welche ihn in Siebenbürgen empfing , ihn kaum befremdete . So eilig er dem Heimruf gefolgt , war er zu spät gekommen . Sein Bruder hatte bei dem Sturz mit dem Pferde so schwere innere Verletzungen davongetragen , daß er drei Tage darauf starb , ein kraftstrotzender Mann in der Blüthe seiner Jahre . Da er seit Jahren Wittwer , setzte sein Testament naturgemäß seinen Bruder zum Vormund der beiden hinterlassenen Kinder Graf Koloman und Comtesse Julie ein . So überkam Xaver die Verantwortung und Pflicht , den ausgedehnten Familienbesitz noch neun Jahre als Vormund zu verwalten . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Neun Jahre hier verbauern ! Es fiel ihm unendlich schwer , sich an diese Aussicht zu gewöhnen und sich auch nur für ' s erste behaglich einzurichten . Das Gefühl der Behaglichkeit läßt sich nicht erzwingen : Es ist einfach da oder nicht . Ein ganz gesunder Mensch fühlt die Existenz selbst als Genuß . Durch andrer Warnung wurde noch nie ein Mensch gebessert . Man muß sich selbst erziehn , indem man aus eigner Erfahrung für alle Dinge bezeichnende Formeln findet . Die Strafe der widerwärtigen Abhängigkeit von Außendingen bleibt niemals aus . Nur das Innere bleibt fehlerlos , während die Außenwelt unaufhörliche Fehler birgt . Geistige Arbeit scheint einzige Rettung , indem sie ganz über die Außendinge hinweghilft . Aber wo entsprechende geistige Arbeit finden ! Denn diejenige des ästhetischen Dilettantismus entwürdigt einen männlichen Geist . Krastinik warf sich schon seit geraumer Zeit auf Naturwissenschaften , wozu die alte wurmstichige Bibliothek seines Schlosses ihm ausreichende Mittel zu gewähren schien . Allein , nur unter dem bildungsdurstigen Geschlecht Ende des vorigen , Anfang dieses Jahrhunderts , hatte man dieselbe bereichert und so fand er denn hauptsächlich französische und englische Werke dieses Genres aus der Blüthezeit der ersten Periode des modernen Materialismus , während die spätere Metaphysik der Deutschen durch Abwesenheit glänzte . Er studirte die Encyclopädisten , das berühmte » System der Natur « Holbachs und » Ueber den Geist « von Helvetius . Gedanken ? Eine Fähigkeit , Eindrücke zu empfangen und sich derselben hinterher zu erinnern , welche wir mit jedem thierischen Lebewesen gemein haben . Das Gedächtniß , vielleicht die wichtigste Grundlage höheren Geisteslebens , muß als ein bloßes Organ Physischer Empfindung und das Urtheil auch nur als Empfindung betrachtet werden . » Juger n ' est proprement que sentir . « Was sind also Pflicht , Tugend und all diese schönen Worte ? Man prüfe ihr Verhältniß zu den Sinnen , inwieweit sie physische Lust erregen . Laster und Tugend sind also nur das Ergebniß unsrer Leidenschaften und diese richten sich nach der physischen Reizbarkeit für Schmerz und Lust . Nur so entstand der Sinn für Gerechtigkeit , indem aus Schmerz und Lust das Gefühl des allgemeinen Interesses erwuchs , welches man schützen wollte . Freundschaft erklärt sich nur aus dem Interesse , unsre Lust zu vermehren oder unsern Schmerz durch Theilnahme zu mindern . Den Ruhm erstrebt man lediglich wegen seines Vergnügens , respektive wegen anderer Vergnügungen , die man aus seinem Besitz erhofft . Das Gute um des Guten willen zu lieben ist eine Chimäre , das Böse um des Bösen willen zu wollen ist unmöglich . Was wir sind , dazu macht uns nur die Außenwelt . Aehnlich die Analyse der menschlichen Fähigkeiten , welche Condillac in seiner Abhandlung » Ueber die Empfindungen « versucht . Empfindung sei nichts als Eindruck äußerer Einwirkungen . Reflexion sei nur Sensation , ein Kanal der Vorstellungen , welche aus den Sinnen allein sich herleiten . Unsere Aufmerksamkeit auf irgend einen Gegenstand ist nur die Empfindung , die uns dieser Gegenstand erregt . Und Vergleich zweier Gegenstände ist nur doppelte Aufmerksamkeit , nicht etwa eine Folge der Aufmerksamkeit , also ist das Urtheilen , was bereits im Prozeß des Vergleichens liegt , auch nur das Aufmerken einer Empfindung . So entsteht das Gedächtniß als ein ungeformter sinnlicher Eindruck und Einbildungskraft leitet sich wieder vom Gedächtniß her , indem erstere das Abwesende als gegenwärtig empfindet . Daraus folgt dann der überraschende Schluß : Die Eindrücke der Außenwelt auf uns verursachen nicht die Geistesthätigkeit , sondern die Eindrücke selber sind diese Geistesthätigkeit . Dies sind die Lehren , welche einerseits zur Befreiung der Menschheit von verrotteten Mißbräuchen , andrerseits zur rohen Entfesselung der Materie trieben . Die völlige Unterordnung der sogenannten Innenwelt unter die Außenwelt drängte zur ausschließlichen Vergötterung der Natur , also zum Studium und zur alleinigen Herrschaft der Naturwissenschaften . Nicht das Wahre , Gute und Schöne suchte man zu erforschen , sondern Wärme , Licht und Electricität . Diese heilige Dreieinigkeit erschien als der neue Gott begriff , zu dem man betete . Die Gesetze der Strahlung , der Wärmeleitung , der doppelten Brechung , der Polarität des Lichtes , die Undulationstheorie , wurden gefunden . Diese Entdeckungen über unsichtbare Theile der Natur blieben freilich bis heute in gewissem Sinne unvollkommen . Denn das Geheimniß scheint schwer zu lösen , ob dieselben eine materielle Existenz haben oder ob sie bloß Zustände andrer Körper sind . Die Verbindung von Kraft und Materie , welche anfangs der dynamischen Theorie von Leibnitz im Weg zu stehen schien , schließt an sich die Existenz einer Materie ohne kräftegebende Eigenschaften aus . Hier zeigt sich allerdings die Unmöglichkeit , daß die Struktur des menschlichen Gehirnorganismus ausreicht , um solche immateriellen Begriffe zu begreifen . Hier steht er gleichsam einer Innenwelt der Außenwelt gegenüber . Unerschrocken warf sich daher der französische Geist nunmehr auf die greifbaren Theile der Natur . Die Chemie experimentirte sich neue Gesetze zurecht , welche die Eigenschaften der Natur beherrschen , durch das Studium der molecularen Zusammensetzung der Atome . Auch über diesen wichtigsten Zweig moderner Wissenschaft suchte sich Krastinik zu belehren , wo er über Lavoisier , den Gründer der wahren Chemie , Aufschlüsse fand - betreffs der Oxydation der