kann nicht sagen , welchen Eindruck mein Eintritt auf ihn machte ; Erinnerung dessen , was er mir und andern persönlich so oft versprochen und nicht gehalten hatte , Scham über sein Betragen gegen das Land und gegen mich , und das Bestreben , in diesem hochwichtigen Momente mir nicht abermals nichtswürdig zu erscheinen , brachten in seinem Betragen eine seltsame Mischung von Verlegenheit und zuvorkommender Höflichkeit hervor . Ich sagte ihm : der gegenwärtige Augenblick müsse jeden Preußen und jeden Deutschen ergreifen ; jetzt komme es darauf an , den Schaden wieder gut zu machen , den man dem Lande zugefügt ; wenn die Regierung sich jetzt würdig betrage , werde alles Vergangene vergessen werden . Ich käme also , um zu vernehmen , wie er denke , und um zu allem Vaterländischen die Hand zu bieten . « Aber Marwitz sah sich abermals getäuscht . Nicht rascher , ehrlicher Kampf war es , was man wollte , wieder wurde von Abwarten , von Verhandlungen gesprochen ; mit Bitterkeit im Herzen kehrte er nach Friedersdorf zurück . » Kein Krieg ! « schien die Losung sein und bleiben zu wollen . Indessen der Himmel hatte es anders beschlossen . Es wurde Krieg . Sechs kostbare Wochen waren versäumt , viel war verloren , aber nicht alles , und noch war es nicht zu spät . Brauche ich zu erzählen , daß Marwitz wieder zu den Fahnen eilte ! Noch weit bitterere Kränkungen und Erfahrungen hätten es nicht vermocht , ihn in solchem Augenblick in seiner Einsamkeit zurückzuhalten . Mit dem Rang eines Majors trat er ein und ward Anfang April mit der Bildung einer Landwehrbrigade betraut . Diese Brigade bestand aus vier Bataillonen des dritten kurmärkischen Landwehrinfanterie-Regiments und aus ebensoviel Schwadronen Landwehrkavallerie . Selber mit Eifer und Vorliebe Kavallerist , ließ er sich die Ausbildung dieser vier Schwadronen besonders angelegen sein . Mit jenem gesunden Sinn , der ihn immer ausgezeichnet hatte , erkannte er auf der Stelle , daß hier unter » Ausbildung « etwas anderes verstanden werden müsse , als das Reit- und Exerzierreglement in langen Paragraphen vorschrieb . Was er tat , auch auf diesem relativ untergeordneten Gebiete , scheint mir wichtig und charakteristisch genug , um einen Augenblick dabei zu verweilen . Die Raschheit und Selbständigkeit des Urteils , die jeder neuen Situation auch ein neues Benehmen anzupassen weiß , ist es ja vor allem , was den fähigen Offizier von dem bloß braven Soldaten unterscheidet , und in ähnlicher Weise , wie einst Leutnant von dem Knesebeck während des Feldzuges in der Champagne einen halben Brottransport dadurch zu retten gewußt hatte , daß er nicht Anstand nahm , die andere Hälfte ( ein paar tausend Kommisbrote ) in einen sonst unpassierbaren Sumpf zu versenken , so war auch Marwitz seiner Landwehrkavallerie gegenüber rasch entschlossen , das erreichbar Unvollkommene einer unerreichbaren Vollkommenheit vorzuziehen . Sosehr er die Reitkunst verehrte und als unentbehrlich für eine echte , eigentliche Reiterei betrachtete , so klar erkannte er doch auch , daß unter den gegebenen Verhältnissen diese Reitkunst nicht gehegt und gepflegt werden konnte , ohne alles zu verderben . Die Landleute und Bauernknechte , die auf ihren kleinen , magern Gäulen vor ihm im Sattel saßen , konnten reiten , freilich schlecht genug ; aber gut oder schlecht , er hielt es für das Beste , sie bei ihrer Reitart zu belassen . Er sagte sich sehr richtig , daß , wenn ein Naturalist zur Reitkunst dressiert werden soll , er anfangs notwendig schlechter und ungeschickter reitet als vorher , weil er seine alten Gewohnheiten aufgeben soll und sich die neuen nicht schnell genug zu eigen machen kann . So ließ er es denn beim alten , befahl die Pferde mit bloßer Trense zu zäumen , gab jedem Reiter einen Kantschu statt der Sporen und beschränkte seine ganze Forderung darauf , daß jeder imstande sei , dahin zu reiten , wohin er wolle . » Gewalt über das Pferd « war die einzige Forderung . Wie und durch welche Mittel war gleichgültig . Mit dieser Reiterei , die , abgesehen von der Lanze und einem ärmlichen Uniformstück , nicht viel anders aussehen mochte , als Bauernjungen und Pferdeknechte , die abends zur Tränke reiten , war Marwitz , weil er den Geist zu wecken gewußt hatte , nichtsdestoweniger imstande , am 7. Juni ein siegreiches Gefecht vor den Toren Wittenbergs zu bestehen und eine Abteilung polnischer Ulanen zu werfen und Gefangene zu machen . Eine Paradetruppe waren seine Landwehrreiter freilich nicht , und als während des Waffenstillstandes auf dem Tempelhofer Berge eine große Musterung vor dem Könige stattfand , ging das ganze Regiment , dessen kleine Klepper angesichts der Zuschauermenge scheu wurden , bis auf den letzten Mann durch . Was der Anblick des Feindes nicht vermocht hatte , vermochte der Anblick der Berliner Beaumonde . Der König ritt an Marwitz heran und sagte lächelnd : » Ein Glück , daß die Mauer so fest stand . « Der Spott war empfindlich . Marwitz aber blieb unerschütterlich bei seinem System . Und mit Recht . Wie seine Leute sich bei Wittenberg bereits bewährt hatten , so vor allem auch am 27. August in dem berühmt gewordenen Gefecht bei Hagelberg ( bei Belzig ) . Den Ausschlag an diesem Tage gab freilich das Fußvolk . Es traf sich glücklich für unsern Marwitz , der an diesem Tage die Reserve kommandierte , daß er mit seinen drei Bataillonen die schon verlorene Schlacht zum Stehen bringen und endlich siegreich hinausführen konnte . Den entscheidenden Stoß tat sein Lebuser Bataillon , was zu dem Stolz , den er an diesem Tage über die tapfere Haltung seiner ganzen Brigade empfand , auch noch eine gewisse lokalpatriotische Befriedigung fügte . Die Verluste seines Truppenteils waren nicht unbedeutend gewesen , er selbst kam gesund heraus , und erhielt nur – ähnlich wie bei Jena , wo sein Hut mehrfach durchlöchert worden war – eine Kugel durch den Mantel . Das Gefecht von Hagelberg war ,