ehrbaren Männer schüttelten den Kopf : Es war ja ein Skandal ! - » Doch nur für die , welche sich um solche Bagatellenstritten . « Aber es ward ein Auflauf : es hätte noch schlimmer werden können . Einer musste doch beispringen . » Hätten die Nachbarn und ehrbare Bürger sich nicht selbst helfen können , wenn es ihnen zu arg ward ? « Man verstand ihn nicht . Das wäre noch hübscher , ehrbare Bürger um so was zu inkommodiren ! Die meisten Nachbarn meinten , es liege an der Unvollkommenheit der Gesetze , man solle andere machen ; nur waren sie verschiedener Ansicht über das wie ? Den Straßenjungen sollte verboten werden , auf der Straße zu schreien , verlangte der Herr Tabakskrämer drüben . Der Schullehrer meinte : den Frauenzimmern müsse untersagt sein , in einem Putz auf der Straße zu erscheinen , der über ihren Stand ginge , denn daher komme doch die ganze Geschichte . Ein Dritter : man solle nicht Jedem erlauben , auf der Straße zu plumpen , denn das sei der eigentliche Quell . Man kam zu keiner Einigung . Als die Leute erfahren , der Mann sei ein Amerikaner , erregte er den Respekt , welchen in Berlin Alles beansprucht , was weither ist . Mehrere der ehrbaren Leute , die zugleich auch wißbegierig waren , umringten ihn mit bescheidenen Fragen über amerikanische Einrichtungen . Einer , der ihm aufmerksam und beistimmend zugehört , sagte : » In alledem , mein geehrter Herr , mögen Sie Recht haben , aber ich frage Sie , wenn Sie keine Schilderhäuser und Schildwachen in Amerika haben und keine Polizeikommissare und Sergeanten , wer reißt denn den Handwerksburschen die Pfeifen aus dem Mund ? « - » Niemand . « - » Ja , mein Gott , wie kann denn aber da Ordnung in Amerika sein ! « Die guten Bürger schüttelten den Kopf . Die ältliche Dame , welche sich von dem Amerikaner führen ließ , und zu ihm in dem Verhältniß einer Verwandten oder Bekannten stehen mochte , die , einst seine mütterliche Lehrerin , die langen Jahre vergisst , welche den Knaben zum Mann erhoben , sagte mit der Feierlichkeit überlegenen Wissens und doch mit dem gutmüthigen Lächeln einer mütterlichen Freundin , die Verirrungen sanft aufnimmt , weil wir Alle irren : » Du wirst überall Ungläubige treffen , mein lieber Friedrich , wenn Du von den Vorzügen Deiner neuen Welt da drüben sprichst . Und Dir selbst wird , wenn Du Dich nur wieder zurecht findest , auch das Auge aufgehen , daß in keinem Staate so väterlich für das Wohl der Bürger gesorgt ist , als in dem unseren . Nur in dem Einen hast Du Recht , da ist es besser bei Euch , daß sie die Kirchen heizen ! - Ja , ich habe es immer gesagt , wenn die Obrigkeit dafür bei uns sorgte , was hätten die Leute dann noch zu klagen ! - Nun , wer weiß , wenn ich die Augen schließe , kommt man wohl auch noch dahin ! Die großen Herren hier haben immer an Anderes zu denken , was ihnen wichtiger scheint , darüber vergessen sie das Nächste . - « » An diesem heißen Augusttage ist es doch wohl nicht das Nächste , liebe Tante , « entgegnete der Amerikaner . - » Wenn wir aber nicht im Sommer für den Winter sorgen , dann ist es im Winter zu spät . Im Winter aber denken sie , nun , es ist ja noch Zeit , es kommt ja der Sommer . So wechseln Winter und Sommer und es geschieht nichts . « Es war eine alte bekannte Dame der Residenz , gleich geschätzt wegen ihrer Wohlthätigkeit und Frömmigkeit als wegen ihres klaren Geistes . Nur war sie eben so bekannt wegen dieses Steckenpferdes , das ihr zur fixen Idee geworden . Sie meinte , die Armuth fühle sich erst recht , wenn sie in ihren Lumpen in den kalten Gotteshäusern stehe , wogegen die Verlassenen und Gedrückten mit einem ganz anderen Gefühl gegen ihren Schöpfer und ihre Mitmenschen aus den warmen Kirchen zurückkehren würden , gleich wie ein Satter gegen die Verdrießlichkeiten des Lebens geharnischt sei , wo ein Hungernder auf den ersten Angriff fällt . So wusste sie zu beweisen , daß aus dem Heizen der Kirchen nicht allein christlich frommer Sinn , allgemeine Menschenliebe , sondern auch Zufriedenheit , Selbstbescheidung und Gehorsam gegen die Obrigkeit , kurz ein glückliches , vollkommenes Gemeinwesen entspringen müsse . Die Straße war wieder still geworden und Walter saß am Schreibtisch . Er schlug die Augen nieder . Es war eine ermattende Luft . Er schüttelte die Träume , aber die Wirklichkeit kehrte als Traumbild zurück . Eine Seite stand fertig geschrieben , als er die Feder wieder fortlegte und sich zurücklehnte : » Lohnt es sich denn um dieses Volk ! Will es anders sein als es ist ! Weiß es , was es wollen muß , um aus der Dumpfheit der Eristenz - « Er trat noch einmal ans Fenster . Achtundsechszigstes Kapitel . Blicke aus eines Ministers Fenster ins innere Leben . Es war nicht gerade kühler geworden , aber die Sonne prallte nicht mehr vom Pflaster und den hellen Häusermauern zurück . Sie war hinter das Dach eines hohen Hauses gesunken . Ein vornehmeres Publikum bewegte sich langsam zum Thore hinaus . Da ging sein Vater , im Arm den Rittmeister von Dohleneck . Seltsame Freundschaft vom neuesten Datum ! Er lächelte über das Gerücht , das der Witz der Berliner Börse erfunden : sein Vater wolle ihn enterben , weil er keine Schulden gemacht , um den Rittmeister zu adoptiren , der viel Schulden hatte ; denn die Firma Walter van Asten verdanke ihren Kredit Denen , die keinen hätten . Ihre Schuldigkeit sei es daher , das Schuldenmachen zu begünstigen . Er wusste nun , was seinen Vater und den Offizier aufs Neue verband .