wohl drei Jahrhundert dargestellt in Waffen , silbernen Geschirren , Hauschroniken in allerhand Pergamentbänden , altertümlichen Urkundenschränken und Kuriositäten aller Art , welche sämtlich mit Daten , Wappen und deutlichen Merkmalen versehen waren . Die Fenster waren zum größten Teil mit gemalten Scheiben bedeckt , auf welchen allen das Wappen des Hauses mit demjenigen der eingeheirateten Frauen verbunden über biblischen Handlungen und Legenden schwebte . Auch war darin das Hauswappen in allen seinen Wandlungen , von seiner ersten kriegerischen Einfachheit bis zu seiner letzten Vermehrung und Zusammensetzung , zu sehen . Der Boden des Saales war ganz mit hochrotem Tuche bedeckt , was zu den dunklen alten Möbeln und Bilderrahmen prächtig und romantisch abstach , während die Tritte der Gehenden nur leise darauf ertönten ; in dem Kamin von schwarzem Marmor glühten große Eichenklötze , und da das Gemach der langen Verschlossenheit wegen durchräuchert worden , erhöhte der feine Duft noch die Feierlichkeit und Vornehmheit dieses Aufenthaltes . » Ich habe « , sagte der Graf , » meinen ganzen Familienkram hier auf einen Punkt aufgestapelt , da dergleichen auch sein Recht will und sich nicht so leicht entäußern läßt , als man glauben möchte . Sehen Sie sich ein wenig um , es sind manche hübsche Sachen darunter ! « Heinrich sah sich lebhaft um und bezeugte große Freude über die vielen wertvollen Stücke und über das Merkwürdige , was hier aufgehäuft war ; unter den Bildern waren manche von den besten Meistern der verschiedenen Zeiten und Orte , wo die alten Herren auf ihren Zügen und Gesandtschaften sich umgetrieben . Andere , wenn auch von dunkleren örtlichen Pinselieren gemalt , machten sich durch ihren charaktervollen Gegenstand und dessen Schicksal geltend , das ihnen auf der Stirne stand ; vorzüglich aber gefielen ihm die vielen feineren oder keckeren Kindergesichter , welche gleich den Blüten an diesem großen Baume zwischen den reifen Früchten überall hervorlächelten , deren Schicksal , dessen Beginn und Morgenrot hier für immer festgehalten schien , nun auch seit Jahrhunderten erfüllt und in die Erde gelegt war oder gar nicht zur Erfüllung gekommen , da ein Kreuz oder ein denatus ansagte , daß sie als Blüten schon vom Baume geweht worden . Manches gemalte Schwert und Panzerstück war im gleichen Saale auch in Wirklichkeit vorhanden , und der Graf hielt ihm die schweren Stücke mit leichter und kundiger Hand vor , indessen Heinrich sie auch nicht wie ein Mädchen ihm abnahm , da ihm die Waffenfähigkeit und - liebhaberei seines Geburtslandes in den Fingern steckte . Dorothea hingegen bewegte sich rasch und gefällig herum , stieg auf Schemel und Tritte , um einen alten silbernen Becher oder ein Kästchen herabzuholen , und wies und erklärte die Sachen mit freundlicher , aber fast mitleidiger Höflichkeit , was indessen Heinrich , der vollauf mit dem Beschauen der Gegenstände beschäftigt war , nicht bemerkte , sondern nur als einen angenehmen Eindruck zu dem übrigen empfand , ohne darauf zu achten . Erst als sie sich zu Tische setzten und man sich gegenübersaß , wo Dorothea , die den Männern vorlegte , mit noch erhöhter vornehmer Freundlichkeit und Herablassung den Gast nach seinen Wünschen und Bedürfnissen fragte , fiel ihm dies Wesen auf , das ihm gestern gar nicht vorhanden geschienen . Es gefiel ihm aber gar wohl , da er geneigt war , solchen schönen Geschöpfen nichts übelzunehmen , wenn sie nicht gerade zu herzlos waren , und um sie darin zu bestärken und ihr einen Gefallen zu tun , sagte er » Solche Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit einer langen Vergangenheit sind doch eine Art von Concretum , das sich nicht willkürlich vergessen und verwischen läßt . Wenn es einmal da ist , so ist es da , und man kann sich nicht verhindern , an dem Vorhandenen seine Freude zu haben ! « » Gewiß « , erwiderte der Graf , » nur ist es töricht , willkürlich fortsetzen und machen zu wollen , was unter ganz anderen Verhältnissen und Bedingungen geworden ist . Desnahen nenne ich mich auch ungeniert noch von soundso , weil diese Landschaft so heißt und nicht meine Person , welche kein Berg , sondern ein Mensch ist . Schon weil seltenerweise das Grundstück nie aus unserm Besitz gekommen ist und fortwährend welche von uns hier gewohnt haben in grader Linie , so erfordert eine gewisse Dankbarkeit gegen diese Erscheinung , daß man ihr die Ehre gebe . Ich selbst habe eine bürgerliche Frau genommen , welche früh gestorben ist und mir keinen Erben hinterließ ; ich habe sie so geliebt , daß es mir nicht möglich war , wieder zu heiraten , und wenn es nicht zu seltsam klänge , so wäre ich fast froh , keinen Sohn zu hinterlassen ; denn wenn ich mir denken müßte , daß diese Familiengeschichte noch einmal achthundert Jahre fortdauern könnte oder wollte , so würde mir dieser Gedanke Kopfschmerzen machen , da es Zeit ist , daß wir wieder untertauchen in die erneuende Verborgenheit . Ich selbst bin im Verfall des alten Reiches geboren und eigentlich schon ganz überflüssig , so daß sich unser Stamm müde fühlt in mir und nach kräftigender Dunkelheit sehnt . Wenn ich einen Sohn hätte , so würde ich auch Besitz und Stamm gewaltsam aufgegeben haben und dahin gezogen sein , wo kein Herkommen gilt und jeder von vorn anfangen muß , damit das Leibliche der Linie gerettet werde und ferner nütze und genieße , da dieses am Ende die Hauptsache ist . « Heinrich freute sich dieser Reden und fühlte sich durch sie geehrt . » Ist jene stolze schöne Dame , welche dazumal das Hündchen auf den Tisch setzte , vielleicht Ihre Gemahlin gewesen ? « fragte er mit höflicher Teilnahme . » Nein « , sagte der Graf lachend , » das ist meine Schwester ; die lebt als Gattin eines alten Edelmannes vom stolzesten Geblüte tief in Polen und ist ganz verbauert ; auch hat sie zur Strafe für ihre Narrheiten schon vier Jahre in Sibirien zubringen müssen mit