oft es uns auch aus den Augen gerückt wird ) immer näher kommt . Wenigen dieser kleinern oder größern Abschweifungen fehlt es an Interesse für sich selbst : sie schlingen sich aber auch überdieß meistens so natürlich aus und in einander , und lenken wieder so unvermerkt in den Hauptweg ein , daß man den Umweg entweder nicht gewahr geworden ist , oder sich ' s doch nicht reuen lassen kann , ihn gemacht zu haben . Dieß ist zwar nicht immer , aber doch wenigstens öfters , der Fall ; und ich finde um so nöthiger diese Bemerkung hier nachzuholen , da sie , wo nicht zu völliger Widerlegung , doch zu gebührender Einschränkung dessen dient , was ich oben , aus dem Mund etlicher vielleicht gar zu schulgerecht urtheilender Kunstfreunde , gegen die Composition dieses Dialogs , als dichterisches Kunstwerk betrachtet , erinnert habe . Ein Gespräch dieser Art kann und soll weder an die Gesetze der architektonischen Symmetrie , noch an die Regeln des historischen Gemäldes gebunden werden ; es ist in dieser Rücksicht noch freier als die Kratinische und Aristophanische Komödie selbst ; die größte Kunst des Dialogendichters ist , seinen Plan unter einer anscheinenden Planlosigkeit zu verstecken , und nur dann verdient er Tadel , wenn er sich von seinem Hauptzweck so weit verirrt , daß er sich selbst nicht wieder ohne Sprünge und mühselige Krümmungen in seinen Weg zurückfinden kann . Nachdem Platons Sokrates mit den Beschirmern seiner Republik , unter den gehörigen Voraussetzungen so ziemlich auf dem Reinen ist , wirft er ( bloß um Adimanthen auf eine Probe zu stellen , wie es scheint ) die Frage auf : ob es wohl auch nöthig seyn dürfte , ihre neue Republik mit Gesetzen über die Eigenthumsrechte , und die willkürlichen Handlungen der Bürger unter einander , und die Rechtshändel die aus dem Zusammenstoß ihrer Ansprüche oder aus persönlichen Beleidigungen entstehen , kurz mit Gesetzen über eine Menge von Gegenständen , die in unsern Republiken vom gewöhnlichen Schlag unentbehrlich sind , zu versehen ? - Aber Adimanth ist der Meinung , ihre Republik bedürfe aller dieser armseligen Stützen und Behelfe nicht ; und es würde ganz überflüssig seyn , so verständigen und guten Menschen , wie die Bürger derselben sammt und sonders , vermöge ihrer Verfassung , Erziehung und Lebensordnung nothwendig seyn müßten , über diese Dinge etwas vorzuschreiben , da sie in jedem vorkommenden Falle die Regel , nach welcher sie sich zu benehmen hätten , ohne Mühe von selbst finden würden . Ganz gewiß , sagt Sokrates , werde dieß der Fall seyn , wofern ihnen Gott die Gnade gebe , den Gesetzen , die er ihnen vorhin bereits vorgeschrieben , getreu zu bleiben . Wo nicht , erwiedert Adimanth , so möchten sie immerhin ( wie es in den gewöhnlichen Republiken zu gehen pflegt ) ihr ganzes Leben damit zubringen , täglich neue Gesetze zu geben , in Hoffnung zuletzt noch wohl die rechten zu treffen , - wie gewisse Kranke , die sich vergebens schmeicheln durch beständiges Abwechseln mit neuen Arzneien zu genesen , weil sie aus Unenthaltsamkeit die Lebensart nicht ändern wollen , welche der Grund ihrer Krankheit ist . Sokrates setzt diese Vergleichung noch eine Weile fort , und findet sich dadurch in der Behauptung bestätiget , daß kein weiser Gesetzgeber weder in einem wohl , noch in einem schlecht geordneten Staat sich mit Gesetzen und Verordnungen dieser Art befassen werde ; nicht in diesem , weil sie unnöthig und von keinem Nutzen wären , in jenem nicht , weil das , was in jedem vorkommenden Falle zu thun ist , jedem Bürger vermöge der Bildung und Richtung , die er durch die bereits bestehende Verfassung erhalten hat , von selbst einleuchten muß . Was bliebe uns also noch zu thun , um mit unsrer Gesetzgebung fertig zu seyn ? fragt Adimanth . Uns nichts , antwortet Sokrates ; denn den größten , schönsten und wichtigsten Theil derselben werden wir dem Delphischen Apollo überlassen . Und was beträfe dieß ? fragte jener etwas gedankenlos ; denn er hätte doch wohl mit einem Augenblick von Besinnung dem Sokrates die Mühe ersparen können , sich erklären zu müssen , daß die Anordnung der Tempel und Opfer und alles übrigen , was die Verehrung der Götter , Dämonen und Heroen , wie auch die den Verstorbenen zu Beruhigung ihrer Manen gebührende letzte Ehre betreffe , damit gemeint sey . Da wir selbst von allem diesem keine Wissenschaft haben , sagt Sokrates , und wenn wir weise sind , einen so wichtigen Theil der Einrichtung unsrer Stadt auch keinem andern Sterblichen anvertrauen werden , so können wir nichts Besser ' s thun , als uns darüber von dem Gotte belehren zu lassen , der in solchen Dingen der angestammte Rathgeber aller Menschen ist , und bloß zu diesem Ende Delphi21 , als die Mitte oder den Nabel der Erde , zu seinem Sitz erwählt hat . Sollte dir , Freund Eurybates , diese Stelle sowohl , als die kurz vorhergehende , wo Sokrates zu verstehen gibt , daß er selbst nicht begreife , » wie seine Republik , ohne unmittelbaren Beistand Gottes , sich bei ihrer ursprünglichen Verfassung lange werde erhalten können « - nicht eben so stark , wie mir , aufgefallen seyn ? Zwar erkennen wir an dergleichen Aeußerungen unsern alten Freund und Lehrer , der für den religiösen Volks- und Staatsglauben nicht nur ( wie billig ) alle schuldige Ehrfurcht hegte , sondern im Glauben selbst nahezu bis zur Einfalt unsrer Großmütter ging , und durch den Contrast , den dieser Zug seines Charakters mit seinem sonst so hellen Verstande machte , uns nicht selten in Erstaunen und Verlegenheit setzte . Aber Plato , dessen Art über unsre Volksreligion zu denken kein Geheimniß ist , mußte doch wohl mit diesen beiden Stellen etwas Mehrer ' s wollen , als seine eigenen Gedanken hinter diesem Zug seiner Sokrateslarve zu verbergen ? Hätte er in diesem Werke wirklich die Absicht gehabt