Galanteriedegen , durchaus nur den Minister sehen ließ und die Würde seines Ranges gut repräsentierte , wenngleich der natürlich freie Anstand des Vornehmen sich vermissen ließ . « Also auch Goethe konnte sich in Haltung und Erscheinung nicht bis zur Ebenbürtigkeit erheben . Er war ein anstandsvoller Minister und ein großer Poet , war der Freund seines Fürsten und der leuchtende Stern des Hofes , aber geboren als ein Bürgerssohn zu Frankfurt , ließ er doch den » freien Anstand des Vornehmen vermissen « . Es gebrach ein unaussprechliches Etwas , vielleicht die hohe Schule des Regiments Gensdarmes . Und bei dieser Gelegenheit möge ein kleiner Exkurs gestattet sein . Es ist mit der Kunst des Anstands , wie beispielsweise mit der Kunst des Reitenkönnens und vielleicht mit vielen andern Künsten . Jeder , Individuum wie Nationen , glaubt im Besitze des Rechten zu sein . Die englischen Gentlemen sagen zu deutschen Kavalieren : » Ihr seid die besten Reiteroffiziere , aber ihr könnt nicht reiten « , und die deutschen Kavaliere erwidern dem englischen Gentleman : » Ihr versteht euer fox hunting und steeple chase , aber enfin , ihr könnt nicht reiten . « Und ein stilles Bedenken mischt sich dabei von rechts und links her ein , daß dem diesseitigen perfekten Kavalier und dem jenseitigen perfekten Gentleman doch noch dies und das zu seiner Vollkommenheit fehle . Und wie mit der Kunst des Reitens , so mit der Kunst der feinen Sitte . Die Gesetze derselben sind überall verwandt , aber ihre Formen weichen voneinander ab . Da wo noch an eine ausschließliche Form der Gesellschaft geglaubt wird , hat die Gesellschaft selbst ihre höchste Blüte noch nicht erreicht . In Standesvorurteilen , wie sie das Urteil über Goethe zeigt , war und blieb Marwitz befangen ; aber er verfuhr auch hierin nach Überzeugung und stumpfte dadurch den Stachel der persönlich Verletzenden . Zudem hielt es nicht schwer , die Wurzel seines Irrtums zu erkennen . Während er nämlich sich selbst als Repräsentanten des Adels nahm , nahm er den ersten besten Bürgerlichen als Repräsentanten des Bürgerstandes . Der Zufall wollte , daß er in sich selbst einen so vollkommenen Vertreter adeliger Gesinnung zur Hand hatte , daß bei solchem Herausgreifen aufs Geratewohl der Bürgerliche mit einer Art von Notwendigkeit zu kurz kommen mußte . Er vergaß eben , daß nicht jeder Adelige ein Marwitz war , und daß viele Eigenschaften , die er an den » Gebildeten « haßte , nicht Sondereigenschaften des Bürgerstandes , sondern allgemeine Eigenschaften der ganzen Epoche waren . So geißelte er das Auftreten eines eitlen , leckern und gesinnungslosen Historikers , der damals in den Berliner Salons vergöttert wurde , mit verdientem Spott , aber andere bürgerliche Namen , die seines Beifalls würdig gewesen wären , hätten ihm ebenso nah oder vielleicht näher gelegen . Ich nenne nur Fichte . Statt dessen sah er mit Vorliebe auf die Kluft , die freilich zwischen seinem eigenen Empfinden und jener schnöden Niedrigkeit lag , die sich damals danach drängte , als » Bürgergardist « vor Marschall Viktor Schildwache zu stehen . Ängstliche Rücksichtnahme war nicht seine Sache , wo es die Wahrheit oder wenigstens das galt , was ihm als Wahrheit erschien . Durch Freund und Feind hin ging er seinen Weg . Die Furcht anzustoßen , war nicht seine Furcht . Selbstbewußtsein durchdrang ihn und durfte es , denn die Worte seines Testaments , » daß er die ihm auferlegten Pflichten treulich erfüllt und dabei sein eigenes irdisches Wohlsein für nichts erachtet habe « , waren Worte der Wahrheit . Verkannt , zurückgesetzt , verleumdet , hatten die Kränkungen , davon er genugsam erfahren , doch niemals schwerer in seinem Herzen gewogen , als das Gefühl seiner Pflicht . Sooft es galt , war er da . Alles gab er auf , alles setzte er ein , sooft die großen Interessen des Vaterlandes auf dem Spiele standen . Das Einstehen für das Ganze war seinem Herzen Bedürfnis , und die höchsten Kräfte des Menschenherzens : Treue , Pietät und Opferfreudigkeit waren in seiner Seele lebendig . Er war schroff nach außen , aber feinfühlig im Gemüt . Das Leben , ungehoben und unverklärt durch geistigen Gehalt , war ihm eine leere Schale ; die Idee allein gab allem Wert , und im Kampfe für sie hat er sein Leben hingebracht . Möglich , daß er in diesem Kampfe geirrt ; es würde nichts ändern an der Wertschätzung , die seinem Streben gebührt . Denn jedem selbstsuchtslos geführten geistigen Kampfe gelten unsere Sympathien , und erst aus Streben und Irren gebiert sich die Wahrheit . Auch der Kampf , den Marwitz kämpfte , hat uns dieser näher geführt . » Er war « , so schließt ein Nekrolog , den befreundete Hand geschrieben , » ein Mann von altrömischem Charakter , eine kräftige , gediegene Natur , ein Edelmann im besten Sinne des Worts , der in seiner Nähe nichts Unwürdiges duldete , allem Schlechten entschieden in den Weg trat , Recht und Wahrheit verteidigte gegen jedermann , der die Furcht nicht kannte und immer in den Reihen der Edelsten und Besten zu finden war . Alles Versteckte , Unklare und Erheuchelte war ihm von Herzen zuwider . Wie er streng war gegen sich selbst , war er es auch gegen andere . In Fleiß und guter Wirtschaft , in Frömmigkeit und strenger Sittlichkeit , in einem rechtschaffenen Wandel strebte er seiner Gemeinde ein Vorbild und Muster zu sein . « An ernstem Streben , an Ringen nach der Wahrheit , an selbstsuchtsloser Vaterlandsliebe sei er Vorbild und Muster auch uns . Alexander von der Marwitz Alexander von der Marwitz Du hoffst umsonst vom Meere , Vom Weltgetümmel Ruh ; Selbst Lorbeer , Ruhm und Ehre Heilt keine Wunden zu . Waiblinger Blühend blieb mir im Gedächtnis Diese schlanke Heldenblume ; Nie vergeß ich dieses schöne Träumerische Jünglingsantlitz . H. Heine Alexander von der Marwitz war der jüngere Bruder des Generalleutnants Ludwig von