, stand auf und entließ ihn mit Wohlwollen , worauf in einem guten Schlafzimmer er sich ins Bett warf und , ohne einen weitern Gedanken zu verlieren , sofort einschlief . Zehntes Kapitel Heinrich schlief wie ein Murmeltier bis zwölf Uhr des andern Tages ; eben erwachte er und rieb sich sehr zufrieden die Augen , als der Graf hereinkam und sich nach ihm umsah . » Guten Tag , mein Lieber ! Wie geht ' s Ihnen ? « sagte er und setzte sich an das Bett , » bleiben Sie ruhig liegen und duseln sich gemütlich aus ! « Heinrich tat das auch und sagte » O es geht gut , Herr Graf ! Wieviel Uhr ist es denn ? « - » Es ist gerade zwölf Uhr « , erwiderte jener , » es freut mich , daß Sie in meinem Hause so gut geschlafen haben . Nun halten Sie vorerst eine gute Einkehr bei uns und tun Sie ganz , als ob Sie bei den besten und zuverlässigsten Freunden wären , von denen Sie wohl hergestellt und guten Mutes wieder auslaufen werden ! Aber nun hören Sie , Sie sind mir ja ein köstlicher Gesell ! Wir blieben gestern nacht noch ziemlich lange auf , und da wir von Ihnen sprachen , fiel uns ein , daß die Bildermappe noch im übel verschlossenen Gartensaale lag . Ich gehe selbst hin , sie zu holen , denn ich wünschte nicht , daß irgendein Unheil damit geschehe , und bemerke , daß auf dem Kaminsims ein kleines verkommenes Paketchen liegt ; ich mußte lachen und dachte Gewiß sind dies die armütigen Effektchen unseres armen Kauzes von Vagabunden ! Ich nahm es in die Hand und fand , daß die Hülle vom Regen und vom Tragen aufgelöst war und auseinanderfiel , und siehe da , statt etwa eines Strumpfes oder eines Schnupftuches , wie ich dachte , fällt mir ein ganz durchnäßtes Buch in die Hand ; neugierig schlage ich es auf und sehe lauter Geschriebenes , und indem ich die erste Seite lese , vermute ich sogleich , daß Sie Ihre eigene Geschichte geschrieben haben . Ich sehe das Ding etwas genauer an und erkenne an den Data , daß es Ihre Jugendgeschichte ist , die Sie schon damals mit in die Fremde genommen haben und mit welchem Buche der Erinnerung , als Ihrer letzten Habseligkeit , Sie sich wieder aus dem Staube machen ! Ich laufe mit den Sachen zurück und rufe : Seht , Leute ! Unser Mensch schlägt sich mit seinem Jugendbuche durch Regen und Sturm , wie Vetter Camoens mit seinem Gedichte durch die Wellen ! Der Spaß wird köstlich ! Dortchen nimmt das Buch und besieht es von allen Seiten . Ach du lieber Himmel , ruft sie , das arme Buch ist ja durch und durch naß und droht zugrunde zu gehen ! Das muß sogleich getrocknet werden ! Es wird ein frisches Feuer in den Ofen gemacht , das Mädchen setzt sich auf ein Taburettchen davor und hält das Buch , die Blätter auseinanderschüttelnd und es umwendend und kehrend , sorgfältig an das Feuer , und in weniger als einer Viertelstunde ist das tapfere Werk heil und gerettet . Nun aber lasen wir noch länger als zwei Stunden darin , an verschiedenen Stellen , und wechselten mit dem Vorlesen ab , und diesen ganzen Vormittag hab ich auf meiner Stabe darin gelesen . Auf den letzten Blättern stehen einige Gedichte , die haben Sie allem Anscheine nach erst neulich gemacht und hineingeschrieben ? « Heinrich bejahte dies und wurde rot , und der Graf fuhr fort » Ich will mich gar nicht entschuldigen für unsere Indiskretion ; es macht sich so alles von selbst , und wir wollen unsere Unverschämtheit nun mit gänzlicher Freundschaftlichkeit abbüßen . Zuerst muß ich Sie einmal küssen , Sie sind ein allerliebster Kerl ! « » Bitte , Herr Graf ! « sagte Heinrich und duckte sich ein bißchen unter die Decke , » Sie sind allzu gütig ; aber ich mache mir nicht viel daraus , Männer zu küssen ! « » Ei , sieh da ! « rief der treffliche Mann , » Sie schlaues Bürschchen ! Aber trotz alledem müssen Sie mich doch ein bißchen wohl leiden , ich verlange es ! « » O gewiß , sag ich Ihnen « , erwiderte Heinrich , mit schüchternen und doch zutulichen Worten ; » ich kann Sie gar nicht genug ansehen , so sehr gefallen Sie meinen Augen und meinem Herzen ! « Und er sah ihn dabei wirklich mit glänzenden Augen an . » Nun denn « , sagte der Graf mit feinem und gerührtem Lächeln , » so müssen Sie durchaus geküßt sein zur Besiegelung unseres guten Einvernehmens ! « Er umarmte Heinrich und küßte ihn herzlich , und dieser küßte ihn , sein leises Sträuben aufgebend , herzhaft , und seine Augen füllten sich mit salzig heißem Wasser , da er endlich einen solchen ältern Männerfreund gefunden nach langem Irrsal . Denn über einen rechten Mann scheint die Welt wieder gelungen , recht und hoffnungsvoll zu sein . Schweigend sah er den Grafen an , und dieser schwieg auch eine Weile ; dann drückte Heinrich die Augen in das Kissen und suchte sie verstohlen zu trocknen , sagte aber dann » Es geht mir recht närrisch ! Als ich ein Schuljunge war , war nichts imstande , mir Tränen zu entlocken , und ich galt für einen verstockten Burschen ; seit ich groß geworden bin , ist der Teufel alle Augenblick los , und höchstens bring ich es zu einem oder zwei gänzlich trockenen Jahrgängen ! « Der Graf nahm seine Hand und sprach » Gedulden Sie sich noch ein paar Jährchen , und dann wird es vorbei sein und standhaftes trockenes Sommerwetter werden . Es ging mir geradeso vor zwanzig und dreißig Jahren und reut mich noch heute nicht ! Doch nun stehen Sie auf , ziehen sich an und