nöthigten und deren Sitten- , Rechts- und Ehrbegriffe also weit von denen eines Edelmannes abliegen mußten . Es kränkte ihn , daß diese Leute von seinen Familienverhältnissen in vieler Beziehung besser unterrichtet waren , als er selbst ; er schämte sich bei dem Gedanken , daß er sich zu Seba so hingezogen gefühlt , daß er sie , die Entehrte , die sich seiner Familie aufdringen wollen , seine Freundin genannt habe , daß sie die Freundin seiner Mutter gewesen sei . Sein Name , seiner Eltern Ehe , sein Vaterhaus , Alles schien ihm wie von einem Gifte angehaucht zu sein , und während gestern die bürgerliche Freiheit seines Bastardbruders ihm ein unbestimmtes Verlangen nach Ungebundenheit eingeflößt hatte , während er noch am Vormittage ein Verlangen nach ungewöhnlichen und abenteuerlichen Erlebnissen in sich gehegt , sehnte er sich nun plötzlich in den Kreis jener reinen Empfindungen zurück , in welchen er bis dahin so friedlich und so unbeirrt geathmet und gelebt hatte . Die Tagesereignisse , die Stadtneuigkeiten , die Erzählungen aus der Gesellschaft der französischen Hauptstadt , mit denen der Graf sich und ihn bei Tische unterhielt , fesselten die Theilnahme seines Neffen nicht . Die gewählten Speisen , die feurigen und feinen Weine reizten des Jünglings Gaumen nicht . Er war schweigsam und ernsthaft in sich versunken , denn das Bild , das er am Morgen als eine Albernheit verspottet hatte , das Bild des Herkules am Scheidewege , drängte sich ihm abermals und jetzt in einem anderen Lichte auf . Auch er stand auf der Grenze zwischen zwei Welten , an einem Scheidewege , auch er hatte eine Wahl zu treffen zwischen den Verlockungen des Lebens und den Ueberzeugungen und Ehrbegriffen , in denen er erzogen und erwachsen war und die für alle Zeit die Handlungen eines wahren Edelmannes leiten mußten . Und noch ehe man sich von dem verschwenderischen Mahle erhob , war seine Wahl getroffen . Statt ihn zu verführen , hatte die Charakterlosigkeit des Grafen ihn zur Besinnung und zu sich selbst gebracht . Renatus bereute , was er seit gestern gedacht , gethan ; er war entschlossen , sich für immer von einem Kreise loszusagen , in welchem so niedrige Elemente sich verbergen konnten , und er hätte viel darum gegeben , hätte er auf den Lebensweg seines Vaters mit derselben Zufriedenheit zurückblicken können , wie auf denjenigen , den er bis gestern selbst zurückgelegt hatte . Es war nie ein unedler Gedanke in sein Herz gekommen und - er wollte seine Seele rein erhalten . Er war stolz auf seine Sittenreinheit wie auf seinen alten Adel ; er wollte durch seinen Edelmuth die Schwäche seines Vaters sühnen und vergessen machen , er wollte in sich das vollkommene Vorbild eines Edelmannes darstellen ; und weil die Jugend ihr augenblickliches Wollen sich gern als eine That anrechnet , sah er bald mit einem mitleidigen Selbstgefühle , ja , endlich mit stolzer Verachtung auf seinen Oheim , auf den Mann herab , dessen Menschen- und Weltkenntniß ihm vor wenig Stunden noch beneidens- und bewundernswerth erschienen waren . Renatus ' Haltung hob sich an seinen guten Vorsätzen , er gewann seine Fassung wieder . Er nannte es in seinem Innern gut und nützlich , die Nachtseiten des Lebens in solcher Weise kennen gelernt und einen Blick in die verborgen gehaltenen Geheimnisse seiner Familie und seines Hauses gethan zu haben , den er sich zu Nutze zu machen beschloß . Daß er Seba nicht wiedersehen , das Flies ' sche Haus nicht wieder betreten , die Gräfin Rhoden bestimmen müsse , mit Seba zu brechen , um Hildegard vor jeder Berührung mit derselben ein für alle Mal zu sichern , das verstand sich ganz von selbst . Er fühlte sich plötzlich berufen , die Zügel in die Hand zu nehmen und für Alle , die ihm nahe standen , einzutreten . War er doch der Freiherr von Arten , auf dessen Schultern die Verantwortung für die Ehre dieses Namens schon jetzt und in der Zukunft ruhte ! Und er war jung genug , an die Dauer des Augenblickes zu glauben und mit der Kraft einer augenblicklichen Erhebung und Begeisterung , Vergangenheit und Zukunft umfassen und umgestalten zu wollen . Er sann darüber nach , wie er , noch ehe er sich heute von seinem Onkel trennen würde , diesem die Entschlüsse kund geben könne , die er gefaßt , wie er ihm , ohne ihn zu beleidigen , deutlich machen könne , daß sie beide auf einem völlig verschiedenen Standpunkte ständen , daß sein Versuch , sich den Anschauungen seines Onkels zu nähern , ein vergeblicher gewesen sei , und daß es also für sie in Zukunft gerathen sein dürfte , einander zu vermeiden . Aber der Widerspruch zwischen den Erzählungen des Grafen und den Gedanken und Empfindungen , welche sie in Renatus erzeugten , fing diesen allmählich poetisch zu dünken an . Es reizte ihn , sich in solcher Weise geistig von seiner zufälligen Umgebung befreien , seine Seele bis zu religiösen Empfindungen erheben zu können , während er die nöthigen Entgegnungen auf die ganz weltlichen Reden und Fragen seines Onkels nicht schuldig blieb ; und er war mitten in diesem poetischen Selbstgenusse , als die Meldung von der Ankunft des Herrn von Castigni ihn störte , der als ein vertrauter Freund des Hauses dem Diener auf dem Fuße folgte . Wichtige Nachrichten , ich bringe wichtige Nachrichten ! rief er dem Grafen zu , während dieser den Franzosen nöthigte , an der kleinen Tafel Platz zu nehmen , und der Diener ihm ein Glas hinsetzte . - Rüsten Sie Sich zum Aufbruche , mein Herr Baron ! Non più andrai far fallone amoroso ! wie viel Thränen es auch kosten mag , fügte er scherzend hinzu . Der Marschbefehl für die preußischen Truppen ist ertheilt , und Mademoiselle Davide wird sich mit uns armen Civilisten genügen lassen müssen , bis die jungen Helden wiederkehren , um der Schönen ihre Lorbeeren auf ' s Neue