gegen fünf Uhr morgens mit einem Herrn , der ihn abgeholt , das Hotel verlassen habe . Die Gruppe der Leidtragenden war vollständig . Aber Felicitas fehlte . » Sie soll kommen , « sagte Corona , » sie soll eintreten in die Schule des Lebens - in ' s Leiden . « » O Raserei der Leidenschaft ! « sagte Ernest ; » in Wölfe und Tiger verwandelt sie die Seelen , welche bestimmt waren , Lämmer des guten Hirten zu sein . « Als Felicitas kam und sich angstvoll in die Arme ihrer Mutter warf , schlug Orest seine blutigen geschwollenen Augenlieder auf . Corona seufzte beseligt : » Gott Dank ! ach , lieber Orest , kennst Du uns ? « Seine Augen blickten : » Ja ! « Er konnte weder sprechen , noch den Kopf bewegen ; das ganze Untergesicht war zerschmettert . Alle traten zu ihm heran klagend , fragend , tröstend . Er konnte nichts tun , als mit bittenden Augen sie ansehen und einen mühseligen Versuch machen , seine Hände zu falten . In einem Winkel des Zimmers , ihr Gesicht auf einem Stuhl verbergend , niemand beachtend und von niemand beachtet , lag Judith . Jetzt schleppte sie sich an ' s Bett und sagte : » Graf Orestes , können Sie mir vergeben ? « Bei dem Ton ihrer Stimme fuhr er zusammen , schloß die Augen und machte eine sanfte Handbewegung . » Er verzeiht mir und will mich nicht sehen : so muß es sein ! « sagte sie , küßte Corona ' s Hand und begab sich in das andere Zimmer zu Hyazinth ' s Leiche . » Willst Du das heilige Bußsakrament empfangen ? « fragte Corona zärtlich über Orest gebeugt . Er bejahte es in seiner Weise , und man ließ Pater Bonaventura allein bei ihm . Durch die Fragen , welche dieser ihm mit einer Präcision vorlegte , die es möglich machte , sie durch Pantomimen zu beantworten , stellte sich die Beruhigung heraus , daß Orest keinen Mord , am wenigsten einen Brudermord beabsichtigt - sondern im Wahnwitz der Leidenschaft den ersten - in besinnungsloser Verzweiflung den zweiten Schuß getan habe . Da Orest kaum je eine solche Reue und Aufrichtigkeit bei dem Empfang des Bußsakramentes gehabt haben mochte , als eben jetzt mit dem gewissen Blick auf sein nahes Ende , so war diese letzte Beicht vielleicht die beste seines ganzen Lebens . Die heilige Wegzehr konnte man ihm wegen seiner Verstümmelung nicht reichen . Allein die letzte Ölung stärkte ihn zu dem grausigen Todeskampf , den er zu bestehen hatte . Gegen Abend war er verschieden und , wie zu hoffen war , in der Gnade Gottes . Judith hatte schon vorher durch Pater Bonaventura die Nottaufe empfangen und war dann in einem bewußtlosen Fieberzustand in ihren Palast zurückgebracht und durch Lelio ihrer Mutter übergeben worden . Sie schwebte sechs Wochen lang zwischen Leben und Tod . Das Leben siegte und die Gnade auch : nach ihrer Genesung wurde aus der Judith eine Thaïs . Der letzte Windecker Im Koliseum am Fuß des Kreuzes saß Uriel . Der glühende Sonnenuntergang tauchte den rötlichen Travertinstein der Riesenruine in flammendes Rot . Sie sah aus wie in Blut gebadet . Die stillen , dunkeln , unbeweglichen Cypressen - diese Bäume der Trauer und der Gräber - schauten von Monte Cölio , durch die gebrochenen Arcaden des Koliseums melancholisch in die Arena hinein und auf den stillen Kämpfer , der dort in den Tiefen seines Herzens eine Geisterschlacht bestand . Auf dieser Stätte verhauchte der heil . Ignatius Bischof von Antiochien , unter den Zähnen der Löwen seine Seele ; der heilige Greis , der diejenigen , die ihn retten wollten , anflehte : » Laßt mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein ! « Zu dieser Stätte und mit diesen Worten hatte Levin Uriel gesendet , und Uriel betrachtete sie als ein Vermächtnis des seligen Greises , der ihn so sehr geliebt und so gut gekannt hatte . Sollte er es nun im vollen Umfang annehmen ? das war sein Kampf . Der Zug der Seele , die innere Stimme , das Verlangen des Geistes trieben ihn dazu an ; aber die Natur wehrte sich . Der himmlische Mensch sehnte sich nach der unbegrenzten Hingebung an das vollkommenste Opferleben unter den evangelischen Räten ; der irdische Mensch entsetzte sich vor einem solchen Opfer . Die furchtbaren Erschütterungen der letzten Zeit , verbunden mit diesem inneren Kampf , prägten sich durch den Ausdruck tiefen Leidens in seinen Zügen aus . Mit geschlossenen Augen , die bleiche Stirn in die Hand gestützt , saß er am Fuß des Kreuzes - dieses wunderbaren , armseligen , hölzernen Kreuzes , welches als eine Reliquie von Golgatha , in seiner Unscheinbarkeit das ganze Koliseum überragt . Wie in inneren Gesichten zogen Bilder auf Bilder durch Uriels Seele . Er sah die geheimnisvollen Gnadenströme , welche vom Kreuz ausgehen ; er sah die Gottestaten , welche in den Menschenschicksalen still sich erfüllen ; er sah aber auch den Widerstand des Menschen gegen Gnade und Heil und wie gerade in seiner Familie die Gegensätze so schroff auseinander gingen . Über ein halbes Jahrhundert war der gottselige Priester , Onkel Levin , der geistige Mittelpunkt der Familie , der Ruhepfeiler des Hauses gewesen , aus dessen Fülle sie alle schöpfen , von dessen Reichtum sie alle zehren , an dessen Kraft sie alle sich lehnen konnten . Er war so recht der Priester , den Gott der Welt gibt als seinen » Helfer und Mitarbeiter « , wie der Apostel Paulus sagt , und der kein anderes Streben kennt , als die Welt geheiligt an Gott zurückzugeben . Die einen entsprachen seinem Streben ; die andern nicht . Zu glänzender Blüte entfaltet sich in Regina Gnade und geheiligter Wille , Gottestat und eigene Mitwirkung . Ihr Einfluß zog die ganze Familie , jeden in seiner Art , zum Gnadenleben ,