erfreute . Seinem Arbeitstische ließ ich sie nimmer fehlen , und bei jeder Mahlzeit schmückte ich sorgsam die Tafel damit . Den Tänzen unserer Dörferinnen entzog ich mich nicht mehr , die Besuche meiner nachbarlichen Gespielinnen erwiderte ich willig und stimmte heiter in die jugendliche Fröhlichkeit ein . Mein Vater freute sich meiner Heiterkeit . Der Mut , womit ich den Gram bekämpfte und dem feindseligen Leben eine freundliche Seite abgewann , lag so ganz in seiner eigenen Seele . Kein Wunder , ich war ja sein Zögling . Wie leicht war es mir damals , mich aufrechtzuerhalten , an eine so starke Stütze gelehnt ! Wie wenig ahndete ich damals , daß das Schicksal mich so bald an meine eigene Kraft verweisen würde ! Die feste Gesundheit und die noch jugendliche Kraft meines Vaters gaben mir kindliche Sicherheit , und Ruhe , Zufriedenheit und Wohlsein herrschten in dem ganzen mir bekannten Lebenskreise . Hätte ich es denken können , daß dies mein letzter froher Frühling , wenigstens der letzte auf meines Frankreichs lieben Fluren , in den blühenden Tälern meiner schönen Provence , sein würde ? Denken konnte ich es nicht , aber meine Seele schien ein dunkles Vorgefühl zu hegen . Denn liebender als je hing ich mich an jeden mir irgend werten Gegenstand , als könnte er mir über Nacht entrissen werden . Mit durstigen Zügen trank ich jede Naturschönheit , jede Frühlingslust , wie der heitere Sterbende noch begierig den Duft der Blüten und die Strahlen des Lichts empfängt . Selbst da blieb ich noch lebensfroh , als schon mein Vater bisweilen besorgt den Kopf schüttelte . Ich hörte wohl von einem neuen Kriegeszuge gegen Norden , aber ich hatte ja dabei nichts zu verlieren . Ich war unter Kriegern aufgewachsen , wie Frankreichs ganze Jugend ; uns konnte das Wort Krieg nicht in dem Grade erschrecken , als es wohl Völker erschreckt , welche lange der Ruhe des Friedens genossen . Frankreich war im Innren glücklich und blickte vertrauend und sicher auf seinen kühnen Helden . Das Heer liebte den Kampf , und die jungen Konskribierten ergänzten es im Gefühl der Nationalehre meistens mit viel gutem Willen . Fand sich mitunter eine Ausnahme , so nannte meistenteils die öffentliche Meinung seinen Namen höchst mißbilligend . » Frankreichs Sicherheit in seiner Macht ! « das war seit fast zwanzig Jahren das Losungswort . Die Nachwelt wird richten , wenn ein Irrtum dabei obgewaltet , sie wird scheiden , was die Umstände , was Willkür herbeigeführt , was Ehrgeiz , was Notwehr . Aber nur erst an ferne Jahrhunderte kann der Unterdrückte appellieren , die Gegenwart hat die Gläser zu stark gefärbt . - Mir schien für den Augenblick das Unternehmen gigantisch und fabelhaft , ein neuer Alexanderzug nach Indien . Aber auf welchem Wege ? mir schauderte , wenn ich mir ihn malte ! tief hinein nach Norden , durch Rußlands Schneegefilde , durch seine menschenleeren , ewig wüsten Steppen . Wie dankte ich Gott , daß nicht Mucius , nicht Emil diesen abenteuerlichen Zug begleiten durften , welchen ich mir so gefahrvoll und schrecklich dachte . Nichtsdestoweniger wurde meine fruchtbare Einbildungskraft diesmal noch von der Wirklichkeit übertroffen ; ein seltner Fall . Doch tröstete ich mich wieder damit , daß ganz Deutschland mit uns im Bunde war . Diese Nachbarn des eisigen Nordens waren ja mit seinen Beschwerlichkeiten vertraut , wußten ihnen zu begegnen und konnten unsern Kriegern sehr hülfreich sein . Sommer und Herbst des Jahres 1812 verstrichen uns abwechselnd unter Beschäftigungen und Vergnügen . Man trank in dem lieblichen Weine der vorigen Lese die Gesundheit der Heerführer und manches einzelnen Kriegers , man hoffte zuversichtlich , sie bald und siegreich wiederzusehn , nur mein Vater schien leise Zweifel zu hegen . Er hatte in einem Briefe an Victor , welcher jetzt einen hohen Rang bekleidete , seine Besorgnisse ausgesprochen . » Bah ! « antwortete dieser , » es ist ja nicht unser Lehrwerk ! « - » Die Sehne wird zu lang gedehnt « , sagte mein Vater , » der Stützpunkt ist zu fern , sie reißt . « - » Denken Sie an die Römerzüge nach dem entfernten Albion « , tröstete unser Abendgenosse , der freundliche Pfarrer . » Und rechnen Sie Polen , welches sich voll Freiheitshoffnung und Rachgefühl erhebt , für nichts ? Es ist als ein zweiter Stützpunkt anzusehn . « - » Zu schwach ! « sagte mein Vater . » Oh , mein Vater ! « rief ich , » in einem Volke , dem dies geboten wurde , muß jeder einzelne ein Held werden . « Mein armes Polen ! nicht erobert , nein , mitten im Frieden durch einige Federstriche mächtiger Nachbarn zerteilt , zerrissen , dann das sträubende Volk gleich einem Rebellenhaufen behandelt . Und gleichwohl beruft man sich auf Moralität und Gerechtigkeit , wenn das Eisen nicht mächtig genug ist . Der Winter trat auch bei uns früher und unfreundlicher ein als gewöhnlich . Jedes rauhe Lüftchen preßte mir einen leisen Seufzer aus . Wie kalt mag es im Norden sein ? dachte ich . Oh , dieser unselige Winter ! Wieviel Tränen hat er Frankreichs Müttern und Bräuten gekostet ! Vernichtet das schönste Heer von Europa ! Die Nachricht traf wie ein Donnerschlag das ganze Reich . Ich erstarrte vor Schrecken und Graus . » Selig sind die Toten ! « rief ich mit aufgehobnen Armen ; » sie haben diese Tage nicht gesehen . « - » Wohl sind sie seligzupreisen ! « sagte mein Vater , und Tränen benetzten sein männliches Auge . » Frankreichs Heldenblüte gefallen , sein kriegerischer Ruhm befleckt ! o Tage des Jammers ! Aber nichts nützen weibische Tränen « , fuhr er fort , sich die Augen trocknend , » es muß gehandelt werden , daß wir uns wieder aufrichten von dem tiefen Fall . In den Tagen der Gefahr muß jeder sich um so fester an den Führer schließen ; nur