und politischen aus , betrachtet werden . Das Urteil über dieselben Vorgänge wird sich danach sehr verschieden gestalten . Was zunächst die juristische Seite angeht , so hatte Hardenberg selbst das Recht der Stände anerkannt und mehr denn einmal der patriotischen Haltung derselben die königliche Anerkennung ausgesprochen . Nichts konnte deshalb falscher und begriffsverwirrender sein , als das Eintreten für ein derartig anerkanntes Recht auf Rebellion zu deuten . Da es dennoch geschah , mag , wo nicht politische Berechnung und reformatorischer Eifer ein richtigeres Urteil trübten , als Beweis dienen für den Servilismus und die Indolenz jener Zeit . Noch einmal , das Recht war unbestreitbar auf seiten der Stände und dies ständische Recht war verletzt . Gegen diese Verletzung hatte Marwitz protestiert . Der Protest war mutig und ehrenhaft . Aber freilich , wenn er , außer dem persönlichen Zugeständnis , mutig und ehrenhaft gehandelt zu haben , auch noch Sympathien für die Sache wecken wollte , so mußte sich das Festhalten am Prinzip über den Verdacht einer Donquixoterie , einer bloßen Rechtsmarotte erheben . Auch das beste Recht , wenn es sich sträubt , einem neuen Platz zu machen , muß den Beweis erbringen , daß es mehr ist als ein toter Buchstabe , als eine Last und ein Hemmnis . Es bleibt » Recht « auch ohne diesen Beweis , aber ein Recht , dem jeder wünscht , daß es dem formellen Unrecht unterliegen möge . Das fühlte Marwitz sehr wohl . Er verteidigte also das Ständische als ein äußerlich ererbtes Gut , aber er hielt es auch aufrecht im vollen Glauben an die innerliche Berechtigung desselben . Dies führt mich von der einfachen Rechtsfrage auf das politische Gebiet . Mußte der alte ständische Bau fallen oder nicht ? Millionen sagten ja , Marwitz sagte nein . Für ihn handelte sich alles um Wiederbelebung ; nicht Tod , nur Lähmung war über den alten , kräftigen Organismus des Landes gekommen ; es galt einen Bann , eine Krankheit von ihm zu nehmen , und alles war wieder gut . Nicht die Paragraphen und Institutionen , die Herzen der Menschen wollte er ändern ; an die Stelle kleiner Gesinnung sollten hohe Liebe und idealer Schwung , an die Stelle philiströser Beschränktheit eine opferfreudige Begeisterung treten , – so wollte er reformieren . Vortrefflich . Aber wie ? wodurch ? Um die Weckung oder Mehrung dieser Dinge hat es sich immer gehandelt . Wie wollte Marwitz an die Herzen heran , wie wollte er das Wunder vollziehen ? Die Antwort auf diese Frage ist er schuldig geblieben . Er zeigte das Ziel , aber nicht den Weg . Die bloße Bußpredigt und ein langes Sündenregister haben noch nie geholfen . Hier liegt sein Fehler , sein politischer Fehler . Das Alte , ob mit Recht oder Unrecht , war jedem ein Greuel geworden ; es war unmöglich , wenigstens damals unmöglich , eine Begeisterung dafür zu wecken ; wenn diese geweckt werden sollte , so mußte es für etwas Neues sein , selbst auf die Gefahr hin , daß es sich als ein Falsches erweisen würde . Es handelte sich zunächst nicht um gesunde Nahrungs- , sondern viel , viel mehr um Belebungs- und Erweckungsmittel . Dies wußte Hardenberg und in dem Sinne handelte er . Und dafür haben wir ihm zu danken . Der alte ständische Staat hatte dem Sturm nicht widerstanden und ein neues Haus mußte bezogen werden , wenigstens auf Probe . Möglich , daß der Zusammensturz nicht an der Schlechtigkeit des alten Baues , sondern an der Heftigkeit des Sturmes gelegen hatte ; möglich das alles , aber die Verhältnisse gestatteten damals nicht , in die Diskussion solcher Fragen einzutreten . Rasche Hilfe war nötig . Dreißig Jahre später lagen die Dinge günstiger , und Friedrich Wilhelm IV. durfte bei seinem Regierungsantritte das Experiment wagen , den unterm Drang der Umstände kritiklos beiseite geworfenen ständischen Staat noch einmal auf seinen Wert und seine Stichhaltigkeit hin zu prüfen . Das Jahr 1847 brachte den vereinigten Landtag . Ob die Formen , unter denen dieser ins Leben trat , ob namentlich die rheinische Bourgeoisie und ihr großer Einfluß dem Marwitzschen Ideal entsprochen hätten , muß freilich dahingestellt bleiben . Diese nur allzu begründeten Zweifel führen mich auf Marwitzens angreifbarsten Punkt , auf sein Verhältnis zum Bürgerstand . Er ließ den » Bürgerstand « gelten , soweit er in die alte ständische Institution hineinpaßte , aber er haßte die » Gebildeten « . Und da die Bürgerlichen zu jener Zeit überwiegend die Träger dieser Bildung waren , so wurde daraus eine Verkleinerung , eine völlig schiefe Stellung zum Bürgertum überhaupt . Daß ihm das damalige , von Revolutionsideen erfüllte Bürgertum , das wenigstens hier und dort die Niederlage von Jena mit Befriedigung vernommen hatte , wenig sympathisch war , war ebenso begreiflich wie berechtigt , aber er verharrte in dieser Abneigung auch noch , als die Ereignisse des Jahres 1813 , und zwar nicht nur die Erhebung des Volks , sondern ganz speziell die Begeisterung der » Gebildeten « , ihm den Beweis geliefert hatte , daß auch ein Bücherwurm und Wissenschaftler für eine gute Sache zu fechten und zu sterben verstehe . Er selbst gab diese Dinge im einzelnen zu , aber dem ganzen Stande gegenüber blieb ihm das aristokratische Vorurteil . Der Adel nahm in seinen Augen nicht nur politisch und gesellschaftlich , sondern auch moralisch eine überlegene Sonderstellung ein ; seine Gesinnung war besser , ebenso seine Haltung , und so viel Wahrheit und partielle Berechtigung , namentlich angesichts unseres märkischen Spießbürgertums , in dieser Auffassung liegen mochte , so führte dieselbe doch gelegentlich zu den allerbedenklichsten Konsequenzen . Eine Anekdote mag dies zeigen . Im Jahre 1806 traf unser Marwitz , wenige Tage vor der Jenaer Schlacht , im Schlosse zu Weimar mit Goethe zusammen . Wie schildert er nun diesen ? » Er war ein großer , schöner Mann , der stets im gestickten Hofkleide , gepudert , mit einem Haarbeutel und