durch Vorlesungen aufgeregt und durch kleine Freuden im entzündlichen Stadio verzögert , leicht seine paar Monate abliegen könne . Deshalb griff ich zu der Notlüge , daß er in großer Gefahr sei , dann folgte die einfache Gefahr , dann der bedenkliche Zustand , dann die langsame Hebung der Kräfte , und auf heute endlich wurde die Wirkung einer entscheidenden Krise versprochen . Er war aber nie , verehrte Anwesende , in großer Gefahr und kehrte nach den ersten zehn Tagen schon mächtig zu . Einem Kranken tut niemand not , als einer , der ihm zu den bestimmten Stunden die Arzenei reicht und allenfalls ein verschobenes Kissen zurechtlegt ; und dann Langeweile , o du nicht genug zu preisende Göttin des Siechenbettes ! Man sollte Hygieen gähnend darstellen ; denn es ist nicht auszusagen , welche Riesenschritte die Besserung macht , wenn der Leidende weiter gar nichts zu tun hat als zu gähnen . Darum setzte ich unseren Grafen auf die wenig aufregende Gesellschaft seines alten Dieners und dann auf Langeweile und habe ihn durch diese beiden Potenzen in kurzer Zeit wieder auf die Füße gebracht und wenn ich ihn noch ferner besuche , so besuche ich ihn jetzt mehr als Freund denn als Arzt . « » Schade « , rief Clelia nach dieser Erörterung spitz , » daß Sie sich nicht selbst als niederschlagendes Pulver verschreiben können . - So dürfen wir ihn denn also heute sehen ? « Der Arzt schaute rund im Kreise um und warf dabei auch seinen Blick in den Hof , wo Lisbeth noch immer saß . » Ich unterscheide « , sagte er nach einer Pause bedächtig . » Sie , gnädige Frau , und der Herr Oberamtmann und der Pastor dürfen ihn ohne Schaden schon heute besuchen , mein Kind Lisbeth dort muß aber bis morgen warten . « Er empfahl sich . Clelias muntere Seele war durch die letzte Rede des alten Silen doch etwas empfindlich gemacht ; sie stand einige Augenblicke schweigend , nagte an ihrer schönen Lippe und rief dann : » Fancy ! « Fancy , die Kammerjungfer , ließ sich hören und wurde gleich darauf sichtbar . » Fancy , bringe mir meine Crespine und setz ' deinen Hut auf , wir wollen noch etwas spazierengehen « , sagte ihre junge Gebieterin . » Dürfen wir Sie nicht zu unserem Freunde begleiten ? « fragten der Diakonus und der Oberamtmann . » Nein « , versetzte die schöne Empfindliche mit kurzem Ton , » zu den ganz unschädlichen Besuchern mag ich mich denn doch nicht gern zählen lassen . « Sie verschwand mit Fancy . Die Männer gingen nach dem Krankenzimmer . Als der Diakonus bei Lisbeth vorbeiging , sagte er erstaunt und halb leise zu ihr : » Sie scheinen sich über des Doktors Nachricht wenig gefreut zu haben . « » Ich wußte schon lange die Wahrheit « , versetzte Lisbeth mit niedergeschlagenen Augen . » Der Arzt hatte meine Angst gesehen und mir entdeckt , wie die Sache stand . « » Und Sie konnten sich überwinden , Oswald nicht zu besuchen ? « » Warum nicht ? Wenn er nur gesund wird ! Kam ich und meine Sehnsucht da in Betracht ? « Drittes Kapitel Speisesaal und Krankenzimmer Das Wiedersehen war sehr freundlich und herzlich gewesen . - Als die beiden Männer das Krankenzimmer verlassen hatten , gingen sie nach dem allgemeinen Versammlungssälchen und dort sagte der Oberamtmann : » Ich habe eigentlich nie ein schöneres Gefühl für einen Freund , als wenn ich ihm wider seinen Willen einen Dienst für das Leben leisten kann . Denn bei Gefälligkeiten , die man den Wünschen des anderen erweiset , ist man nie sicher , daß sich nicht Eitelkeit , weichliches und selbstliebiges Wesen mit einmischt . Wenn man aber gegen die Schoßneigungen des Freundes an ihm seine Schuldigkeit tut , dann hat man die reine Empfindung treu erfüllter Pflicht ; wohl die schönste im Leben . « » Soll das denn auf unseren Freund eine Anwendung finden ? « fragte der Diakonus etwas befangen . » Allerdings « , erwiderte der Oberamtmann , » und Ihren Beistand erbitte ich mir auch , Herr Diakonus , zu dem , was ich vorhabe . Nachdem der Graf nun wiederhergestellt ist , oder wenigstens in ganz kurzer Zeit sein wird , kann ich an mein Geschäft mit ihm oder vielmehr für ihn denken . Meine erste Obsorge muß nämlich jetzt sein , diese unangemessene und fast verrückte Liebschaft zu zerstören . « Der Diakonus brauste hier , seine geistliche Fassung etwas vergessend , auf und rief in den bestimmtesten Ausdrücken , daß er zur Zerstörung einer solchen Liebe , welche keine Liebschaft sei , nicht die Hand biete , vielmehr sie , solange sie das Gastrecht seiner Schwelle genieße , zu schützen wissen werde . Man wurde hierauf , obgleich man sich in gewissen Grenzen zu halten wußte , gegenseitig sehr warm und erschöpfte alles , was an heftigen und starken Versicherungen und Gegenversicherungen gesagt werden konnte . Endlich fiel dem Diakonus die Frage ein , welche bei dergleichen Gelegenheiten die erste sein müßte , meistenteils aber die letzte zu sein pflegt . Er erkundigte sich nämlich nach den Gründen einer so starken Abneigung gegen diese Verbindung . » Ihre Frage kann mir auffallend erscheinen , Herr Diakonus , indessen will ich sie beantworten « , erwiderte der Oberamtmann . » Mein Freund ist , wie Sie wissen , aus der ersten Familie des Königreiches , seine Herrschaft gleicht an Umfang manchem Fürstentume ; geborener Reichsstand ist er und das Blut unserer Könige hat sich mit seinem Geschlechte mehrere Male vermischt . Wenn er nun den aufgelesenen Findling heiratet , so fallen seine Kinder , wie Bastarde , von der Bank und sind sukzessionsunfähig , darüber verliert er die Freude an seiner Herrschaft , weil er nämlich weiß , daß er sie für die fremde Linie aufhebt . Mit den Anverwandten verhetzt er sich ,