. Für den Auftritt , der mit Judith und Corona erfolgte , gibt es keinen Ausdruck . Sie begriffen das Ereignis gar nicht ; Lelio konnte ihnen ja nur den letzten Akt mitteilen und Orest war sprachlos . Daß Florentin dabei gewesen , wußte niemand . So wie der erste Schuß fiel , war er die spanische Treppe hinab geeilt . Aller Wahrscheinlichkeit nach war jetzt ein verruchter Jesuit oder jesuitischer Dunkelmann weniger auf der Welt ! er suchte sich an diesem Gedanken zu freuen ; aber das Gewissen wollte es nicht zulassen . Bei dem zweiten Schuß floh er entsetzt von dannen . Da war Unheil geschehen ! Ist nicht meine Schuld .... nicht meine Schuld ! wiederholte er vor sich selbst halblaut , um die stumme Sprache des Gewissens zu übertäuben . Aber seine Pulse klopften wie Hämmer , und Schweißtropfen standen auf seiner kalten Stirn ; ein namenloses Grauen überfiel ihn - das entsetzlichste , was es auf Erden gibt - das Grauen vor sich selbst . Fort ! zu Rita ! zu Rita ! rief er . Wer war Rita ? ein schönes elendes Weib - Gaetano ' s Frau ! Lelio schickte sogleich den Wagen nach einem Wundarzt , der schleunig kam und auch einen Verband anlegte , doch gleich erklärte , der Verwundete werde schwerlich den Tag durchleben und das sei zu wünschen wegen seiner folternden Schmerzen . Auch der Hausgeistliche war gerufen , aber vergeblich , wie es schien , da Orest nicht bei Besinnung war . Corona kniete neben ihm , gefoltert wie er , aber von Mitleid und von Seelenangst . » Betet , betet ! « sagte sie zu einigen Ordensfrauen , die mit größter Schnelligkeit ihm ein Lager bereitet und den Entseelten in ein anderes Zimmer getragen hatten ; o betet vor dem Sanktissimum , daß er nur eine Minute zum Bewußtsein gelange , und mit einem Akt der Reue vor dem ewigen Richter erscheine . « » Es knieen schon zwei Schwestern in dieser Intention vor dem Sanktissimum , « entgegnete die Oberin ; » und die Messen , die heute gelesen , und die heiligen Kommunionen , die empfangen werden , wollen wir sämtlich dafür aufopfern . « » Gott vergelts ! « sagte Corona ; » denn ich ... ich kann nicht beten .... ich ächze nur ! « Es war ein Jammer sie zu sehen mit diesem Ausdruck von Seelenangst um den Sterbenden , ihr prächtiger Anzug mit seinem Blut überströmt , die Spitzen zerrissen , Handschuhe und Taschentuch blutig am Boden . Sie dachte nicht an Felicitas , nicht ihren Vater und Uriel rufen zu lassen . Sie dachte nur daran , daß hier eine Seele in der vollen Ungnade Gottes von der Erde abscheiden könne . So weit gingen Judith ' s Gedanken nicht . Sie machte es gerade umgekehrt , wie Florentin . Meine Schuld ! meine Schuld ! seufzte sie in stumpfer Trostlosigkeit . Mord und Selbstmord - meinetwegen ! zwiefache Mörderin ! Sie fiel aus einer Ohnmacht in die andere . Der Gegensatz zwischen der heiligen Feier , zu der sie aus allen Kräften ihres geistigen Wesens hinstrebte und verlangte - und dieser blutigen Tragödie war so gewaltsam , so unerwartet , daß sie von diesen Schrecknissen aus ihrer hohen Spannung herausgerissen und bis zur Ohnmacht übermannt wurde . Über diese Bilder des Jammers brach der Tag an , sanken die Nebel , ging die Sonne golden auf . Nichts änderte sich in Orest ' s Zustand . » Wenn doch Pater Bonaventura käme - oder für ihn betete , « sagte eine Laienschwester zu dem Hausgeistlichen , der mit Lelio und Corona das Sterbebett bewachte . » Wer ist das ? « fragte Corona . » Ein frommer Kapuziner , den man sehr verehrt , und zu dessen Fürbitte man viel Vertrauen hat , « entgegnete der Geistliche . » Ich hole ihn ! « rief Lelio . » Der Wagen ist noch immer bereit . « Er eilte hinaus und fuhr eilig zum Kapuzinerkloster auf dem Platz Barberini am andern Ende von Rom . Ein weiter Weg ! In dumpfer Angst harrte Corona . Jede Minute erschien ihr wie eine Ewigkeit , und wie manche Minute mußte vergehen ! Judith schleppte sich auf den Knien zu Corona . » Hassen Sie mich ! « sagte sie tonlos . » Es wird mir ein Trost sein , so verabscheut zu werden wie ich es verdiene . « » Die christliche Seele haßt nie , « erwiederte Corona . » Wie könnte ich hassen so bitterer Todesnot gegenüber . « - Endlich kam Lelio und mit ihm Pater Bonaventura . Als er eintrat , riefen Corona und Judith : » Herr Ernest ! « - und es war , als empfänden sie einen inneren Trost durch seine Ankunft . Lelio hatte ihn bereits von dem ganzen Vorfall und den betreffenden Personen in Kenntnis gesetzt . » Retten Sie seine Seele ! « flehte Corona . » Wo so viel fromme Seelen schon beten und mit Gottes Gnade Erhöhrung finden werden , da ist mein unwürdiges Gebet recht unnütz , « sagte er demütig . Die Pförtnerin trat ein und meldete , daß Corona ' s Kammermädchen höchst beunruhigt Nachfrage um die Gräfin halte . Niemand wisse , was aus ihr geworden sei , und der Herr Graf habe so eben den Diener nach dem Hotel Meloni geschickt . » O mein unglücklicher Vater .... bringen Sie ihm die Schreckenskunde ! « seufzte Corona zu Pater Bonaventura gewendet . » Vor einem solchen Auftrag darf man zittern , « sagte er und ging zu Graf Damian . Nicht zehn Minuten verstrichen und er kam mit dem unglücklichen Grafen zurück , der gebrochen , wie ein siebzigjähriger Greis , vom sterbenden Orest zum entseelten Hyazinth wankte . Bald darauf kam auch Uriel , beängstigt durch die Nachfrage nach Corona im Hotel Meloni und durch die Aussage des Portiers , daß Graf Orestes