geschah nach einer Unterredung , die sie mit dem Arzte gehabt hatte . - Sie wurde der Frau des Diakonus bei deren vermehrten Haussorgen sehr nützlich , und ein Geschäft hatte sie seit ihrem Eintritte in das Haus ausschließlich für sich in Anspruch genommen , die Bereitung alles dessen , was Oswald bedurfte . Ein zarter und stiller Verkehr waltete zwischen beiden , ungeachtet daß Lisbeth , wie sich von selbst versteht , unter dem strengsten Banne des ärztlichen Verbotes befangen war . Sie sandte ihm mit dem leichten und kühlenden Tranke , welchen er genießen durfte , jederzeit die schönsten Blumen , die sie im Garten fand . Er hielt diese sanften Boten in seiner Hand des Tages , und bei Nacht ruhten sie an seinem Herzen und von dieser Ruhestätte empfing Lisbeth sie am anderen Morgen wieder . - Wenn die Hausfrau sie nicht beschäftigte , pflegte sie im Hofe unter den Fenstern des Krankenzimmers zu sitzen . Dort verweilte sie , bis es völlig dunkel geworden war , ihre stille Mädchenarbeit verrichtend . Sie war gegen jedermann sanft und freundlich , ließ sich aber mit niemand ein , sondern blieb sehr für sich . Ein Vorfall hatte sich während jener Tage ereignet , der die Gäste etwas wider sie einnahm , den Oberamtmann sogar in Zorn versetzte . Auf heute hatte der Arzt den Eintritt einer entscheidenden Krisis vorherverkündiget . Der Diakonus , Clelia und der Oberamtmann gingen ihm daher gespannt entgegen , während Lisbeth ruhig unter dem Fenster sitzen blieb . Der Arzt hatte die Worte Clelias gehört , wandte sich daher an diese , und sagte : » Gnädige Frau , ich darf Ihnen etwas kürzere Fristen versprechen . Unser Patient ist hergestellt , und wenn allerseits verehrte Anwesende heute und etwa morgen und etwannest übermorgen noch einige Rücksicht auf seinen Zustand nehmen , so wird er wohl überübermorgen ausgehen dürfen , als ein zwar noch etwas blasser aber doch durchaus geheilter Mann . « » Wie ? « riefen alle wie aus einem Munde . » Und Sie erklärten ihn noch gestern für nicht außer Gefahr ? « Der Arzt zog sein breites und fettes Gesicht in solche Falten , daß er wie ein Silen aussah und sagte : » Eine Notlüge , gnädige Frau und liebe Herren , eine Notlüge , ohne welche der rechtschaffenste Mann , absonderlich aber der Arzt , nicht durch dieses Jammertal kommt . Denn wollte der Arzt immer die Wahrheit sagen , so würfen sie ihn zum Hause hinaus . « » O Sie Schelm ! Gewiß haben Sie wieder einen Ihrer Streiche auslaufen lassen ! « sagte der Diakonus lächelnd . Clelia drang in den Arzt , um den Zusammenhang zu erfahren , und er fuhr folgendermaßen fort . » Wenn man « , sagte er , » wie ich , eine Reihe von Jahren doktert , wenn man seine von vielen Rezepten nicht mehr abhangende Praxis hat , so beginnt man ohne Scheu einzugestehen , daß die Natur doch zuletzt der Geheime Medizinalrat oder Obermedizinalrat ist . Wir Ärzte sind nur schärfere Zeugen der Natur , hören feiner , was sie flüstert und wispert , als andere Menschen , sonst aber sind wir keine Hexenmeister . Der Natur , wenn sie leise sagt : Bitte ! bitte ! die Bitte zu gewähren , alles fernzuhalten , was sie in ihrem Gange stört , das ist unsere ganze Kunst . Die Krankheiten werden meistensteils nur gefährlich durch Gelegenheitsursachen , welche das Walten der Natur stören . Auch dieser Blutsturz wäre bei der vortrefflichen Konstitution des Herrn Grafen wahrscheinlich ganz von selbst geheilt , das Blutgefäß , welches sich ergossen hatte , hätte sich mit Ruhe und höchstens etwas zusammenziehend Säuerlichem von Natur geschlossen . - Meine Weisheit hat nur darin bestanden , daß ich die der Natur feindliche Gelegenheitsursache entfernt zu halten wußte . « » Ich sehe einmal wieder nicht , wohin dieses Kauffahrteischiff steuert « , sagte Clelia . » Welche Gelegenheitsursache meinen Sie ? « » Ihre und der übrigen verehrten Anwesenden Liebe , Freundlichkeit , Besorgnis und Teilnahme an meinem Patienten « , versetzte der Arzt trocken . » O meine geschätzten Freunde , Sie glauben nicht , wie viele Kranke dem Arzte durch Liebe und Teilnahme der Angehörigen zugrunde gerichtet werden ! Zwar in den ersten Tagen läßt man den Leidenden wohl ruhig liegen und behandelt ihn vernünftig , aber späterhin , wenn es nun heißt , er bessere sich , oder er sei Rekonvaleszent , da beginnt ein wahrer Kultus des Krankenzimmers , in den Augen des gewissenhaften Arztes der schlimmste Teufelsdienst . Vergebens rufen die müden und zitternden Nerven : Laßt uns in Frieden ! Umsonst sehnt sich das in Unordnung gebrachte Blut nach Stille , fruchtlos ist es , daß die letzten Kohlen der Entzündung in sich verglimmen möchten - es hilft alles nichts , besucht wird , gefragt wird nach dem Befinden , unterhalten wird , vorgelesen wird , sogenannte kleine Freuden werden bereitet und voll Verzweiflung sieht man das Schlachtopfer der Liebe , was man gestern voll guter Hoffnung verließ , heute elend wieder . Deshalb sterben auch in Privathäusern verhältnismäßig mehr Menschen als in wohlbeaufsichtigten Lazaretten . Und darum pflege ich auf Kranke mit Umgebungen voll Liebe und Teilnahme , die ich nicht abhalten kann , von vorneherein doppelt so viel Zeit zu rechnen , als auf Kranke ohne liebevolle Umgebungen . Hier nun - « » Es ist doch abscheulich , über die edelsten Empfindungen so zu spotten ! « rief Clelia heftig . » ... sah ich einen ganzen Herd von Liebe und Teilnahme , als ich zum Grafen berufen wurde « , fuhr der Arzt , ohne sich erregen zu lassen , fort . - » Edle Empfindungen , über die mir nicht einfällt zu spotten , welche mir aber als Arzt nur als ebenso viele widrige Gelegenheitsursachen und Indikationen erscheinen mußten , daß der Patient , befragt , besprochen , unterhalten ,