Freund Demokles , dir meine Gedanken über das , was in den dermaligen Umständen zum Besten unsrer Vaterstadt gethan werden könnte , durch dieses so genau auf unsre Umstände passende Beispiel einleuchtend genug gemacht zu haben , um dich von selbst auf die Betrachtungen zu leiten , die ich deiner anscheinenden Vorliebe für die reine Demokratie entgegenstellen könnte , wenn ich ein Freund dieser Art von Kämpfen wäre , wo man Stirn an Stirn und Knie auf Knie mit dem andern um seine Meinung ringt , oder wenn ich sie für eine gute Art , jemand von seiner Meinung zurückzubringen , hielte . Zudem würde auch ein solcher Streit in diesem Augenblick ein wahres Schattengefecht seyn . Denn nach allem was du mir berichtest zu urtheilen , würde , wenn auch du und deine Freunde euch thätig für die Demokratie erklären wolltet , schwerlich zu hoffen seyn , daß ihr eine Partei zusammenbringen könntet , die nur jeder einzelnen der bestehenden Gegenparteien , geschweige allen zusammen , die Spitze zu bieten vermöchte . Und gewiß würden diese sogleich gemeine Sache gegen jeden machen , der sich nur den leisesten Verdacht zuzöge , als ob er mit einem solchen Anschlage umgehe . Hingegen müßte ich mich sehr betrügen , wenn mein Vorschlag nicht noch durchzusetzen wäre , wofern die redlichen Freunde des Vaterlandes und der Freiheit mit gehöriger Mäßigung und Klugheit zu Werke gingen , und sich zu rechter Zeit für denjenigen erklärten , der sich an der höchsten Würde im Staat unter den Einschränkungen der Solonischen Constitution genügen lassen wollte . Ich habe meinen Verwandten ausführlich und nachdrücklich über diese Sache geschrieben ; aber ich gestehe , daß ich mir wenig Erfolg davon verspreche . Auf alle Fälle hab ' ich das Meinige gethan , vielleicht mehr als von einem noch nicht volljährigen Staatsbürger gefordert werden kann . Geschehe nun was die Götter über uns beschlossen haben , oder - um den guten Göttern kein Unrecht zu thun - was von dem allgewaltigen Einfluß der beiden großen Regenten unsers wetterlaunischen Planeten , der Thorheit , die uns von innen , und dem Zufall , der uns von außen beherrscht , vernünftigerweise zu erwarten ist . Es wäre viel Glück , wenn wir , indem wir so blindlings in den Glückstopf des Schicksals greifen , gerade das beste Loos herauszögen . Ich für meine Person bin auf alles gefaßt , und falls ich dahin kommen sollte , wie Bias72 alles was ich mein nennen kann bei mir zu tragen , so tröste ich mich damit , daß ich wenigstens nicht schwer zu tragen haben werde . 13. An Kleonidas . Ich gestehe unverhohlen , daß ich ein großer Freund aller Tage bin , die von unsern frommen Vorfahrern dem allgemeinen Müßiggang und Wohlleben gewidmet wurden . Immerhin mögen Arbeitsamkeit und Enthaltsamkeit , wo sie nicht Töchter der Nothwendigkeit sind , unter die preiswürdigsten Tugenden gerechnet werden : wenigstens sind sie es bloß als Mittel zu dem was der letzte Wunsch aller lebenden Natur ist ; Ruhe ist die angenehmste Belohnung des Arbeiters , und der Arme behilft sich die meiste Zeit schlecht , um sich zuweilen einen guten Tag machen zu können . An Festtagen seh ' ich allenthalben fröhliche Gesichter ; jedermann ist besser als gewöhnlich gekleidet , thut sich gütlicher , geht ins Bad , kränzt sich mit Blumen . Gemeinschaftliche Opfer , Gesänge und Gebete , feierliche Aufzüge , Uebungsspiele , Tänze und Schauspiele nähren und erhöhen den sympathetischen Trieb , und lassen uns vom geselligen Bürgerleben , dessen tausendfache Collisionen die Tage der Arbeit und Geschäftigkeit so häufig erschweren und verbittern , nur das Gefügige , Angenehme und Tröstliche empfinden . Die Natur hat mir wie du weißt , zu einem ziemlich kalten Kopf ein warmes Herz gegeben . Mir ist nie wohler , als wenn ich mich so ganz aufgelegt fühle allen Menschen hold zu seyn , und dieß bin ich immer wenn ich sie in Gemeinschaft fröhlich sehe . Denn da wiege ich mich unvermerkt in die süße Täuschung ein , sie alle für gut und wohlwollend zu halten , und mache mir selbst weiß , sie würden es immer seyn , wenn sie sich immer glücklich fühlten . Du wirst es also ganz begreiflich finden , lieber Kleonidas , daß ich , ungeachtet der schelen Gesichter , die ich mir von meinen gravitätischen Mitgesellen , und zuweilen auch wohl von dem Meister selbst gefallen lassen muß , keine Gelegenheit versäume , wo ich mir diesen behäglichen Lebensgenuß verschaffen kann . Einer meiner hiesigen Bekannten , ein Mann von Geist und angenehmem Umgang , der nach Athenischer Art reich ist , und ( was hier in den Augen einer gewissen Classe noch mehr zu sagen hat ) sein Geschlechtsregister auf mütterlicher Seite von Kodrus ableitet , besitzt ein schönes Landgut auf der Insel Aegina , die nicht viel über zweihundert Stadien73 von Athen entfernt liegt , und wiewohl von Natur nur ein kahler Felsen , durch eine fünfhundertjährige Anbauung und den Wetteifer ihrer durch Gewerbe und Handelschaft reich gewordenen Einwohner sie auf alle nur mögliche Weise zu verschönern , eines der anmuthigsten Eilande ist , die im Myrtoischen Meer und im Saronischen Meerbusen zerstreut umher liegen . Eurybates ( so nennt sich mein Freund ) , der das vornehmste Fest der Aeginer , die Poseidonia 74 , gewöhnlich auf seinem Gute zuzubringen pflegt , bat mich ihm dießmal Gesellschaft zu leisten , und ich nahm seine Einladung um so williger an , da diese Festtage gerade in die schönste Jahreszeit fallen , und durch einen großen Markt belebt werden , der eine Menge Fremde vom festen Lande und den benachbarten Inseln herbeizieht . Wir hatten bereits einige Tage in allerlei festlichen Lustbarkeiten verlebt , als Eurybates mir den Antrag machte : ob ich nicht Lust hätte , den Abend in Gesellschaft der schönen Lais75 zuzubringen ? Er setzte , vermuthlich um mir desto mehr Lust zu machen , hinzu : » wenn ich meinen Augen