von ihm gefallen lassen , so macht sich unser After-Sokrates abermals den für seine Leser ziemlich langweiligen Zeitvertreib , durch eine Menge unnöthiger , zum Theil lächerlicher und kindischer Fragen , und kopfnickender oder platter Antworten des ehrlichen Glaukons , herauszubringen : worin die Weisheit , Mannskraft und Zucht bestehe , in welchen ( nebst der Gerechtigkeit ) er den unterscheidenden Charakter seiner Republik setzt , und von welchen die erste den Regenten , die zweite den Beschützern vorzüglich beiwohne , die dritte aber ( wie er sehr sinnreich und spitzfindig darthut ) durch die gebührende Subordination der zwei untern Bürgerclassen unter die oberste , eine mit dem , was man in der Musik Diapasôn ( die Octave ) nennt , vergleichbare Harmonie des ganzen Staats hervorbringe . Wir hätten also ( fährt er nun fort ) die drei ersten Formen der Tugend oder der Vollkommenheit , die unsrer Republik eigen seyn soll , gefunden : welches wäre dann die noch übrige ? Doch wohl die Gerechtigkeit ? Gl . Ja wohl ! Sokr . Was haben wir also nun zu thun , lieber Glaukon , als daß wir , nach Jägerweise , einen Kreis um diesen Busch schließen , damit uns die Gerechtigkeit nicht etwa unvermerkt entwische und aus dem Gesicht komme ; denn daß sie hier irgendwo stecken muß , hat seine Richtigkeit . Schaue also überall scharf herum , ob du sie vielleicht eher als ich gewahr werden und mir zeigen kannst . Gl . Ja , wenn ich das könnte ! Aber so fern sonst nichts nöthig ist als dir zu folgen und zu sehen was du mir zeigst , bin ich dein Mann . Sokr . Nun so komm denn mit , und mögen uns die Götter Glück zu unsrer Jagd verleihen ! Gl . Das ist auch mein Gebet . Sokr . Der Ort scheint mir ziemlich steil und so verwachsen und dunkel , daß kaum fortzukommen ist . Wollen ' s aber doch versuchen ! Gl . Das wollen wir ! Sokr . Heida ! Heida , Glaukon ! Mich däucht ich bin auf die Spur gekommen ; nun soll sie uns hoffentlich nicht entwischen . Gl . Das ist mir lieb zu hören . Sokr . Ei , ei ! was seh ' ich ? da haben wir ja alle beide einen erzdummen Streich gemacht ! Gl . Wie so ? Sokr . Sind wir nicht auslachenswerth , daß wir uns so viele Mühe gaben etwas zu suchen , das uns gleich von Anfang an so nahe lag ? Wir sahen darüber weg , und suchten in der Ferne , was uns diese ganze Zeit über vor den Füßen herumkollerte . Gl . Wie soll ich das verstehen ? Sokr . Ich will sagen , wir reden und hören schon wer weiß wie lange davon , und merkten nicht , daß wir nur mit andern Worten von nichts anderm redeten . Gl . Welche lange Vorrede für einen , dessen Wißbegierde du so sehr erregt hast ! Sokr . Nun so höre denn ! - Ich gestehe sehr gern , Eurybates , daß mir die Natur den besondern Sinn versagt hat , der dazu gehört , um an dieser niedrig komischen Vorbereitungsscene zu einer so ernsthaften Untersuchung Geschmack zu finden . Ich erkenne in dieser unzeitig schäkerhaften Hasenjagd , wobei der Leser sich noch allerlei possierliche Gebärdungen und Grimassen hinzu denken muß , höchstens eine verunglückte Nachahmung irgend einer Aristophanischen Possenscene , und allenfalls den Pseudo-Sokrates der Wolken , aber nichts weniger als die fröhliche Laune dieses immer heitern und wohlgemuthen , aber zugleich immer gesetzten und die Würde seines Charakters nie vergessenden Sokrates , mit welchem ich lange genug gelebt habe , um das feine Salz , womit sein Scherz gewürzt zu seyn pflegte , von dem widerlichen Meersalz unterscheiden zu können , worein Plato hier ( im Zorn der Grazien , die ihm sonst hold genug zu seyn pflegen ) einen so unglücklichen Mißgriff gethan hat . Und was ist nun das Resultat der Entdeckung , die er itzt auf einmal gemacht haben will , nachdem er uns schon so lange in so weit ausgeholten Kreisen um den Brei herumgeführt hat ? Oder vielmehr , wie sieht denn der Vogel aus , den er diese ganze Zeit über in der Hand hatte , und uns in einem Anstoß von jugendlich muthwilliger Spaßhaftigkeit selbst so lange in allen Hecken und Büschen suchen half ? - Man erwartet , wie billig , daß er sich endlich entschließen werde die Hand aufzuthun , und dem armen , vor Neugier und Ungeduld beinahe platzenden Glaukon den seltnen Wundervogel vorzuzeigen . Aber nein ! Dieser Sokrates sagt und thut nichts wie andre Menschenkinder , und bei ihm wird uns das schale Vergnügen einer immerwährenden Ueberraschung bis zur Uebersättigung zu Theil . Er öffnet zwar die Hand nur eben so weit , daß das Vögelchen mit der Spitze des Schnabels hervorgucken kann , macht sie aber sogleich wieder zu , fängt wieder von neuem zu subtilisiren und chicaniren an , und wozu ? - Um durch eine Menge unnöthiger Fragen ( womit er den ehrlichen Glaukon und uns um so billiger verschonen konnte , da das alles im Vorhergehenden bereits einige Stunden lang mit der mühseligsten Genauigkeit aufs Reine gebracht worden war ) und durch eine lange Reihe von Gleichungen zu unsrer großen Verwunderung endlich heraus zu bringen : die Gerechtigkeit seiner Republik bestehe darin , daß ein jeder einzelner Bürger der drei Classen , aus welchen sie zusammengesetzt ist , schlechterdings nur das Eine , wozu er am meisten Geschick hat und wodurch er dem Ganzen am nützlichsten seyn kann , und sonst nichts anders treibe . Wenn ich die verschiedenen , zum Theil sehr verschraubten Formeln , in welchen er diesen Satz aufstellt , recht verstehe , so läuft alles darauf hinaus : daß in seiner Republik jeder Mensch und jedes Ding gerade das ist , was es seiner Natur und Bestimmung nach seyn