den fast unhörbaren Schall vernehmen konnte . Auch er kam in seinen Socken an die Türe geschlichen und öffnete sie ohne Geräusch . » Wacht der Graf ? « flüsterte Lisbeth . » Nein « , versetzte ebenso leise der Alte . » Er schlummert im Lehnsessel , das Gespräch mit den beiden Herren hat ihn etwas matt gemacht . Kommen ' s nur herein ! « Kaum den Boden mit ihren Fußsohlen berührend schritt Lisbeth durch das Krankenzimmer . Im Lehnstuhle saß Oswald und schlief . Sein Antlitz war so weiß wie Marmor , er sah vornehmer und prächtiger aus als je . Die schöne Stirn zeigte noch klarer als sonst die lichten , innigen Gedanken , welche hinter ihrer Wölbung wohnten . Leicht gerötet waren die vollen , gutmütigen Lippen , und um sie und um die reinen Wangen schwebte das friedlichste Lächeln . Er träumte vielleicht , und mochte wohl von seiner Liebe träumen . So saß er da , ein reizendes , hohes Jünglingsbild ; eine Mischung von siegfreudigem Apoll und schwärmendem gefühlstrunkenem Bacchus , noch nie so klar in dieser seiner Grundform ausgeprägt , als heute , wo die geschlossenen Wimpern allen Zügen etwas Festes und Ewiges gaben . Lisbeth näherte sich dem Schlafenden und beugte sich über sein Haupt . Aber sie rührte ihn nicht an und ließ kaum ihren Atem um seine Wangen spielen , um ihn nicht aufzuwecken . Dann legte sie leicht und leise wie eine beschenkende Himmelsgestalt ihren schönen Kranz von roten , gelben und blauen Astern in seinen Schoß . Und dann setzte sie sich ihm gegenüber in einen Sessel und sah ihn , die Hände über der Brust gekreuzt , lange an . Nachdem sie so lange stumm gesessen , wendete sie ihr Antlitz . Der Alte stand ihr zur Seite und empfing ihren ersten Blick . Von diesem Blicke erschüttert , sank er leise auf das Knie und küßte ihre Hand . Die Gnostiker erzählen , daß die Engel einst eine unaussprechlich schöne Gestalt flüchtig an sich vorüberschweben sahen , die sie nachmals nie wieder erblickten , obgleich sie äonenlang mit heißer Sehnsucht einer zweiten Erscheinung harrten . Sie schufen dann endlich , sagen die Gnostiker , in Nacherinnerung an die Geschaute , ein schwaches Abbild jenes himmlischen Urbildes . Dieses Abbild war der Mensch . Es kann sein , daß in Lisbeths Zügen etwas von dem Ausdrucke der den Engeln einst erschienenen Schönheit schimmerte . Der Alte stammelte flüsternd : » O liebe , liebe , junge gnädige Gräfin . « Lisbeth errötete . » Warum nennst du mich immer schon so ? « fragte sie leise . » Weil ich mir Sie gar nicht als Liebste oder Braut denken kann , sondern Frau sind Sie , liebe Frau von meinem jungen Herrn , gar kein ' Sehnsucht nicht und kein Verlangen , sondern schon ganz eins mit ihm und herzenseinig . « » Nun sage mir , wie geht es ihm und wovon hat er heute gesprochen ? « fragte Lisbeth . » Ach « , sagte der Alte , » Kranke haben so ihre wehmütigen und zaghaften Stunden . Mein Herr sagte heut ' , das Glück , was er mit Ihnen haben würd ' , käm ' ihm gar zu schön und herrlich vor , er könnt ' nicht aussprechen , wie unsäglich lieb er Sie haben tät ' , und deshalb fürchtete er , die wüste Welt würd ' sich drein legen zwischen ihn und sein Glück , und der Damon würde drauf treten - « » Dämon sagte er wohl « , sprach Lisbeth . » Dämon oder Damon , ' s kommt alles auf eins heraus , er meinte aber gewiß den Teufel « ; fuhr Jochem fort . - » Er sagte diese trübseligen Sachen viel schöner und besser , als ich sie hervorbringen kann , indessen hatt ' ich rechte Müh ' , ihm Trost einzusprechen . « Lisbeth nahm die Hand des Alten und lispelte : » Wenn er erwacht , so sage ihm , ich sei hier gewesen und habe mich an ihm gefreut . Sage ihm dann auch , er solle mir nicht übelnehmen , besuche ich ihn morgen und auch vielleicht noch übermorgen nicht , denn ganz gesund müsse er erst sein , wenn er mich sehen solle , und ich sei ohnedies doch immer und ewig bei ihm . « - Tief atmend , aber so leise , daß der Alte sein Ohr ihren Lippen nähern mußte , setzte sie hinzu : » Und weiter sollst du ihm sagen , er müsse sich nicht vor der Welt und dem Dämon fürchten , denn er sei mein Oswald und ich sei seine Lisbeth , und die Welt und der Dämon hätten keine Macht über zwei Menschen , die einander von Grund des Herzens gut seien . Er solle nur ganz getrost an mich denken , denn ich sei Er , und er sei Ich , und wir seien Eins , und zwischen uns könne nichts kommen . « » Werd ' alles genau ausrichten und bestellen « , antwortete der Alte . » Und ' s ist gut , daß mein Herr es nicht von Ihnen hört , denn mit Ihrer Stimm ' und dem ganzen Ton vorgetragen , möcht ' s ihn doch unruhig machen und der Brust noch schaden . Aber wenn ich ' s ihm in meiner groben Manier erst zuricht ' und hinterbring ' , so überwindet er ' s schon eher . « Lisbeth erhob sich und ging . Bald nachher erwachte Oswald und hörte vom Alten , welche liebliche Zuversicht seinem Schlummer nahe gewesen sei . Viertes Kapitel Die Leiden einer jungen Strohwitwe Indessen schien wirklich die idyllische Liebe bei ihrem Zusammentreffen mit der Außenwelt bösen Geschicken entgegenzugehen . Denn der Oberamtmann wiederholte am folgenden Tage in einem zweiten ruhigeren Gespräche dem Diakonus seine unerschütterlichen Vorsätze . Die schöne Clelia , welche bei der höchsten Gutmütigkeit doch alle