Ach ! Als wir uns vor drei Jahren wiedersahen , Pauline , begann Helene mit schwacher Stimme , da war ich im Begriff , aus Verzweiflung über dies Erdenleben irgend eine Thorheit zu begehen . War ' ich katholisch , wer weiß , ob ich nicht die Mauern eines Klosters aufgesucht und in der Liebe zum Christ ( Helene brauchte diese französische Wendung ) in der Liebe zum Christ meine unverstandenen Schmerzen gesammelt hätte ! O eine so dürstende Seele wie die meine und nichts als das schale Wasser des Alltäglichen zur Erquickung ! Belcotti , Addington , Bardanski ... ich schäme mich ! Abscheulich ! Es waren Flämmchen auf diesem Sumpfe gewesen , den ich Leben nannte . Ich hatte den Einen gern singen , den Andern gern wetten , den Dritten gern raisonniren hören und mit allen gern zu vier Händen die Capricen Chopins und Liszt ' s gespielt ... Pauline ! Das war Alles . Ich kann sagen , ich hatte in diesen Flammen nur die Flügel verbrannt . Sie wuchsen wieder , als ich diese Menschen verachtete . Ich wollte mich Desiré widmen . Desiré war gut , o gut ! Er fühlte sich krank und sagte mir oft : Helene , werde etwas philosophischer ! Wenn ich todt sein werde , kannst du ein neues Leben beginnen ! Eine Witwe von dreißig Jahren im Besitz einer Million und mit einem Herzen voll Poesie und unerschöpfter Hingebung ist die Königin der Erde ! Ich gelobte ihm , sage zu sein und ich war es , bis meine Stunde schlug . Wir ziehen aufs Land . Desiré hatte eine wunderschöne Villa am See von Enghien gekauft , sie ausbauen , sie verschönern lassen . Ich lebte nur dieser Villa , auf die mich die Eisenbahn von St.-Germain in zehn Minuten führte . O diese Villa ist so reizend , Pauline ! Man sagt , Rousseau habe sie einst bewohnt und dort einige Capitel der neuen Heloise geschrieben . Ach , Sie wissen , wie ich die neue Heloise und Rousseau liebe . Ich war glücklich ! An unserm Schlößchen plätschert der See von Enghien und die lieblichsten malerischen Partieen sind durch die Eisenbahn recht der Magnet derjenigen Pariser geworden , die idyllische Freuden lieben . Es war im Juni . Ich wohnte erst vier Wochen in meinem kleinen Paradiese , malte , zeichnete , componirte , wollte dichten , ich versuchte Alles , ich las , ich lachte , ich weinte . Desiré war glücklich , wenn ein Sterbender noch einige Zeit glücklich sein kann . Ich dachte sogar an Aussöhnung mit meiner Familie und schrieb bogenlange Briefe nach Odessa , die ich mit einem Kurier unserer Gesandtschaft über Constantinopel expedirte . Da ereignete es sich , daß eine muntere Gesellschaft , Handwerker wie es schien , auf dem See an meinem Garten eine Partie machte . Sie kamen vom jenseitigen Ufer und wollten die Runde fahren und die Besitzer der Gärten necken , die an den Ufern die Kühle des Gewässers athmeten . Da schlug das Boot der fröhlichen Gesellschaft um , während ich an einem Tische sitze und gedankenvoll auf die schäkernde , übermüthige , junge Welt hinausblicke . Ich schreie , springe auf und stürze die steinernen Stufen hinab , die am See bespült werden von den Wogen , in denen sich unsere angekettete Gondel schaukelt . Ich springe in die Gondel und wie meine Empfindung eine reine , eine natürliche war , so entfuhr mir auch das deutsche Wort : Hilfe ! Sie starke Seele ! sagte Pauline bewundernd . Eine jede andere an Ihrer Stelle wäre in Ohnmacht gefallen und hätte nichts gethan . In Ohnmacht gefallen ? rief Helene mit flammender , guter , schöner Erregung . In Ohnmacht , wo Menschen ihren Tod in den Wellen finden ? Ha ! Retten konnt ' ich nicht , aber ein junger Mann nahm mir die Verpflichtung ab , das Äußerste zu wagen . Es war ein schöner Jüngling , der zur Gesellschaft gehörte , sich in die Wogen stürzte und mit kräftigem Arme ein junges Mädchen emporhielt , das er in den Wellen ergriffen hatte . Er schwamm mit seiner glücklich Geretteten an unsern Garten . Ach ! Sie können denken , Pauline , wie ich glücklich war , als man mir zurief , nur das junge Mädchen hätte das Übergewicht verloren und wäre , nach Wasserlinsen haschend , über den Rand des Nachens gestürzt , mit dem man scherzhafter Weise schaukelte . Meine Diener kommen . Wir tragen das junge Mädchen in ' s Haus , der junge Mann , der mein deutsches Wort : Hilfe ! vernommen hatte , sprach deutsch mit mir . Wie erstaunt ' ich über den gebildeten Fremdling ! Er war groß und schlank , von schwärmerischem Auge und sprach so geistreich , daß ich auf der Hut sein mußte , ihm die richtigen Antworten zu geben . Das Mädchen , ein zartes , etwas verblühtes Kind , eine echte Französin , erholte sich bald . Ich gab ihr Kleider , ließ ihnen Thee vorsetzen ; aber sei es , daß ihr Geliebter deutsch mit mir sprach oder was war es , sie wollte fort . Sie schien mir hektisch , krankhaft aufgeregt und beherrschte den jungen Mann mit einem einzigen Blicke . Gegen Abend fuhr der ganze Train nach Paris auf der Eisenbahn zurück . Am Tage darauf hatt ' ich die Kleider wieder . Der junge Deutsche brachte sie selbst . Vergeben Sie mir , Pauline , wenn ich Ihnen gestehe , daß ich ihn schon liebte . Ich erfuhr , daß ein wunderliches Incognito ihn umspann , ich lüftete das mysteriöse Dunkel , in das er sich zu verbergen suchte , ich entdeckte , daß dies jener vielbesprochene , seiner Familie , seinem Stande abtrünnig gewordene Egon von Hohenberg ist . Ein Fürst ! Solche Überraschung ! Pauline , ich schildere Ihnen die Anstrengungen nicht , deren ich bedurfte , um Egon von