über ihm , und wenn auf länger oder kürzer das Wetter verschwunden schien , das drohend über dem Lande stand , so traf es ihn doppelt hart am eigenen Herd . Das Kriegsfeuer , das die Luft hätte reinigen können , war dem Lande zur Unzeit erspart geblieben , aber auf seinem eigenen Hofe brach ein Feuer aus und zerstörte Ställe und Scheunen und die Ernte des letzten Jahres . Zu der inneren Not gesellte sich äußere Bedrängnis ; was ihn aufrecht hielt , war ein starkes Gottvertrauen und das bestimmte Gefühl , daß neue Not und neue Kämpfe bevorstünden , gegen die es geboten sei , sich zu waffnen . Das Unglück , das ihn traf , rüstete ihn gegen größeres . Dieses » größere « , wer kennte es nicht ! Die Kaiserkatze , die so lange mit der Maus gespielt hatte , jetzt war sie des Spieles müde und hob die Tatze , um tödlich zu treffen . Der Kampf war unvermeidlich geworden . Zum dritten Male trat Marwitz ein ; er hoffte nichts , aber gleichviel , er liebte es , da zu stehen , wohin ihn Pflicht und Ehre stellten , unbekümmert darum , ob ihm auch die Hoffnung zur Seite stehe . Fürst Hohenlohe , der ihn schätzen gelernt hatte , erbat ihn sich abermals als Adjutanten . Der König willigte ein . So kam der Nebelmorgen jenes vierzehnten Oktober , der soviel Schmach und Elend in seinen Schleiern barg . An Marwitz lag es nicht , daß der Ausgang des Tages war , wie er war ; das Pferd wurde ihm unterm Leibe getötet , sein Hut von Kugeln durchlöchert , mehr als einmal führte er wankende Regimenter in die Schlachtreihe zurück , – umsonst , die Anstrengungen der einzelnen vermochten nichts . Geist , Leben , Siegeszuversicht waren , wie aus Land und Volk überhaupt , so auch aus jener stolzen Schöpfung gewichen , die sich die Armee Friedrichs des Großen nannte , und was längst tot war , wurde an jenem Tage sichtlich zu den Toten geworfen . Die gesunden Elemente , soweit sie jener Tag nicht mit begrub , retteten sich in eine bessere Zeit hinüber . Ist es nötig zu sagen , daß Marwitz unter diesen gesunden Elementen war ? Er glaubte an die Wiedererstehung Preußens und arbeitete daran . Die Mittel und Wege , die ihm dazu die rechten dünkten , waren freilich völlig abweichend von dem , was in den Augen der Neugestalter Preußens als das Richtige galt . Er konnte und wollte sich nicht überzeugen , daß Adel und Bürgertum als solche , oder ihr Verhältnis zu einander , das Unglück des Landes verschuldet haben sollten , umgekehrt erschien es ihm , als sei das Unheil hereingebrochen , weil beide Stände ein halbes Jahrhundert lang aufgehört hätten , ein echter Adel 38 und ein rechter Bürgerstand zu sein . Die alten Stände des Landes sollten sich selbst wiederfinden ; der Egoismus sollte ausgefegt , die Zugehörigkeit zum Staat und das Bewußtsein davon neu geboren werden . An die Stelle des Schlendrian und der Laxheit sollten Umsicht , Pflichtgefühl und Rechtsbewußtsein , an die Stelle der Frivolität eine frische Glaubenskraft treten . In diesem Sinne wollte Marwitz reformieren . Gegen den Plan wird sich nichts sagen lassen . Ob es möglich war , ihn auszuführen , diese Frage werde ich später berühren . Die Steinsche Gesetzgebung erschien ihm unpraktisch und revolutionär , aber er war so weit mit ihr einverstanden , als sie die Gebrechen des alten Staates in dem Fehlen alles geistigen Lebens und Inhalts erkannte und durch geistige Mittel helfen wollte . Nur die Mittel selbst schienen ihm nicht richtig gewählt . Marwitz liebte den rheinischen Freiherrn ( Stein ) nicht , aber er respektierte ihn . Anders stand er zu Hardenberg . Dieser war ihm ein Gegenstand entschiedenster Abneigung , seine ganze Natur lehnte sich gegen ihn auf . Hardenberg , im Gegensatze zu Stein , wollte das Wohl des Staates aus der sogenannten » Staatswohlfahrt « gewinnen . Nicht der Geist sollte helfen , sondern das Geld . Diesen Staatswohlfahrtstheorien gegenüber – die in der finanziellen Bedrängnis des Landes ihre Entschuldigung fanden , wenn sie überhaupt der Entschuldigung bedürfen – legte sich Marwitz die Frage vor : Beruht das Heil des Staates auf ökonomischen oder auf moralischen Prinzipien ? Ist der reichste Staat seines Reichtums wegen der glücklichste ? Oder verdient der glücklich genannt zu werden , in welchem die Freiheit der Bürger am festesten gegründet ist , und in welchem die Bürger am ehesten fähig sind , ihr persönliches Wohl dem des Staates nachzusetzen ? Und wenn ein Staat durch die Unbürgerlichkeit seiner Bürger ( Adel , Bürger , Bauer ) gefallen ist , kann ihm durch ökonomische Maßregeln geholfen werden ? Wird es nicht vielmehr darauf ankommen , ob man das verlassene , das abgefallene Volk zur Bürgerlichkeit wieder zurückführen kann ? Und wenn man endlich den entbürgerten , also selbstsüchtigen Individuen Reichtum darreicht , werden sie dadurch bürgerlicher werden oder nicht vielmehr noch selbstsüchtiger ? Diese Fragen waren es , die sein Herz bewegten , und im Sinn und Geist derselben stellte er sich Hardenberg gegenüber . Möglich , daß diese Ideen nie über Schloß Friedersdorf hinaus laut geworden , nirgends ein Samenkorn in die Gemüter anderer gefallen wären , wenn nicht bestimmte Ereignisse des Jahres 1811 unsern Marwitz auf die Schaubühne gerufen und in den Vordergrund politischer Kämpfe gestellt hätten . Wie es immer in solchen Fällen sein muß , ging er , der den Streit aufnahm , vom Zunächstliegenden auf das Große und Allgemeine über . Der Rechtskampf führte zum Prinzipienkampf . So war es immer , wo Ernstes und Nachhaltiges erstritten wurde . Das bloße Sichverlieben in Prinzipien ohne festes Fundament bleibt in der Regel ein energieloses Ding . Die erwähnten Ereignisse aber , die für Marwitzens späteres Auftreten entscheidend wurden , waren die folgenden . Hardenberg war entschlossen , die Macht der Stände zu brechen ,