beschäftigte , als die Nothwendigkeit , sich von Hildegard zu trennen . Er nahm ein Etui heraus , in welchem sich eine Silhouette von ihm befand , die er , in Erwartung des Feldzuges , für die Gräfin Rhoden zum Andenken hatte machen lassen . Später , als er seine Wünsche auf Hildegard gerichtet , hatte er dieser das kleine Bildniß bestimmt , und jetzt war er unsicher , ob er es überhaupt einer der Frauen anbieten dürfe und solle . Von jener Leidenschaft , welche die Dichter besingen , von jener überwältigenden Liebe , deren Feuer die Jugend so durchglüht und umleuchtet , daß ein ganzes Leben davon bis in seine fernsten Tage erwärmt und verschönt wird , fühlte er nichts in sich . Von dem unwiderstehlichen Zuge , von dem naturgewaltigen Müssen , die zwei Menschen zwingen , sich einander zu eigen zu geben , empfand er keine Spur . Er liebte Hildegard also nicht eigentlich , er hatte sich über seine Empfindung für sie getäuscht , hatte die Freundschaft , das Wohlgefallen , mit denen er an ihr hing , für ein wärmeres Gefühl gehalten , und wie peinlich diese Erkenntniß und die aus ihr folgenden Schritte für ihn in diesem Augenblicke auch sein mochten , durfte er es doch immer als ein Glück bezeichnen , daß er seines falschen Wahnes rechtzeitig inne geworden und vor dem Loose bewahrt worden war , sich im Herzensirrthume unwiderruflich an ein Mädchen zu binden , dem er keine wahre Liebe entgegenbrachte und mit dem er also eben so wenig glücklich werden , als er es mit seiner unvollständigen Liebe glücklich machen konnte . Er hatte Erinnerung genug an seine Kindheit , um eine unglückliche Ehe sehr zu fürchten , aber eben so schreckte er vor der Nothwendigkeit zurück , Hildegard seinen Selbstbetrug einzugestehen und von ihr wie von ihrer Mutter seine Vergebung zu fordern . Alle seine Geschäfte waren abgethan , er stand allein in dem jetzt leer aussehenden Zimmer und blickte zerstreut auf die Straße hinaus . Von Minute zu Minute verschob er es , sich zu entschließen . Es war dunkel , der Wind hatte sich gelegt , Renatus fand keinen festen Anhaltspunkt für seine Vorstellungen . Wie manchen Marsch in dunkler Nacht , wie manchen dunkeln Weg werde ich zu gehen haben , und wer weiß , auf welcher dunkeln Straße mir mein Todesloos geworfen wird ! sagte er mit einem Male zu sich selbst , und es ergriff ihn , daß ihm eben eine solche Idee gekommen war . Sollte das eine Ahnung sein ? Er wurde immer trauriger . Er konnte es sich nicht verhehlen , seiner Kindheit , seinem ganzen Dasein hatte der rechte , heitere Glanz gefehlt , und wie er in dem Lebensherbste seines Vaters geboren worden , war jetzt auch der Stern seines Hauses über die Mittagshöhe hinaus und nicht mehr im Steigen . Von früh auf hatte man ihn auf den Wahlspruch seines Wappens , auf das » Fortis in adversis « verwiesen , das er noch vorhin mit so viel Selbstbefriedigung betrachtet . Er hatte die Worte auch oft im Munde geführt , aber er hatte dabei immer an große , plötzliche Unglücksfälle gedacht , denen gegenüber man sich mit entschlossener That schnell und muthig zu bewähren hätte . Die Widerwärtigkeiten , die inneren Hindernisse und Zweifel , mit denen zu kämpfen ihm beschieden war , hatte er damals noch nicht gekannt , und Ehre und Ruhm , wie sie ihm begeisternd vor der Seele schwebten - wo sollte er sie erringen ? In dem Kriege , zu welchem das Volk , das Heer des großen Friedrich jetzt unter dem Adler seines Unterdrückers auszog , waren sie für einen preußischen Edelmann nicht zu suchen und zu finden . Er hielt inne , als er in seinen Gedanken auf diesen Punkt gekommen war ; denn das , eben das , hatte ja Tremann gestern ausgesprochen . Es war nicht anders , Tremann hatte Recht gehabt , und mit allen seinen Vorsätzen und Entschlüssen kam Renatus nicht über die Schranke hinaus , in welche er durch seine Verhältnisse gebannt war : die Gesetze der Standesehre zwangen ihn , wider seine Neigung , ja , gegen seine Ueberzeugung zu handeln . Wohin er sich auch wendete , nirgends hatte er einen klaren , freien Ausblick , nirgends sah er einen leichten Weg für sich offen , und doch war er durch seine Geburt auf die Höhen des Lebens gestellt und über die große Menge hinausgehoben ! - Er wußte sich nicht zu helfen in seiner stolzen Verzagtheit , und weil ihm Alles nur schwerer und trüber erschien , je länger er darüber nachsann , faßte er sich endlich gewaltsam zusammen , um das Nöthigste abzuthun und sich wenigstens nach der einen Seite Luft und Freiheit zu verschaffen . Renatus hatte von seinem Hause bis zu der Wohnung der Gräfin ziemlich weit zu gehen und also hinlängliche Muße , sich zu überlegen und zu wiederholen , wie er sein Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen versuchen solle . Weil er die regelmäßigen Gewohnheiten seiner Freunde kannte , fiel es ihm leicht , sich die Lage , in welcher er sie antreffen werde , vorzustellen , sich den Gang auszumalen , den das Gespräch wohl nehmen würde , und sich danach die Form zurechtzulegen , in welcher er von der Unterhaltung über seine äußeren Angelegenheiten auf seine Empfindungen und innerlichen Erlebnisse überleiten könne , und er hatte eine gewisse Fassung und Haltung gewonnen , noch ehe er vor der Thüre der Gräfin anlangte . Er sah zu ihren Fenstern hinauf , das Licht schimmerte durch die Vorhänge , die beiden großen Myrtenstöcke warfen ihren Schatten gegen dieselben . Die Gräfin hatte diese beiden Myrten bei der Geburt ihrer Töchter , nach der Sitte ihres Hauses , selbst gepflanzt ; es waren unter ihrer sorglichen Hand zwei schöne Stöcke geworden , sie sollten einst die Kränze für ihre Töchter liefern . Renatus hatte vor Hildegard