das entnervende Klima Indiens könnte das passen . Nicht die Verneinung , sondern die Verstärkung des Willens hat den rastlosen Vorwärtsdrang unsrer Civilisation ermöglicht . Den Willen brechen heißt eine Tugend empfehlen , die keine Tugend ist . Es gilt vielmehr , die Leidenschaft auf geistige Ziele mit der gleichen dämonischen Stärke hinzulenken , mit welcher der gewöhnliche Mensch sinnliche Ziele erstrebt . Haß gegen das Schlechte ist eine glückbringende Leidenschaft . Aber durch Erkenntniß unsrer eignen Unvollkommenheit sollte Mitleid mit fremder Unvollkommenheit in uns erwachen . Dies Mitleid hat jenem Todten gefehlt . Wohl berechtigte ihn sein Geistesstolz zu einem Gefühl überlegener Selbstabsonderung . Aber nie schmolz seine Härte in der weisen Demuth , welche die Untheilbarkeit alles Seins erkennt . Verrichtete nicht darum der Heiland an seinen Jüngern niedere Dienste ? » So nun Ich , euer Herr und Meister , euch die Füße wusch , so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen . « Und sprach Er nicht die abgrundtiefen Worte - - hier , hier stehts : Ev . Joh . 14 , 12 - : » Wer an mich glaubt , der wird ebenso große Werke thun wie ich , ja wird größere thun als ich . « Besagt doch diese Ablehnung persönlicher Alleingeltung klar genug , daß nicht die Person des Gottmenschen , sondern sein Prinzip das ewig Zeugende vorstellt , dessen Wirkung sich in stetiger Evolution vererbt . Nach ihm werden noch Zahllose gekreuzigt und zahllose Wunder geschehn . Der eine Opfertod eines sündenlosen Menschen ist die Quelle alles Lebens in Ewigkeit . Denn er stellt das einzig Feste , Unvergängliche dar , an das sich der Glaube zu klammern vermag . Und nur der Glaube an das Ideale hat erlösende Kraft . Noch höher aber als den Glauben stellt das Christenthum die Güte des Unbewußten , die freie ursprüngliche selbstgeringachtende Liebe , ohne welche dem Apostel alles » klingendes Erz und tönende Schelle « erscheint . Ja , unter den Pharisäern befanden sich gewiß viele hochmoralische Werktagsheilige . Aber ein Gedanke wahrhafter Reue wiegt vor dem Richterstuhl der ewigen Liebe alle Sünden auf , während die eitle lieblose Gewohnheitstugend sich niemals selbst erlöst und ewig schmachtet in den Fesseln des kleinlichen Ich . Dies Mitleid , diese Demuth , dieser Glaube und diese Liebe bleiben nie passiv , nie Stagnation des Willens , sondern schöpfen ihre Kraft aus werkthätiger Begeisterung , wie da geschrieben steht : » Nun ist des Menschen Sohn verklärt und Gott ist verklärt in ihm . « Der Begriff von der Einheit alles Seins , des Irdischen und Ueberirdischen , welcher dämmernd im menschlichen Gemüthe schlummert , ist hier Wahrheit und Klarheit geworden - » mit der Klarheit , die ich bei Gott hatte , ehe denn die Welt war . « ( Ev . Joh . 17 , 5. ) So besiegt das Christenthum den Pessimismus durch den Pessimismus . So wird sich ewig der Mensch selbst erlösen müssen im Kampfe mit der Welt . Wer sich an den Abgründen des Lebens scheu vorüberdrückt , wird nie die wahre Bestimmung des Menschen erkennen . Der wirkliche Idealist wird jeden Pessimismus abweisen , eingedenk der Worte : » So euch die Welt hasset , so wisset , daß sie Mich vor euch gehasset hat . « Dem erlösten Geiste kommt » die Gemeinschaft der Heiligen « , die Verbindung , mit allen großen und guten Geistern der Vergangenheit und der Mitgenuß all ihres geistigen Schaffens . Das ist eine Erhebung der Seele , welche jeden irdischen Schmerz unter die Füße tritt . Das ist der Tröster , von dem der Erlöser kündet : » Ich will euch einen andern Tröster geben , daß er bei euch bleibe ewiglich : Den Geist der Wahrheit , den die Welt nicht kann empfangen , denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht . Ihr aber kennt ihn , denn er bleibt bei euch und wird in euch sein . « Wohl fühlte der große Todte in sich jene Geistesstimme , von der es heißt in den Römerbriefen Pauli : » Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen , daß ihr euch fürchten müßtet . Derselbe Geist giebt Zeugniß unserm Geist , daß wir Gottes Kinder sind . « Doch weil Leonharts Herz , ursprünglich reich an Güte und Wohlwollen , sich aus Verbitterung in starre Selbstsucht krampfhaft zusammenzog , hörte er nicht die Erlöserstimme : » Wer immer mich liebt , den werde ich lieben und mich ihm offenbaren . « Ihm aber , der zum erstenmal seit Kindertagen wieder die Bibel las , dem weltfremden Gottsucher offenbarte sich Gott . Alles was in der Welt eintrifft , hat sein Zeichen , das ihm vorhergeht . Die zahllosen verschiedenen Ideen , die verworren durcheinander murren , sind Vorzeichen einer ungeheuren Bewegung . Er dachte an Lamennais ' » Worte des Glaubens « ( Leonhart hatte ihm einst dies Buch geschenkt ) : » Junger Soldat , wohin gehst Du ? Gehe streiten , daß alle einen Gott auf Erden und im Himmel haben . « Alle einen Gott , alle , die so verschiedenen Stammes ? Ja , nur die Masse , das Allgemeine vermag zu siegen . Wer würde das Stimmchen der vielen armen unmerkbaren Geschöpfe hören , wenn im Frühling ein Summen den Wiesen entsteigt ? Unzählbare Laute sind es , die sich hier vereinen - einzeln würde keins von ihnen gehört werden - doch , alle vereint , machen sie sich vernehmlich weithin über die Erde , als unartikulirte Allstimme der Lebenskraft . Was vermag der Einzelne heut ? Weniger denn je ! Wer darf aber gar über Leiden klagen , ohne daß seine Tugenden ihm ein Recht dazu geben ? Schon in der Uebergangsepoche der Childe Harold-Wertherzeit mahnt Chataubriand seinen René : » Wer Kräfte empfing , soll sie dem Dienst der Menschheit weihen . « Der sogenannte Weltschmerz kann nur enden mit Selbstüberwindung in vornehmkalter Abgeschlossenheit und prometheischem Selbstgenügen . Aber edler