übrig , als auf eigene Faust zu handeln und das Versäumte wo möglich nachzuholen . Dies erforderte aber große Vorsicht , da in Martell bereits Verdacht gegen den jungen Matrosen erwacht war und er sich möglichst fern von ihm zu halten suchte . Dennoch sollte Gilbert seinen Zweck noch früher erreichen , als er nach dem Vorhergegangenen selbst glaubte . Bianca bot ihm dazu freundlich die Hand . Seit der im vorigen Kapitel geschilderten Nacht fühlte Martell bisweilen das schreckliche Bedürfniß , seinen Todfeind sich winden zu sehen unter den Qualen , die das dämonische Mädchen über ihn verhing . Er verständigte sich mit Bianca und diese ließ den Spinner auf ein verabredetes Zeichen an Adrians Folterbett treten , wenn sie sich ihrer Gewalt über den Grafen gewiß war . Ob während dieses kurzen Zusammenseins eine heimliche Neigung des Spinners zu dem schönen grausamen Mädchen erwachte , wagen wir nicht zu entscheiden ; vermuthen aber läßt es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit , indem Martell Bianca unaufgefordert den vorgefallenen Zwist mittheilte und ihr sagte , wohin er seit dieser Zeit seinen sich immer gleich bleibenden großmüthigen Freunden gefolgt sei . Die jetzige Haushälterin Adrians hatte Gilbert bei seiner Ankunft nach Boberstein weit freundlicher empfangen , als es der Jüngling vermuthen und erwarten durfte . Diese Zuvorkommenheit veranlaßte ihn zu häufigen Besuchen bei der Schönen und bald verging kein Tag mehr , wo nicht beide junge Leute ein Stündchen angenehm mit einander verplauderten . Bianca war die Anmuth selbst , immer heiter , zuvorkommend , bis zu gewissem Grade dienstfertig , aber freilich an ein Kundgeben von Neigung war bei alledem nicht im Entferntesten zu denken . Es schien wirklich , als besitze dieses unerklärbare Wesen das Geheimmittel , gegen Jedermann die Liebe selbst zu sein , ohne doch die geringste Ahnung davon zu haben . Sie bezauberte und nahm doch immer den Schein an , als wisse sie nichts davon , als sei es Pflicht jedes weiblichen Wesens , in ihrer Stellung grade so und nicht anders sich Männern gegenüber zu betragen . Gilbert gab es daher auch auf , das Herz der Schönen zu bestürmen , obwohl er nicht immer genug Herr über sich war , der lächelnden Spötterin dies nicht merken zu lassen . Unwillkürlich fiel er bisweilen aus der Rolle eines Freundes in die eines feurigen Verehrers , und Bianca hatte dann die angenehme Pflicht , mit der liebreizendsten Grazie ihn darauf aufmerksam zu machen . In seinen Gesprächen mit diesem Mädchen gedachte er auch Martells und seines unregelmäßigen Lebens . Wider Erwarten fand er in ihr eine ganz entschiedene Bundesgenossin , die kein Mittel für unerlaubt hielt , wenn es nur zur Rettung des Unglücklichen dienen konnte . Ohne langes Bitten erfuhr er von Bianca , wohin Martell und seine bedenklichen Freunde sich gewendet hatten und schon in der nächsten Nacht sehen wir Gilbert , mit seinem Dolche bewaffnet , das Niederholz durchstreifen und einem trüben Lichtschimmer zueilen , der aus einer Vertiefung heraufglänzte , die rundum von dichtem Gehölz umgeben war . Diese wichtige Entdeckung machte unser junger Freund Anfang März . Das Versteck lag eine halbe Stunde von Boberstein in einer nicht mehr benutzten Torfgräberei und bestand aus einer bloßen Bretterhütte , wie sie zum Obdach für die Waldwächter häufig in den großen Waldungen angetroffen werden . Zu ungestörter Zwiesprach eignete sich die Oertlichkeit vortrefflich ; denn es führten nicht allein blos schmale , wenig betretene und sich noch dazu mehrmals kreuzende Fußsteige nach dem Versteck , die alte Torfgrube war außerdem auch noch durch steile Wände von dem übrigen Haidelande abgeschnitten , so daß es einem Unbekannten schwer ward , in die Tiefe hinabzusteigen und die Hütte zu erreichen . Lauschend blieb Gilbert am Rande der Torfgrube stehen . Aus der schlechten Hütte , die graues Nebeldüster kaum erkennen ließ , drangen Töne verworrener Stimmen , heiseren Lachens und das matte Klingen voller Gläser zu ihm herüber . Rundum war Alles todtenstill bis auf das melancholisch-eintönige Rauschen der Haide . Furcht kannte Gilbert nicht , dennoch schlich er zaudernd an dem Rande der finstern Grube fort , da er keine Spur von Weg entdecken konnte und auf Gerathewohl in die Tiefe hinabzuspringen doch keine Lust hatte . Es verging eine geraume Zeit , ehe er eine Stelle fand , die man im Nothfalle für einen Weg halten konnte . Der Boden war naß und glatt , so daß es kaum möglich war , Fuß darauf zu fassen . Indessen , an halsbrecherische Pfade gewöhnt und im kühnen Klettern geübt , wagte der junge Matrose , diesen kaum erkennbaren Weg zu betreten , der ihn auch sehr schnell auf den Grund der Grube beförderte , obwohl in einer Weise , die er nicht beabsichtigt hatte . Unten angekommen fand er sich in einem Tümpel zähen Schlamms bis an die Knöchel stehen , den er unter kräftigem Fluche durchwatete . Zum Glück hielt die Lache nur wenige Schritte im Durchmesser ; Gilbert erreichte bald das Trockene , eine etwas höher gelegene Schicht lettigen Erdreichs , das dammartig die Grube durchschnitt und in gerader Richtung auf die Hütte zuführte . Ueber diesen Damm lief auch der eigentliche Fußpfad nach dem Haidelande , wie der Matrose jetzt zu spät bemerkte . Eiligen Schrittes näherte sich nun der jugendliche Späher der Torfhütte , deren Thür von innen fest verriegelt war , wie ein behutsamer Druck auf die Klinke ihm sagte . Auch das einzige kleine Fenster schützte ein Bretterladen gegen Wind , Wetter und Blicke Zudringlicher . Gilbert fand auch diesen so stark befestigt , daß er ihn nicht bewegen konnte . An den Seiten schimmerte zwar der Lichtschein durch , allein Raum für einen Blick in ' s Innere gewährten die feinen , kaum sichtbaren Spalten nicht . Wie ein Luchs umschlich Gilbert die Hütte , um irgend eine Oeffnung zu entdecken . Lange blieb sein Suchen fruchtlos llnd die Geduld des heftigen jungen Menschen begann zu wanken . Am liebsten hätte er mit beiden Fäusten gegen die