Aerzte , welche sich den Reichen so unentbehrlich zu machen und von ihrer Ueppigkeit und Schwelgerei so viele Vortheile zu ziehen wissen , werden ihm nicht vergeben , daß er ihnen die Geschicklichkeit , einen baufälligen Körper recht lange hinzuhalten und ihre Kranken des langsamsten Todes , der ihrer Kunst möglich ist , sterben zu lassen , d.i. gerade das , worauf sie sich am meisten einbilden , zum Vorwurf , und beinahe zum Verbrechen macht . Natürlicherweise ist ihre Partei , da alle Schwächlinge , Gichtbrüchige , Engbrüstige , Wassersüchtige und Podagristen von Athen auf ihrer Seite sind , wo nicht die stärkste , doch die zahlreichste ; und wie sollten sie ihm je verzeihen können , daß er unmenschlich genug ist , zu behaupten : sie und alle ihresgleichen könnten für die allgemeine Wohlfahrt nichts Besser ' s thun , als sich je bälder je lieber aus der Welt zu trollen ; und die Heilkunst mache sich einer schweren Sünde gegen den Staat schuldig , wenn sie sich so viele Mühe gebe , ungesunden Menschen ein sieches , ihnen selbst und andern unnützes Leben auch dann zu verlängern , wenn keine völlige Genesung zu hoffen ist . In der That hat diese Behauptung etwas Empörendes ; und es mag wohl seyn , daß nur ein sehr gesunder , der Güte seines Temperaments und seiner strengen Lebensordnung vertrauender , auch überdieß außer allen zärtlichern Familienverhältnissen isolirt lebender Philosoph so vielen armen Sterblichen , die mit allen ihren Uebeln , doch das erfreuliche Licht der Sonne gern so lang ' als möglich athmen möchten , ein so unbarmherziges Todesurtheil zu sprechen fähig ist . Ich hoffe Plato selbst werde sich erbitten lassen einige Ausnahmen zu machen ; indessen müssen wir auch nicht vergessen , daß alles , was er seinen kerngesunden alten Sokrates über diesen Punkt sagen läßt , mit unverwandter Rücksicht auf seine Republik gesagt wird , wo sich freilich alles anders verhält als in den unsrigen . In den letztern lebt jeder Mensch sich selbst und seiner Familie , dann erst dem Staat ; in der seinigen lebt er bloß dem Staat , und sobald er diesem nichts mehr nütze ist , rechnet er sich nicht mehr unter die Lebendigen . Er verhält sich also zum Staat , wie der Leib zur Seele . Die Seele ist der eigentliche Mensch ; der Leib hat nur dadurch einigen Werth , und darf nur insofern in Betrachtung kommen , als er der Seele zum Sklaven und Werkzeug gegeben ist . Es ist daher ( wie Sokrates etwas , so er vorhin selbst gesagt hatte , berichtiget ) nicht recht gesprochen , wenn man die Musik allein auf die Seele , die Gymnastik allein auf den Leib bezieht . Beide dienen bloß der Seele , und die Gymnastik findet in seiner Republik nur insofern Platz , als sie den Körper zu einem rein gestimmten , diese Stimmung festhaltenden , und mit einer von den Musen gebildeten Seele immer rein zusammen klingenden Instrument derselben macht . Eben darum wäre sehr übel gethan , die Gymnastik von der Musik oder diese von jener trennen zu wollen ; die Musik allein würde nur weibische Schwächlinge , die Gymnastik allein sogar aus Knaben von der edelsten Art nur rohe gewaltthätige Halbmenschen ziehen : aber so , wie Plato es vorschreibt , verbunden und eine durch die andere getempert19 , bilden sie » den ächten Musiker und Harmonisten , der beide Benennungen in einem unendlich höhern Grad verdient als der größte Saitenspieler . « Was meinst du nun , Glaukon ( fährt Sokrates fort ) , sollten wir , wenn uns die Erhaltung unsrer Republik am Herzen liegt , nicht immer gerade einen solchen Mann zum Vorsteher derselben nöthig haben ? - Mit dieser leichten Wendung führt er uns zu der dritten Classe seiner Staatsbürger , nämlich zu den Archonten oder obrigkeitlichen Personen , deren die beiden ersten benöthigt sind , wenn diese unwandelbare Ordnung , Harmonie und Einheit in der Republik erhalten werden soll , in welcher ihr Wesen besteht , und wodurch sie sich von allen unsern ungesunden , baufälligen und ihrer Zerstörung , langsamer oder schneller , entgegen eilenden Republiken unterscheidet . Was er hier von dieser obersten Classe seiner Staatsbürger überhaupt , und von dem Obervorsteher oder Epistaten des ganzen Staats sagt , ist zwar nur ein bloßer , mit wenigen Pinselstrichen entworfener Umriß , wovon er sich die Ausführung stillschweigend vorbehält ; aber auch in diesem entwickelt sich alles so leicht und schön , ist alles so richtig gedacht , in so zierliche Formen eingekleidet , und erhält durch überraschende Wendungen einen so eigenen Zauber von Genialität und Neuheit , daß man ihm Tage lang zuhören möchte , wenn er sich in dieser Sokratischen Manier zu philosophiren so lange erhalten könnte . Um so auffallender ist es , wenn wir seinen Sokrates , den wir eine geraume Zeit lang so verständig , wie ein Mann mit Männern reden soll , reden gehört haben , sich plötzlich wieder in den Platonischen verwandeln , und in eine andre Tonart fallen hören , welche wir ( mit aller ihm schuldigen Ehrerbietung gesagt ) uns nicht erwehren können , unzeitig , seltsam , und , mit dem rechten Wort gerade heraus zu platzen , ein wenig läppisch zu finden . » Wie wollen wir es nun anstellen ( fragt er den Glaukon ) , um vornehmlich die Archonten unsrer Republik , oder doch wenigstens die übrigen Bürger , eine von den gutartigen Lügen glauben zu machen , von denen wir oben ( als die Rede von den Fabeln und Lügen der Dichter war ) ausgemacht haben , daß sie zuweilen zulässig und schicklich seyen ? « - Glaukon , den diese unerwartete Frage vermuthlich eben so stark vor die Stirne stieß als uns , kann sich nicht vorstellen , was für eine Lüge Sokrates im Sinne habe . - » Sie ist nichts Neues , « versetzt Sokrates ; » denn sie stammt schon von