, sie lehre ihre Mathematik , ihre Geschichte , ihre Naturwissenschaften nur , um desto mehr die Männer hochachten und lieben zu lernen , da eben die Männer es gewesen wären , die die Mathematik , die Naturwissenschaften und die Geschichte erfunden hätten ? Lauscht sie den jener unheimlichen Lucinde gewidmeten Erzählungen Schulzendorf ' s , der nach zwei genommenen Tassen Kaffee und einem kleinen Curaçâo sich bald empfehlen zu müssen erklärte und auch von Grützmachern und seinem Pferde abgeholt und von dem schärfer blickenden Auge desselben veranlaßt wurde , gewisse auf dem Balcon sichtbare Persönlichkeiten mit gewissen Notizen in ihren Portefeuilles zu vergleichen ? Oder steht Armgart auch nur zur Seite und glossirt mit Moritz diese » stillen Sonntagsfreuden ländlicher Zurückgezogenheit « und hört die Geschichte , die Herr von Guthmann bei Gelegenheit Lucindens , der spätern Schauspielerin Konstanze Huber , von einem jungen Commis erzählt , mit dem Herr von Binnenthal eine ganz merkwürdige Aehnlichkeit hätte ? Von alledem nichts - Denkt euch einen von Regen träufenden breitastigen Ulmenbaum ! Denkt euch an ihm einen gewaltigen Ast und auf dem Ast einen schmächtigern Zweig und in dem Zweige ein grünes Winkelchen und in dem Winkel ein Vögelchen , das in Sturm und Unwetter , in Regen , Blitz und Donner wie ein ganz klein bucklig Zwergmännlein in seinen aufgeplusterten Federn sitzt ! Mit Augen und Schnabel sitzt der Kopf , mit Krallen und Sporen sitzen die Füßchen ganz in dem Federwulst versteckt . Sonst so schlank , sonst so leicht durch die Blätter hüpfend , hockt das Thierchen wie ein Männlein aus der Gnomenwelt oder wie ein Kind , das Großmütterchens alten Pelzmuff über den Kopf gezogen hat . So verzaubert sitzt Armgart einsam auf der Insel Lindenwerth . Sie wollte nicht mit ... Sie blieb daheim ... Sie blieb in ihrem Schlafsaal Nr. 5 , an dessen äußerm Ende eine der Pensionärinnen ein wenig unpäßlich liegt , die kleine Liddy , die bei Sturm und Ungewitter ruhig in ihrem Bettchen schlummert . Sie hat die Pflege der Kleinen übernommen ... Still ist ' s in dem noch immer düstern Saale , auch nachdem die Schloßen ausgetobt haben . Einige Scheiben knickten ein , glücklicherweise ohne Zugwind durchzulassen ... Armgart zieht sogleich die grauen Fensterladen vor und nun wird ' s in dem Saale mit den fünf leeren Betten und der einen schlummernden Kranken noch gespenstischer . Da hockt sie denn an dem einen freigebliebenen Fenster , an dem nassen Ulmenbaum , an dem kleinen , von ihr dorthin getragenen Nähtisch , vor dem aufgeschlagenen Buche , in dem sie lesen wollte und nicht lesen kann ... in einem Rosenkranz von Gebeten und Gedichten von Beda Hunnius mit einem wundervollen Titelkupferstiche , einen Kranz darstellend von sieben Rosen , die die sieben Schmerzen Mariä enthalten und drüberher triumphirend das Lamm mit der Fahne , das Symbol ihrer schwierigsten und mangelndsten Tugend - der Geduld . Aber sie scheint recht geduldig geworden zu sein ... sie gluckst nur so und duckt sich und » hockelt « , wie die Mädchen sagen . Erst während des Mittagsessens war Angelika den andern nachgekommen mit der Vorsteherin Aloysia . Sie hatten drüben zwei Stunden auf den Pfarrer warten müssen . Und was brachten sie mit ? Mahnungen zum Abwarten ! Und die Mutter schrieb doch - der Pfarrer hatte gestattet , daß Armgart den Brief las - : » Mein gutes Fräulein Angelika Müller ! Ich erhalte von unserm sanften , liebevollen Dechanten aus Kocher am Fall Ihre Einlage an ihn . Sie wissen nicht , daß mir einst mein Kind , mein einziges , wie von Zigeunerhand gestohlen wurde ; daß ich hinausgejagt in Sturm und Verzweiflung hundert vergebliche Versuche machte , mein Kind mir wiederzuerobern , daß ich dann , als alles vergebens , in ein Kloster ging , fast zehn Jahre der Selbsterkenntniß lebte und der eingestandenen Pflicht - , erst mich selbst zu erziehen . Jetzt bin ich fast fünfunddreißig Jahre ; aber ich fühle mich wie mit Siebzigen . In euern Wäldern wußt ' ich mein Kind von meiner Schwester und meinem Schwager liebevoll gehütet , wie ihr eben liebt , wußte sie so erzogen , wie ihr die Menschen erzieht . Ich schildere Ihnen die Sehnsucht nicht , die mich nach meinem Kinde verzehrte , das man mir nur zurückgeben wollte unter der Bedingung , daß ich meinem in seiner Garnison versetzten Gatten folgte . Es trennte mich nichts von ihm , als die freudige Lust , ihm folgen zu können . Zuletzt , als erneute Versuche der Eroberung vergebens waren , beruhigte ich mich mit dem Gedanken , daß ich Armgart vielleicht zum Opfer meiner Nichterziehung gemacht hätte . Wie oft nennen wir Erziehung , was nur ein unglückliches und widerstandloses Dahingeschleiftwerden ist von älterlichen Thorheiten ! Wie oft nennen wir Liebe , was nur ein unglückliches Zermalmtwerden von den Rädern unserer eigenen Entwicklung ist ! Thörichte Mütter , die ihr von der Zärtlichkeit für eure Kinder sprecht und sie nur zu den Opfern eurer Stimmungen macht ! Eure Umarmungen sind nicht deshalb so heftig , weil sie von euerm reinen Herzen kommen , sondern weil sie von eurer Leidenschaft kommen , von eurer Verzweiflung oft um nichts , von eurer verletzten Eitelkeit ! Mit stürmischen Küssen bedeckt ihr eure Kinder und flößt ihnen oft nur Gift ein ! ... So war wenigstens meine Vergangenheit ... Jetzt ist , nach einem langen Klosterleben , vieles , vieles in mir anders . Ich erzog mich , eines Kindes würdige Mutter zu sein . Da soll Armgart ' s Vater zurückkommen und neue Stunden des Kampfes und der Prüfung sollen heraufziehen ? Dem Vater soll gehören , was mit mindestens gleichem Rechte mir gehört ? ... Wie ich diese Zeilen schreibe , bin ich im Begriff Wien zu verlassen und mein Kind , dessen Seelenkampf ich verstehe , den ich jedoch nimmermehr von Armgart allein oder von meinem Gatten werde entscheiden lassen , in meine Arme zu