und da es sich hier um das Los meines teuersten Anverwandten handelt , so stelle ich mich ganz auf die Seite des Oberamtmannes . « Die schöne junge Frau sagte dies so feierlich , als hätte sie in ihrem zwanzigjährigen Leben schon wenigstens hundert üble Erfahrungen von Mißbündnissen vor Augen gehabt . Der Oberamtmann küßte ihr dankbar und gerührt die Hand und der Diakonus schwieg . Es war inzwischen im Nebenzimmer gedeckt worden und man setzte sich zu Tische . Auch der junge Gemahl hatte sich nach seiner Sperlingsjagd , die nicht sehr ergiebig gewesen war , zur Gesellschaft gefunden und nur Lisbeth fehlte . Der Diakonus suchte , so gut es ihm gelingen wollte , der vorhergegangenen Szenen ungeachtet den beredten Wirt zu machen . Es glückte ihm aber nicht ganz , denn seine Seele war abwesend und in Bekümmernis bei dem Paare , über dessen Häupter sich nach manchem Leiden noch zuletzt so schwere Wolken anhäuften . Die ganze Gesellschaft war eigentlich verstimmt und redete wenig . Der Oberamtmann fühlte die Schwierigkeit seiner Aufgabe , zwei Herzen zu trennen , die einen geistlichen Beistand hatten , und dachte über die Mittel nach , diesem Einflusse entgegenzuarbeiten . Zwischen dem jungen Ehepaare aber hatte sich der erste Streit erhoben und zwar auch über das Liebespaar . Der Gemahl war nämlich nach seiner Rückkehr von dem Windbüchsenvergnügen unterrichtet worden , daß der Vetter hergestellt sei , und hatte , als er seine Gemahlin von dem Spaziergange heimkommend gesprochen , ihr in aller Freundlichkeit aber mit bestimmtem Tone den Entschluß eröffnet , nunmehr abreisen zu wollen , da sie unmöglich jetzt noch eine Sorge um Oswald mit auf die Reise nehmen könne . Schon daß er so bestimmt sprach , regte ihren Widerspruch auf und sie fühlte wohl , daß wenn sie den Anfängen solcher Emanzipation nicht entgegentrete , es leicht um die ganze Zukunft ihres Regiments geschehen sein dürfte . Sie erklärte daher ebenso bestimmt , daß sie noch bleiben und so lange bleiben werde , bis sie ihren geliebtesten Anverwandten von einem schlimmeren Übel befreit sehe , als dem Blutsturze , nämlich von seinem verkehrten Heiratsvorsatze . Der Oberamtmann fasse alles zu rauh an , sie als Frau wisse allein in solcher Verwickelung das Richtige zu treffen und den Knäuel mit Feinheit zu entwirren . - » Du kennst meine Festigkeit , Edmund « , sagte sie zuletzt ; » ich bin ganz fest in dieser Sache , zu deren Behandlung mich der Himmel selbst offenbar hieher hat kommen lassen , also stehe ab von dem Vorsatze , mich nach deinen Wünschen bewegen zu wollen . « Er erwiderte ihr darauf höflich , daß er an ihrer Festigkeit nie gezweifelt habe , daß sie ihm aber unter solchen Umständen verzeihen möge , wenn er , solange ihr Geschäft hier daure , einen Besuch bei seinem Oheim im Osnabrückschen abstatte , denn an diesem elenden Orte könne er es nicht länger aushalten . So endete demnach der süße Friede der Flitterwochen und es war noch keine Versöhnung erfolgt , als man sich zu Tische setzte . Gemahl und Gemahlin sprachen daher auch nicht , sondern sahen stumm auf ihre Teller . Was endlich die Hausfrau betrifft , so hatte diese wirklich das hochrote Antlitz und die glänzenden Augen , von welchen Clelia gesprochen hatte , und welche unwiderleglich anzeigen , daß eine Wirtin sich sehnt , wieder ungestört in ihrer stillen Häuslichkeit zu leben . Sie war die gastfreiste Frau von der Welt , aber die Einladungen des Diakonus , die von ihm ohne Rücksicht auf Raum und Grenzen des kleinen Hauswesens ausgegangen waren , hatten ihr eine Last aufgebürdet , unter welcher sich selbst der Sinn einer Baucis geheimen Mißgefühls nicht würde haben enthalten können . Man stand auf und wünschte einander gute Nacht . Vor dem Fortgehen sagte aber der Oberamtmann zum Diakonus : » Unbegreiflich ist es mir , wie Sie , Herr Pastor , die Partei eines Mädchens nehmen können , welches , nach allen Anzeigen zu schließen , eine sehr gefühllose Seele hat . « » Gefühllose Seele ? « » Ist sie , als sie von dem Unfalle ihres alten Pflegevaters hörte , zu ihm geeilt , wie es einem dankbaren Kinde eignete ? Hat sie sich nicht begnügt , zu fragen , ob er wohl aufgehoben sei ? und als sie erfuhr , daß gute Leute sich seiner angenommen hätten , tat sie da etwas anderes , als ihm das Geld schicken , welches sie für ihn verwahrte ? « » Herr Oberamtmann « , versetzte der Diakonus , » die Lisbeth hat den Spruch im Herzen empfangen und ausgetragen : Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen . Es tut wohl , endlich einmal auch auf eine Natur zu stoßen , wenn man so viele Puppen gesehen hat . Ich habe da die Unterscheidungen und Bezeichnungen aufgestellt , welche , wie wir vernehmen , unser großer Dichter von weiblichen Wesen zu gebrauchen pflegte . Mir will es so vorkommen als ob Goethe , wenn er noch lebte und die Lisbeth sähe , sie eine Natur nennen würde . « An diesem Abende ereignete sich , was hin und wieder in Liebesschicksalen vorkommt . Die Umherstehenden streiten gewaltig miteinander und regen eine wahre Ilias auf über die Frage , ob zwei Menschen verbunden bleiben sollen oder nicht ! und die Liebe ruht während des Kampfes seitwärts unter Rosenbüschen in holder Eintracht . Lisbeth und Oswald wußten nicht , welche Schlachten um ihr Geschick ausgefochten wurden oder sich vorbereiteten . Lisbeth hatte eine heimliche liebliche Freude sich zugedacht . Sie pflückte die schönsten Astern im Garten und wand sie zum Kranze . Mit dem Kranze schlich sie , als es dunkelte , leise an die Türe des Krankenzimmers , horchte dort klopfenden Herzens und pochte , als sie im Zimmer nicht reden hörte , so sacht an , daß nur ein feines Gehör , wie es der alte Jochem besaß ,