soll ; oder um die Sache noch kürzer zu geben : daß jedes das , was es ist , immer ist . Da ein Wort doch weiter nichts als das Zeichen einer Sache , oder vielmehr der Vorstellung die wir von ihr haben , ist , so kann es dem Wort Gerechtigkeit allerdings gleich viel seyn , was Plato damit zu bezeichnen beliebt ; aber der Sprache ist dieß nicht gleichgültig ; und ich sehe nicht mit welchem Recht ein einzelner Mann , Philosoph oder Schuster , sich anmaßen könne , Worte , denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat , etwas anders heißen zu lassen als sie bisher immer geheißen haben . Was Plato unter verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt , ist bald die innere Wahrheit und Güte eines Dinges , die ihm eben dadurch , daß es recht ist , oder daß es ist was es seyn soll , zukommt ; bald die Ordnung , die daraus entsteht , wenn viele verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das , was sie vermöge dieser Verbindung seyn sollen , immer sind ; bald die Harmonie , die eine natürliche Wirkung dieser Ordnung ist . Aber fürs erste , wenn sein Geheimniß weiter nichts als das war , so hätte er uns , däucht mich , die Mühe einer so langwierigen und langweiligen Initiation ersparen können ; und zweitens wird es , wenigstens außerhalb seiner eigenen Republik , wohl immer bei der gewöhnlichen allenthalben angenommenen Bedeutung des Wortes Gerechtigkeit verbleiben ; und der alte Simonides wird um so mehr Recht behalten , da alle Platonischen Formeln ohne große Mühe sich mit der seinigen in Gleichung setzen lassen . Denn , indem die Obrigkeit in seinem Staat das ist , was sie seyn soll und nichts anders , erhält und gibt sie ( wie er beiläufig selbst gesteht ) dem Staat und jedem einzelnen Gliede desselben , was sie ihm vermöge ihrer Bestimmung schuldig ist ; und eben dasselbe gilt von der Classe der Beschützer oder Soldaten , und von den sämmtlichen Künstlern , Handwerkern , Feldbauern , Kaufleuten , Krämern u.s.w. , welche Plato mehr seiner Hypothese zu Gefallen , als aus hinlänglichem Grunde , ohne sich viel um sie zu bekümmern , in die dritte Classe zusammengeworfen hat . Unser platonisirender Sokratiskus hatte sich anheischig gemacht , am Beispiel einer gerechten Republik im Großen zu zeigen , was Gerechtigkeit in der Seele eines Menschen gleichsam im Kleinen sey . Das erste also , was ihm oblag , war , das Bild eines gerechten , d.i. in sich selbst vollendeten oder vollkommenen Staats zu entwerfen ; und dieß ist es , was er bisher nach seiner Weise geleistet hat . Er fand daß ein ächtes Gemeinwesen - dessen Grundgesetz ist , daß jedes Glied desselben ausschließlich ein einziges zum Wohl des ganzen unentbehrliches Geschäft treibe und dazu erzogen werde , - nothwendig aus drei Classen von Bürgern , aus Regenten , Räthen und Aufsehern , aus bewaffneten Beschützern , und aus einer für die Wohnung , Nahrung , Kleidung , Bewaffnung und andere solche Bedürfnisse des Staats und seiner Bürger um Lohn arbeitenden Classe bestehen müsse ; und daß auf der Einschränkung eines jeden Bürgers in den Kreis der einzigen Beschäftigung wozu er am besten taugt , und auf der strengsten Unterwürfigkeit unter die Gesetze und die Regierung , die gesunde Beschaffenheit des Staats ( die ihm Gerechtigkeit heißt ) so wie auf dieser die Erhaltung und der Wohlstand desselben beruhe . Um nun die Anwendung dieser Erklärung der Gerechtigkeit auf den einzelnen Menschen zu machen , und sich dadurch auch des zweiten Theils seines Versprechens zu entledigen , unternimmt er seinen Zuhörern zu zeigen : daß in der menschlichen Seele eben dieselbe Verfassung stattfinde , wie in seiner Republik ; nämlich daß sie , wie diese , aus drei Haupttheilen , oder eigentlich aus drei ihrer Natur nach verschiedenen wiewohl zusammen Ein Ganzes ausmachenden Seelen bestehe23 ; in deren unterster alle Arten von sinnlicher , eigennütziger , an sich selbst unvernünftiger , zügelloser und unersättlicher Begierden , in der zweiten ein gewisses muthiges , zürnendes , an sich selbst wildes und unbändiges Wesen ( Thymos vom Plato genannt ) , das sich gegen alles , was ihm als schlecht , unedel , ungerecht und ordnungswidrig erscheint , empört und ihm aus allen Kräften entgegenkämpft , in der dritten und höchsten endlich die Vernunft , und ein unaufhörliches Streben nach der Wissenschaft des Wahren und Guten , ihren Sitz haben . Die sämmtlichen Begierden nach Genuß und Besitz körperlicher Gegenstände und allen Arten von sinnlichen Befriedigungen sind ihm in der Seele , was die mechanische um Lohn und Gewinn arbeitende Classe in der Republik ; zwar zum Leben eben so unentbehrlich , wie diese , aber sich selbst überlassen , können sie ( wie jene , wofern sie nicht durch die beiden obern Classen in der Zucht erhalten würden ) als blinde und ihrer Befriedigung alles aufopfernde Triebe nichts als Unheil in der innern Republik des Menschen stiften . Um den Wohlstand derselben befördern zu helfen , müssen sie also der Vernunft unterworfen und von dieser immer unter strenger Zucht gehalten werden . Der bewaffneten Classe oder den Beschützern in Platons Republik entspricht in der inneren Oekonomie des Menschen das ( vorgebliche ) zornmüthige , streitbare , ruhmbegierige , Wollust und Eigennutz verachtende , nichts fürchtende , und allem Widerstand Trotz bietende Princip Thymos , dessen Bestimmung ist , die Regierung der Vernunft zu unterstützen , ihre Rechte zu schirmen , und den Pöbel der Begierden in gehöriger Ordnung und Unterwürfigkeit zu erhalten ; welches aber , um diese Bestimmung nie zu verfehlen , zuvor selbst durch Musik und Gymnastik gebändigt und gezüchtet , die Oberherrschaft der Vernunft , als des natürlichen Regenten dieser Republik im Menschen , immer anerkennen und seinen höchsten Stolz bloß darin suchen muß , in Vollziehung ihres Willens keine Gefahr , kein Ungemach , keinen Schmerz zu scheuen , der Erfüllung