Und es war drückend heiß . Er lehnte sich aus dem Fenster , um Luft zu schöpfen . Die Nachmittagssonne brannte von dem wolkenlosen Horizont auf die breiten Straßen Berlins . Die geputzten Spaziergänger , die nach dem Thiergarten eilten , suchten die schmale Schattenseite . Er hörte ihre Gespräche . Nicht Einer , der nicht dem Andern zurief : » Das ist mal heiß ! « Jener machte die Bemerkung : Anno 99 wäre es doch noch heißer gewesen . - » Ja , ja . so geht ' s ! « schlössen zwei Bekannte mit einem vielsagenden Händedruck ein Gespräch , in welchem sie sich eben nichts zu sagen gewusst . » Schlechte Zeiten ! « - » Wenn nur Friede bleibt ! « - » Meinen Sie ? - Ja - ja - wer weiß ! « - » Hab ' ich ' s Ihnen nicht immer gesagt , es geht oder es geht nicht . « - » Ja , wenn nicht der Bonaparte wäre ! « - » ' Ne sappermente Wirtschaft ! « - » Na , man wird ja sehen . « - » Und das Bier auch immer schlechter . « - » Saure Gurkenzeit , Herr Gevatter ! « - » Die armen Komödianten ! « rief eine geputzte Dame . » Nein , an solchem Tage spielen zu müssen ! « - » Und Belmonte und Constance ! « - » Und in Pelzen , hu , Einem schaudert ! « - » Und wie leer wird es sein ! « - Hinter den Geputzten schlenderte wie ein Opferthier , nicht eins , das erst gebraten werden sollte , sondern das gebraten war vom Sonnenbrand , ein junger Bursch im Sonntagsrock . Der Mund offen , die blaßblauen Augen unter den glatt herabhangenden Stirnhaaren der Ausdruck eines Minimum von Seele . Plötzlich aber belebten sie sich von Pfiffigkeit ; halb pustete , halb pfiff er , und war seitwärts gesprungen nach dem Straßenbrunnen . Rasch klirrte die Pumpe , und seine Lippen schlürften aus Herzenslust an dem dick vorsprudelnden Wasserstrahl . Warum musste er es so laut machen , daß die Schwestern sich umsahen : » Aber Karl , Potz Wetter , wie unanständig ! « - » Nein Mutter , sieh ! der Karl ! der Junge hält doch nie auf Reputation . Als ob er von ' ner Schusterfamilie wäre ! Wie ein lebendiger Straßenjunge ! « - » Warte nur , wenn der Vater ! « - » Du kriegst ja draußen Weißbier , Karl , « rief die Mutter . » Wenn nur die wirklichen lebendigen Straßenjungen es nicht gehört hätten . « Es schnalzte und grinste : » Straßenjungen ! Wer sind denn Eure Straßenjungen ! « - » Und wer sind sie denn ! Aus der Fischerstraße ! « - » Wenn man sie nicht kennte ! Die näht Pantoffeln . Selbst Schuster ! « - » Und die Andre - Schneidermamsell bei den Komödianten . « - » Dicke thun hilft nichts . « - Hätten die geputzten Damen nur geschwiegen ! Aber sie schwiegen nicht . Sie mussten ihre Ehre vertheidigen . Die Straßenjungen ließen sich in Berlin nicht überschreien . Die korpulente Mutter ermahnte ihre Töchter , sich mit dem » Kropzeug « nicht abzugeben . » Selbst Kropzeug ! « war das Echo . Das war natürlich nicht zu ertragen . Die Frau rief aus Leibeskräften nach ihrem Manne : ob er das dulden wolle , seine Frau Kropzeug genannt ! Der Mann schien schon vorausgeschickt , das jüngste Kind auf dem Arm , damit die Ehre der geputzten Familie nicht kompromittirt werde . Sein blauer Überrock mit dem hochstehenden Kragen , in den der Kopf beinahe versank , die groben Kniestiefel und das weit aus ihnen hervorblickende Pfeifenrohr passten allerdings nicht zur Eleganz des weiblichen Theils der Familie , und man durfte annehmen , daß er sich bei Hofjägers an einen aparten Tisch setzen müsse . Aber in der Noth hört solche Distinktion auf . Während der Mann zurückkeuchte , so hastig , daß der Pfeife die Spitze abbrach , und er jetzt vollkommen Grund hatte zum Zorn , hatte der Auftritt schon eine andere Physiognomie angenommen . Fritz war von den Schwestern animirt worden . Daß einer der Straßenjungen sich dicht vor sie gestellt und die Zunge » geblökt « , durfte er doch nicht dulden . Der Thäter lag auf dem Boden , und Fritz auf ihm , es war indeß zweifelhaft , ob er nicht bald unter ihm liegen würde . Da war es eben so natürlich , daß der Vater mit dem zerbrochenen Pfeifenrohr darunter sprang . Es war auch nicht mehr Geschrei , kaum mehr das , was man in Berlin ein Aufgebot nannte , es war das nächste daran . Vorübergehende standen schon , wie es sich schickt , entweder still oder nahmen Theil , als ein Einspänner um die Ecke bog und den Knäuel in etwas trennte . Es waren anständige Leute auf dem Wagen , der Herr Hoflackirer und seine Frau mit ihrer Cousine Charlotte , deren Vaternamen uns noch immer ein Geheimniß blieb . Anständige Leute stoßen Achtung ein , besonders , wenn sie Wagen und Pferde haben . Anständig will Jeder sein . Der Herr Hoflackirer hatte aber seinen Rock geknöpft und trug seinen Hut wie ein vornehmer Mann , auch kutschirte er selbst , und das Gestränge glänzte , wenn auch nicht von Silber , doch von etwas , was wie Silber aussah . Hätte er nun die Peitsche knallen lassen , und ein donnerndes Wort gesprochen von Auseinander ! und Ruhe und Ordnung , und hätte den Wagen durchrollen lassen , dann wäre Alles gut gewesen ; aber er fragte : » Was ist denn hier los ? « Und seine Damen erkundigten sich noch eifriger . Bei dem Durcheinander von Antworten schien der Streit jetzt erst recht anzufangen . Wenn man nicht darüber ins Reine kam