle im Vorsaal , die schönen Blumen , welche Ottokar Aurelien an ihrem Geburtstage schenkte ; verdorrt , losgerissen von ihren Stäben , mit Staub bedeckt , erkannte ich sie kaum . » Sie taugen nur noch zum Wegwerfen , « sprach Aurelia , » sie sind verblüht . « » Ja , « setzte sie mit komischem Pathos hinzu , » sieh hier , gutes Kind , das Bild der Vergänglichkeit aller Dinge , und nimm dir ein Beispiel daran . Alles Fleisch vergeht wie Heu , singt die christliche Gemeine , darum verträume deine Blüthenzeit nicht , sie kehrt dir so wenig wieder als diesen armen Sträuchen , die Anton alsobald wegschaffen soll . « » Liebe Aurelia , « erwiederte ich , » mit uns ist es wie es ist , aber diese Blumen können wirklich wieder blühen , nimm sie nur wieder in dein Zimmer , trage sie an die Sonne , begieße sie . « - » Allerliebste Gabriele , thu du das selbst , ich schenke sie dir « , unterbrach mich Aurelia , und machte mir nach ihrer lustigen Art einen tiefen Knicks . Ich erschrak ; » aber du hast sie von Ottokar , « stammelte ich , und fühlte dabei , wie ich roth ward ; weiß ich doch nicht ob vor Freuden über die Blumen oder vor Verdruß , daß ich Aurelien an ihren Geber erinnern mußte . » Mag er mir frische Blumen schicken , wenn er will , daß sein Andenken bei mir grüne und blühe , « antwortete sie lächelnd ; » seit ich nicht mehr vierzehn Jahre alt bin , bewahre ich nichts länger auf , als es des Bewahrens werth ist . Damals freilich , da hatte ich auch ein Heumagazin von gedörrten Rosen , Vergißmeinnicht und sonst noch allerlei Grünlichkeiten , so gut wie eine von euch zarten Seelen , wie ich aber einmal gewahr ward , daß ich alle das Zeug sogar nicht zum Kräuterkissen bei Zahnweh brauchen konnte , warf ich es zum Fenster hinaus . « Ottokar weiß , daß ich seine Blumen besitze , er hat Aurelien meine Zeichnung dafür geraubt und auf sein Zimmer getragen , gewiß nur im Scherz , gewiß er giebt sie ihr wieder . Warum hat mich denn Annettens Erzählung dieses unbedeutenden Umstandes so erschreckt ? Warum strebe ich jetzt so ängstlich , mir diese Zeichnung Zug für Zug recht deutlich zu denken ? Er wird sie ja doch nicht behalten . Wenn er unglücklich würde ! Nein diese Möglichkeit kann ich mir nicht denken . Nicht einmal die , daß ich oder andre es in seiner Nähe seyn könnten . Ihm gegenüber , seinem freundlich hellen Blick gegenüber , muß ja das Unglück eine so stille rührende Gestalt annehmen , daß es zur schmerzlich süßen Freude sich darüber umwandelt . Sonst nannte Frau von Willnangen nie Ottokars Namen , jetzt höre ich ihn täglich aus dem Munde der geliebten Frau und lausche mit Freuden seinem Lobe . Während Gewohnheit und Arbeit mich zu Hause in meinem Zimmer festhalten , bringt er die Morgen bei ihr und Augusten zu . Meine Freundinnen streben auf vielfache Weise , mich zu einem Besuche zur nämlichen Zeit zu veranlassen , ohne jedoch mich geradezu einzuladen , und oft regt sich auch in mir der Wunsch , ihren Winken folgen zu dürfen , aber ein innres Widerstreben hält dennoch mich zurück . Abends singt mir Auguste die Lieder , welche er ihr brachte , ihre Mutter giebt mir fast wörtlich den Inhalt ihrer Gespräche mit ihm . Ich bewundre die Freiheit des Geistes , welche es ihr möglich macht , sich mit ihm so in Rede und Gegenrede zu verständigen , denn in seiner Nähe wird mein ganzes Wesen nur ein Spiegel des seinen . Ich wollte , ich könnte dichten , oder komponiren ; oft ist es mir , als müsse ich beides können , aber vergebens suche ich Worte oder Töne für das , was ich so gerne singen oder sagen möchte . Auch in meinen Büchern , in meinen Dichtern , finde ich nicht , was ich suche , nirgends , was auf ihn paßte . Alle Gestalten , welche sie mir vorführen , sind nicht wie er , mild und hoch , kräftig und bescheiden . Er hat meine Zeichnung behalten , sie hängt über seinem Schreibtisch , freilich als ein Geschenk Aureliens . Ernesto sah sie bei ihm . Ich bin darüber froh wie ein Kind , ich möchte sagen , ich fühle mich geehrt , so wie sonst , wenn die geliebte Mutter irgend eine Arbeit von mir sich zum Gebrauch aneignete . Wenn er die Zeichnung ansieht , muß er nicht zuweilen meiner gedenken ? Heute Abend war ich zeitiger als gewöhnlich zu Frau von Willnangen gegangen , ich fand die liebe Frau allein mit Augusten , trübe und traurig schien ein schmerzliches Andenken schwerer als sonst auf ihrem Gemüthe zu lasten . Sie bat uns , etwas zu singen , und wir wählten das himmlische Duett aus Pärs Sargino , das mir von jeher wie die Sprache klingt , in welcher Engel einander sagen , wie sie sich lieben . Dolce dell ' anima , fing ich an ; speme e diletto di questo cor , und meine Seele schwebte auf den süßen Tönen himmelan . Da erscholl es dicht hinter mir , dolce dell ' anima , es war nicht Augustens Stimme , es war seine , seine ! unbemerkt von mir war er ins Zimmer und an Augustens Stelle getreten . Ich wagte