hatte mich zurückgestoßen , mich , die ihn liebte und ihn noch liebte , als er sie verließ ! Ich fuhr nach Paris , ach ! und konnte seine Spur nicht entdecken . Nur auf dem Kirchhofe des Boulevard Montmartre draußen bei den Batignolles wollte man einen jungen Mann bei dem Leichenbegängniß der Louison Armand gesehen haben , der dort die Öffnung des Sargdeckels verlangte und die Leiche mit seinen Küssen bedeckte . Man warf dann die Erde über den Sarg und der junge Mann , sagte man , soll bis in die Nacht auf dem Hügel geweint haben , einige Gräber weiter davon hätte der Bruder der Todten gesessen , stumm die Hand auf das Haupt gestützt . Dann wäre der Bruder zu jenem herangetreten und versöhnt wären sie Beide von dannen gegangen ... O , mein Kind ! Das ist ja ein Roman ! sagte Pauline erschüttert . Das ist ja furchtbar , entsetzlich ! Ich sehe Das vor mir ! Ein Bild , von dem man zu den Künstlern reden möchte ... Und Sie sind parteiisch , Pauline ? Denken Sie nicht an mich ? Helene ! Ich erhielt einen Brief von Egon , worin er von mir Abschied nimmt und mir schreibt , er müsse mich fliehen und die Mission seiner höheren Pflichten beginnen . Er reise in die Heimat . Ha ! Pauline ... ich ihn ziehen lassen ? Nein ! Ich stürzte zu Desiré , der mein einziger Trost , mein einziger Freund war . Der Gute gab mir Geld und zeichnete mir selbst auf der Landkarte den kürzesten Weg vor , um den Geliebten einzuholen . Ich kam zu spät . Hier bewacht ihn jetzt der Tod und Armand - der fürchterliche Rächer seiner Schwester . Ich habe Egon nicht wieder gesehen und wenn er stirbt , sind meine Stunden gezählt . Erschöpft von dieser aufregenden Erzählung sank Helene Gräfin d ' Azimont in die Kissen des Divans zurück . Pauline suchte sie zu trösten . Sie verwies ihr die übergroße Heftigkeit und den Sturm ihrer Empfindungen . Sie würde den Freund damit nur erkälten , sagte sie . Sie schilderte ihr , wie sie ihre Pläne mit Besonnenheit anlegen möchte . Sie pries das Glück , in solchen Dingen von einem guten Gatten nicht behindert zu sein , ja sie wies selbst auf die Möglichkeit hin , daß Rafflard hier zu einer Ausgleichung führen könne , da er den jungen Fürsten von Genf her kennen müsse . Sie bat sie ferner , diesen Schmerz ums Himmelswillen nicht zu sehr zur Schau zu tragen . Sie lebe nicht in Paris . Die Maximen der Gesellschaft hätten seit kurzem einen merkwürdigen Umschwung erlitten . Sie würde sich und alle ihre Freunde compromittiren , wenn sie diesen Roman hier so fortsetzte , wie sie ihn in Paris begonnen hätte . Der Hof wäre in solchen Dingen von einer unglaublichen Empfindlichkeit . Sie könnte sich den abscheulichsten Demüthigungen aussetzen ... Helene blickte auf und sagte stutzend : Das Alles sind die Antworten einer Freundin ? Einer Dichterin ? Pauline raffte den letzten Rest von Schwärmerei , der ihr zu Gebote stand , zusammen , warf das verlöschende Licht ihrer Augen noch einmal empor , daß das Weiße einen blitzenden Schimmer von sich gab , und sagte : Helene ! Ach , ich verstehe Sie ganz . Aber ... Helene schluchzte . Pauline hielt sie tröstend , aber auch seufzend , an ihrem » mitfühlenden Herzen « . Zweites Capitel Begegnungen Als sich Helene etwas erholt hatte , begann die junge schöne Frau mit leidender Stimme : Ich hörte die gute , kluge Freundin , ich schätze Ihren Rath , aber um Egon kann ich Alles dulden . Wie oft schon hat er in Zornausbrüchen mich in meiner Liebe gekränkt ; ich fühle die Bitterkeit seiner Worte wohl und jammere , aber lieben muß ich ihn doch . Machen Sie nur mich zu Ihrer Vertrauten ; ich beschwöre Sie ! Niemanden sonst ! sagte Pauline dringend . Ich versprech ' es Ihnen , antwortete Helene . Ach , Sie sind glücklich . Ja ! Sie sind Dichterin . Wenn Sie aus allen Adern bluten und Sie die Wunden , die Ihnen die grausame Welt schlug , dem Tode nahe bringen , dann kommt die Muse als Trösterin und Sie können sich wenigstens Ihre eigene Grabschrift schreiben . Ich habe keine Kunst , die mich rechtfertigt ; kein Talent , das mich tröstet . Musik ! Ein wenig Musik ! Aber nur im Tanze könnt ' ich mich eigentlich aussprechen , im rasendsten Tanze . Wie ein indischer Shamane möcht ' ich mich so lange um mich selbst drehen , bis ich rasend werde und todt niedersinke ... Sprechen Sie von der Kunst nicht , liebe Helene , sagte Pauline und legte die fröstelnde Hand auf Helenens heiße Stirn . Die Zeit der Kunst ist vorüber . Ich bin die nicht mehr , die Sie vor drei Jahren kannten , Helene . Die starken Gefühle sind einer frostigen , prüden Analyse erlegen . Nur die Unschuld noch wird bewundert und das Naive groß genannt . Tändelnde Kinder drückt man wie zarte Lämmer mit rothen Bändchen und Silberglöckchen an ' s Herz . Die liebenden und aufopfernden Ehegattinnen sind die einzigen , die man von unserm Geschlechte noch anerkennt . Die Politik soll , wie man sagt , eine Art Reinigung der Gemüther geworden sein . Ich weiß Das nicht , aber es ist so ; es soll so sein . Man muß sich vor den allgemeinen Thatsachen demüthigen . Es ist auch in Paris so , sagte Helene . Wenn aber eine gewisse Stabilität wieder hergestellt sein wird , wird sich auch diese Verirrung legen . Sie sagen : » Verirrung ? « ... bemerkte Pauline lächelnd und fuhr fort : Glauben Sie daran ! Sie sind noch jung , Sie vermögen noch alle diese Erscheinungen mit einem liebebedürftigen Herzen abzuwarten . Für uns aber , liebe Helene