haltbar , ihr einen guten Mund machen sollte . Diese Schachtel an der Hand , ging ich am noch lichten Nachmittage durch unsere alte Straße ; sie erschien mir belebter als vor Jahren ; auch sah ich , daß manche neue Verkaufsmagazine errichtet und alte ruhige Werkstätten verschwunden , mehrere Häuser umgebaut und andere wenigstens frisch verputzt waren . Nur das unsrige , ehemals eines der saubersten , sah schwarz und räucherig aus , als ich mich näherte und an die Fenster unserer Stube hinaufblickte . Sie standen offen und waren mit Blumentöpfen besetzt ; aber fremde Kindergesichter schauten heraus und verschwanden wieder . Niemand bemerkte oder kannte mich , als ich eben in die bekannte Türe treten wollte , ein Mann ausgenommen , der mit einem Zollstab und Bleistift in der Hand über die Gasse geeilt kam . Es war der Handwerksmeister , der mich einst auf seiner Hochzeitsreise besucht hatte . » Seit wann sind Sie da , oder kommen Sie eben ? « rief er , eilig mir die Hand reichend . » Diesen Augenblick komm ich « , sagte ich , und er antwortete und bat mich , schnell eine Minute bei ihm drüben einzutreten , eh ich hinaufginge . Ich tat es mit ängstlicher Spannung und fand mich in einem schönen Verkaufsladen , in dessen Hintergrund die junge Frau am Schreibpulte saß . Sofort kam auch sie mir entgegen und sagte : » Um Gottes willen , warum kommen Sie so spät ? « Erschreckt stand ich da , ohne noch erraten zu können , was es sein möchte , das die Leute so erregte . Der Nachbar aber säumte nicht , mich aufzuklären . » Ihre gute Mutter ist erkrankt , so schwer , daß es vielleicht nicht ratsam ist , wenn Sie unangekündigt und plötzlich bei ihr erscheinen . Seit heute früh haben wir nichts gehört ; nun aber ist ' s am besten , meine Frau geht schnell hinüber und sieht nach , wie es steht . Sie warten indessen hier ! « Ohne an eine so traurige Wendung glauben zu wollen , und doch bekümmert , ließ ich mich wortlos auf einen Stuhl sinken , die Schachtel auf den Knien . Die Frau lief über die Gasse und verschwand in der Türe , die mir wie einem Fremden noch verschlossen sein sollte . Die Augen voll Tränen , kehrte die Nachbarin zurück und sagte mit verschleierter Stimme : » Kommen Sie schnell , ich fürchte , sie macht es nicht mehr lang , ein Geistlicher ist dort ! Die arme Frau scheint nicht mehr bei Bewußtsein ! « Sie eilte wieder vor mir her , um hilfreich bei der Hand zu sein , wenn es not tat , und ich folgte mit zitternden Knien . Die Nachbarin erklomm rasch und leicht die Treppen ; auf den verschiedenen Stockwerken standen feierlich Leute unter ihren Türen , leise sprechend , wie in einem Sterbehause . Auch vor unserer Wohnung standen solche , die ich nicht kannte ; meine Führerin im alten Vaterhause eilte auch an diesen vorüber , und ich folgte ihr bis auf den Dachboden , wo ich unsern Hausrat dicht aufeinanderstehen sah und die Mutter in einem Kämmerchen wohnte . Leise öffnete die Nachbarin dessen Türe ; da lag die Arme auf dem Sterbebett , die Arme über die Decke hingestreckt , das todesbleiche Gesicht weder rechts noch links wendend und langsam atmend . In den ausgeprägten Zügen schien ein tiefer Kummer auszuleben und der Ruhe der Ergebung oder der Ohnmacht Platz zu machen . Vor dem Bette saß der Diakon der Kirchgemeinde und las ein Sterbegebet . Ich war geräuschlos eingetreten und hielt mich still , bis er geendet . Die Nachbarin trat , als er das Buch sachte zuschlug , zu ihm und flüsterte ihm zu , der Sohn sei angekommen . » In diesem Fall kann ich mich zurückziehen « , sagte er , sah mich einen Augenblick aufmerksam an , grüßte und begab sich hinweg . Die Nachbarin trat jetzt an das Bett , nahm ein Tüchlein und trocknete sanft die feuchte Stirne und die Lippen der Kranken ; dann , während ich immer noch wie ein vor ein Gericht Gerufener dastand , den Hut in der Hand , die Schachtel zu Füßen , neigte sie sich nieder und sagte ihr mit zarter Stimme , welche die Leidende unmöglich erschrecken konnte : » Frau Lee ! der Heinrich ist da ! « Obgleich diese Worte bei aller Weichheit so vernehmlich gesprochen waren , daß auch die vor der offenen Türe versammelten Weiber sie hörten , gab sie doch kein anderes Zeichen , als daß sie die Augen leise nach der Sprechenden hinwendete . Indessen benahm mir außer der Trauer auch die dumpfe dämmerige Luft des Kämmerchens den Atem ; denn der Unverstand der Wärterin , die in einem Winkel hockte , hielt nicht nur das kleine Fenster verschlossen , sondern auch die grüne Gardine davor , und ich mußte daran erkennen , daß heute noch kein Arzt dagewesen sei . Unwillkürlich schlug ich die Gardine zurück und öffnete das Fenster . Die reine Frühlingsluft und das mit ihr einströmende Licht bewegten das erstarrende ernste Gesicht mit einem Schimmer von Leben ; auf der Höhe der hageren Wangen zitterte leicht die Haut ; sie regte energisch die Augen und richtete einen langen fragenden Blick auf mich , als ich mich , ihre Hände ergreifend , zu ihr niederbeugte ; das Wort aber , das ihre ebenfalls zitternden Lippen bewegte , brachte sie nicht mehr hervor . Die Nachbarin nahm die Wärterin mit sich hinaus , drückte leise die Türe zu ! und ich fiel an dem Bett nieder mit dem Rufe » Mutter ! Mutter ! « und legte den Kopf weinend auf die Decke . Ein röchelndes stärkeres Atmen hieß mich wieder emporschnellen , und ich sah die treuen Augen gebrochen . Ich nahm den leblosen Kopf in die Hände und hielt dies Haupt vielleicht zum ersten