gewahren , einen Anlaß , sie zu sprechen , zu suchen , um von ihr zu hören , wo sein Knabe , - die einzige Hoffnung seines Lebens , sey . Freilich mahnte ihn öfters die innere Stimme , der Arglistigen , die seine Feindin geworden war , nicht blindlings zu vertrauen ; freilich beschlich ihn die Furcht , sie möchte ihn - nun sie in Freiheit , - täuschen , wie sie schon oft gethan , allein - nach dem Strohhalme greifend , wie ein Schiffbrüchiger , treibend auf wallender See , sehnte er sich dennoch nach dem Anblicke der Gehaßten . Ihr Antlitz , so widerlich es ihm geworden , war das Ziel , nach welchem seine Blicke suchten , allein vergebens war sein Bemühen . Die Fensterflügel alle standen offen , um die balsamische Luft in das dunkle Gebäude zu lassen ; jedoch an keinem dieser Fenster war Wallrade zu erspähen . Ein freundliches Gesicht , - Margarethens , - neigte sich wohl öfters aus den Bogen ; kein anderes war aber zu schauen . Seiner Fassung nicht vertrauend , um unvorbereitet in das Haus , unter die Augen der Unversöhnlichen , oder ihres Vaters , des strengen Mannes zu treten , kehrte er seufzend , sein Vorhaben auf günstigere Zeit verschiebend , den Mauern , in welchen Wallrade , das Unglück seines Lebens , geboren wurde , den Rücken , und ging weiter , ohne ein bestimmtes Ziel sich zu stecken . An den Hütten vorüber , in welchen Bettlerrotten ihr unverschämtes Gewerbe trieben , und in Horden die Vorübergehenden anfielen1 , schritt er gedankenvoll dem Rauerberge zu , um von dannen an den Mainstrom zu gelangen ; nicht die Aussicht über den Fluß zog ihn dahin ; wohl aber die schmerzliche Lust , die Fluthen wogen zu sehen , in welchen sein geliebtes Weib , sein theures Kind zu Grunde gegangen waren . Wie er nun so dahin ging , dieser verlornen Lieben im Innersten wehmüthig gedenkend , so strich eine junge Betteldirne an ihm vorüber , die ein Kind auf dem Arme hielt , und dem Mönchsgewand eine fromme Verneigung schenkte . Als wie durch eine Fügung gezwungen , drehte Bilger den Kopf nach ihr , und indem er das Kind gewahrte auf ihren Armen , schlug wie ein Donnerstreich der Gedanke durch sein Gehirn : Rudölf ! dieses Kind ! ist ' s nicht das Deine ? - Und zu stehen befahl er der Dirne , und auch ihre Züge waren ihm bekannt , als wie aus früher , dämmernder Zeit . - » Wer bist Du , Maid ? « stammelte er betroffen , und hielt die Bettlerin mit zitternden Händen fest : » Wer bist Du , Unglückliche , und wessen ist dies Kind ? « - Seiner heftigen Bewegung zu Folge fiel die Kaputze von seinem Haupte , und sein Antlitz erschien im Sonnenlichte , - der bestürzten Magd so schrecklich und drohend , daß sie aufschrie : » Um aller Heiligen Willen ! Herr von der Rhön ! Ihr seyd ' s ? O welche Freude ! « - » Kunigund ! « stammelte er , wie von einem neuen Fieberanfall geschüttelt : » Antworte mir .... antworte ! dieses Mädchen ! « - » Ist das Eure , Herr ; « erwiederte Gundel , sich vor ihm auf die Kniee werfend : » verzeiht , vergebt , Herr , ich wußte nicht , daß Ihr zu Frankfurt ; ich fürchtete mich .... mich schreckte der Kerker . Bettelnd hab ' ich meine und des Kindes Tage gefristet , um nur Frau Wallradens Rückkehr zu erwarten . « - » Wallrade ? « rief Bilger entsetzt , indem er das schreiende Kind , das den Vater in der rauhen Hülle , entstellt von Blässe und verwildertem Varte , nicht erkannte , auf seinen Arm riß : » Wallrade ? ich entsinne mich . Welch fürchterliches Licht ! Sie nannte mir das Kind todt ! « - » Todt ? « fragte befremdet Kunigunde : » Todt ? ach nein , lieber Herr ! « - » Des Kindes Mutter jedoch ? ... « - fuhr Bilger mit steigender Angst und Hoffnung fort . - » Auch sie lebt , guter Herr ! « betheuerte Gnudel . - » Abschaum der Hölle ! « schrie von der Rhön in heftigster Bewegung : » Niederträchtige Wallrade ! Wo ist mein Weib , wo ? sprich , Dirne , sonst ist Dein Ende da ! « - » Ich schwöre , daß ich es nicht weiß , Herr , « entgegnete Gundel schluchzend und die Hände ringend : » hätte ich den sonst nicht der Mutter ihr Kind gebracht , das nur mich allein hatte in der Welt ? Ach , Herr , Wallrade ist böse , und ich berene mit blutigen Thränen , daß ich um ihre Frevel weiß . Euer Sohn , o Herr ! ... « - » Nachher von meinem Sohne ! « donnerte von der Rhön : » nachher ! jetzt aber , von ihr , der Lügnerin ! Wo finde ich sie ? wo ? « - » Erst gestern hab ' ich ihren Aufenthalt erfahren , « antwortete Gundel schnell : » die Äbtissin der Reuerinnen ist ihre Freundin , und sie wohnt darum im Hause der weißen Frauen . « - » Der Teufel im Hause der Buße ? « fragte von der Rhön mit wilden Zornesflammen im Gesichte : » Wenn ich sie finde , wenn ich sie treffe ! ... « - Mit diesen Worten enteilte er , das Kind auf dem Arme , dem Kreise von neugierigem Pöbel , der sich um diesen seltsamen Auftritt versammelt hatte , und stürtzte mit der Hast eines Wüthenden der Mainpforte zu . - » Um Gottes und Christi Willen ! « jammerte Gundel , nachrennend . : » Ihr stürtzt Euch in ' s Verderben , Herr ! Hört mich ! hört ! «