zu Füßen zu legen . Er durfte nach dieser Aeußerung eine eben so leichte Entgegnung erwarten und sah Renatus deshalb verwundert an , als derselbe mit einer gewissen Empfindlichkeit die Bemerkung machte , daß Mademoiselle Davide ihn weder Thränen kosten , noch Thränen um ihn weinen könne , da sie gar kein Interesse an einander nähmen . Dann erhob der Jüngling sich von der Tafel , wozu die Nachricht von der Marschordre ihm die erwünschte Veranlassung lieferte . Der Graf , welcher es sich leicht gedacht hatte , Renatus für sich zu gewinnen und ihn zu einem Werkzeuge seiner Rache zu machen , ahnte , daß er sich darin betrogen habe , und war der Zerstreutheit seines Neffen ohnehin müde geworden . Er versuchte also nicht ihn zurückzuhalten . Das Gespräch bewegte sich noch eine kurze Zeit um die Tagesnachricht ; Renatus sprach die Hoffnung aus , auf dem Marsche auch zu seinem Vater nach Richten kommen zu können , und der Graf gab ihm dann mit scherzenden guten Lehren das Geleit . Als sie die Thüre des Nebenzimmers erreichten , so daß Castigni ihre Worte nicht mehr vernehmen konnte , sagte Renatus ernst und feierlich , indem er stehen blieb : Ich habe noch etwas auf dem Herzen , ehe ich scheide . Sie haben vorhin feindliche Gesinnungen gegen den Kaufmann Tremann ausgesprochen . Ich bitte Sie , Onkel , geben Sie dieser Abneigung , die ich übrigens mit Ihnen theile , keine Folge . Es dünkt mich unserer nicht würdig , uns mit diesem Manne zu beschäftigen . Es ist nicht seine Schuld , daß er existirt , und Ehre ist für Unsereinen von seines Gleichen nicht zu holen . Ich für meinen Theil bin fertig mit ihm und seinem ganzen Anhange , da der Feldzug es mir möglich macht , mich ohne Aufsehen von Bekanntschaften zurückzuziehen , in die ich niemals gerathen sein würde , hätte man sich früher die Mühe genommen , mich zur rechten Zeit über jene Personen aufzuklären . Ich danke Ihnen , daß Sie dieses heute gethan haben . Meiner Verschwiegenheit sind Sie gewiß , und somit , Onkel , leben Sie wohl ! Der Graf nahm die ernste Anrede leichthin auf , und Renatus eilte von dannen , zufrieden , daß er mit dieser Fürsprache für Tremann die ersten Schritte auf dem Wege gethan hatte , von dem fortan nicht wieder zu weichen , er sich heute ein für alle Mal gelobt hatte . Vierzehntes Capitel Als Renatus seine Wohnung betrat , fand er seinen Burschen bereits damit beschäftigt , die für den Feldzug bestimmten Effecten auszusondern und zu packen . Renatus freute sich dessen , denn er sehnte sich , fortzukommen . Wie man die erhitzten , müden Glieder in eine frische , kühle Flut zu tauchen begehrt , so wünschte er die Erfahrungen der letzten vierundzwanzig Stunden in frischen , ermuthigenden Erlebnissen zu vergessen , und mit wahrer Sehnsucht richteten seine Gedanken sich in die Zukunft , in eine Zukunft , die er selber sich rein und schön und frei zu gestalten hoffte . Nicht in der Todesstunde seiner Mutter , da sie ihn mit frommem Wunsche gesegnet , nicht an dem Tage , an welchem der Freiherr von ihm bei dem Abschiede aus dem Vaterhause das Gelöbniß gefordert hatte , daß er sich seines Namens und Hauses würdig machen wolle , hatte Renatus sich so ernst und in sich gefestet empfunden , als heute ; aber es war die Weihe jener Momente , welche in ihm nachwirkte und ihn sich selbst versprechen ließ , was er denjenigen gelobt hatte , die er freilich jetzt nicht mehr als seine Vorbilder zu betrachten vermochte . Er beklagte seine Mutter , er bedauerte die Charakterschwäche seines Vaters , er pries sich glücklich , den Caplan zum Lehrer und Führer gehabt zu haben , er segnete die einsame , sittenstrenge Erziehung , die ihm zu Theil geworden und die er noch wenig Stunden vorher als ein Unglück anzusehen geneigt gewesen war , und es fiel ihm gar nicht ein , wie schnell eben im Laufe des letzten Tages seine Empfindungen und Gedanken sich gewandelt und mit einander gewechselt hatten . Er hielt eben noch immer jede seiner Stimmungen für die Folge einer neu gewonnenen Erkenntniß und jede solche Erkenntniß für die einzig richtige und abschließende ; das ist eine Eigenschaft der Jugend , welche beschränkten Geistern aber lebenslang eigen bleibt und es ihnen möglich macht , alle ihre Irrthümer im besten Glauben an die Unumstößlichkeit ihres Rechtes zu begehen . Der Freiherr hatte , im Geiste der Zeit , welcher er angehörte , sich selbst genügen , und von dem Momente ab , in welchem er die Rechte seines Standes angefochten sah , sich in diesen Rechten , in seinem Ansehen und in seiner äußern Würdigkeit behaupten wollen . Das erkannte und begriff der Sohn , aber seine Erziehung hatte ihm , wie er meinte , ein höheres , ein idealeres Ziel vor Augen gehalten , und nie hatte ihm dies heller entgegen geleuchtet , als eben jetzt . Nicht allein um die äußere Würdigkeit war es ihm zu thun ; er wollte in seiner Person , in seiner Handlungsweise es bestätigen , daß der Edelmann in sich den Begriff der Ehre reiner bewahre und darstelle , als die anderen Stände , daß er eine edlere Kaste sei , welche eben deßhalb sich einer strengen Ausschließlichkeit befleißigen müsse . Das hatte , wie Renatus meinte , sein Vater außer Acht gelassen , das hatte auch seine Mutter nicht genug beherzigt , und eben deßhalb hatte auch er jetzt auf dem Punkte gestanden , in unpassenden Verbindungen zu unangemessenen Handlungen verleitet zu werden . Ein Schreckbild war ihm in der Gestalt des Grafen zur rechten Stunde entgegen getreten . Er dankte seinem Schutzgeiste dafür , daß es einzulenken noch Zeit für ihn , noch nicht zu spät war , daß er sich noch vorwurfslos aus Umgebungen befreien konnte , in denen sein Name nicht