blauen Augen in ein Wunderreich hinunterzublicken glaubte . Leontin sah sie oft stundenlang so zusammen im Garten gehen und war dann gewöhnlich den ganzen Tag über ausgelassen , welches bei ihm immer ein schlimmes Zeichen war . Der schöne Knabe Erwin , der mit einer unbeschreiblichen Treue an Friedrich hing , behielt indes auch hier seine Sonderbarkeiten bei . Er hatte ebenfalls seinen Wohnplatz in dem Garten aufgeschlagen und war noch immer nicht dahin zu bringen eine Nacht im Hause zu schlafen . Leontin hatte für ihn eine eigne phantastische Tracht ausgesonnen , so viel auch die Tante , die es sehr ungereimt fand , dagegen hatte . Eine Art von spanischem Wams nämlich , himmelblau mit goldenen Kettchen , umschloß den schlanken Körper des Knaben . Den weißen Hals trug er bloß , ein zierlicher Kragen umgab den schönen Kopf , der mit seinen dunklen Locken und schwarzen Augen wie eine Blume über dem bunten Schmucke ruhte . Da Friedrich hier weniger zerstreut war , als sonst , so widmete er auch dem Knaben eine besondere Aufmerksamkeit . Er entdeckte in wenigen Gesprächen bald an Schärfe und Tiefe eine auffallende Ähnlichkeit seines Gemütes mit Julien . Nur mangelte bei Erwin das ruhige Gleichgewicht der Kräfte , die alles beleuchtende Klarheit ganz und gar . Im verborgensten Grunde der Seele schien vielmehr eine geheimnisvolle Leidenschaftlichkeit zu ruhen , die alles verwirrte und am Ende zu zerstören drohte . Mit Erstaunen bemerkte Friedrich zugleich , daß es dem Knaben durchaus an allem Unterrichte in der Religion gebreche . Er suchte daher seine frühesten Lebensumstände zu erforschen , aber der Knabe beharrte mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit , ja mit einer Art von Todesangst auf seinem Stillschweigen über diesen Punkt . Friedrich ließ es sich nun ernstlich angelegen sein , ihn im Christentume zu unterrichten . Alle Morgen , wenn die Natur in ihrer Pracht vor ihnen ausgebreitet lag , saß er mit ihm im Garten , und machte ihn mit dem großen wunderreichen Lebenswandel des Erlösers bekannt und fand , ganz dem Gange der Zeit zuwider , das Gemüt des Knaben weit empfänglicher für das Verständnis des Wunderbaren als des Alltäglichen und Gewöhnlichen . Seit dieser Zeit schien Erwin innerlich stiller , ruhiger und selbst geselliger zu werden . In Juliens Wesen war indes , seit die Fremden hier angekommen waren , eine unverkennbare Veränderung vorgegangen . Sie schien seitdem gewachsen und sichtbar schöner geworden zu sein . Auch fing sie an , sich mehrere Stunden des Tages auf ihrem Zimmer zu beschäftigen . Aus diesem Zimmer ging eine Glastür auf den Garten hinaus ; vor derselben standen auf einem Balkon eine Menge hoher , ausländischer Blumen ; mitten in diesem Wunderreiche von Duft und Glanz saß ein bunter Papagei hinter goldenen Stäben . Hier befand sich Julie , wenn alles ausgegangen war , und las oder schrieb , während Erwin , draußen vor dem Balkon sitzend , auf der Gitarre spielte und sang . So fand sie Friedrich einmal , als er sie zu einem Spaziergange abholte , eben über einem Gemälde begriffen . Es war , wie er mit dem ersten Blicke flüchtig unterscheiden konnte , ein halbvollendetes Portrait eines jungen Mannes . Sie verdeckte es schnell , als er hereintrat , und sah ihn mit einem durchdringenden , rätselhaften Blicke an . - Sollte sie lieben ? dachte Friedrich und wußte nicht , was er davon halten sollte . Achtes Kapitel Es war festgesetzt worden , daß die ganze Familie eine kleine Reise auf ein Jagdgut des Herrn v. A. unternehmen sollte , das einige Meilen von dem Schlosse entfernt war . Am Morgen des bestimmten Tages wachte Friedrich sehr zeitig auf . Er stellte sich ans Fenster . Der Hof und die ganze Gegend lag noch ruhig , am fernen Horizonte fing bereits an der Tag zu grauen . Nur zwei Jäger waren auch schon munter und putzten unten im Hofe die Gewehre . Sie bemerkten den Grafen nicht und schwatzten und lachten miteinander . Friedrich hörte dabei mit Verwunderung mehrere Male Fräulein Julie nennen . Der eine Jäger , ein schöner junger Bursch , sang darauf mit heller Stimme ein altes Lied , wovon Friedrich immer nur die letzten Verse , womit sich jede Strophe schloß , verstand : » Das Fräulein ist ein schönes Kind , Sie hat so muntre Augen , Die Augen so verliebet sind , Zu sonst sie gar nichts taugen . « Friedrich erschrak , denn er zweifelte nicht , daß das Lied Julien gelten sollte . Er überdachte das Benehmen des Fräuleins in der letzten Zeit , das Verstecken des Bildes und verschiedene hingeworfene Reden , und konnte sich selbst der Meinung nicht erwehren , daß sie verliebt sei ; aber wen sie meine , blieb ihm noch immer dunkel . Unterdes hatte sich der Tag immer mehr und mehr erhoben , hin und wieder im Schlosse gingen schon Türen auf und zu , bis es endlich nach und nach lebendig wurde . Wer es weiß , was es heißt , ein so schwerfälliges Haus flottzumachen , der wird sich von dem Rumpelmorgen einen Begriff machen können , der nun begann . Wie auf einem Schiffe , das sich zu einer nahen Schlacht bereitet , verbreitete sich langsam wachsend ein dunkles Getöse von Eile und Geschäftigkeit durchs ganze Schloß , Betten , Koffer und Schachteln flogen aus einer Ecke in die andere , nur noch selten hörte man die Kommandotrompete der Tante dazwischentönen . Für Leontin waren diese feierlichen Vorbereitungen , die Wichtigkeit , mit der jeder sein Geschäft betrieb , ein wahres Fest . Unermüdlich befand er sich überall mitten im Gewühle und suchte unter dem Scheine der Hülfleistung die Verwirrung immer größer zu machen , bis er endlich durch seine zweideutigen Mienen den Zorn der gesamten Frauenzimmer dergestalt gegen sich empört hatte , daß er es für das rätlichste hielt , Reißaus zu nehmen . Er setzte sich daher mit Friedrich und Viktor , so hieß der Theolog , zu