Ernst . « » Ich predige ja nur über ein christliches Gebot « , sprach der Diakonus lächelnd . » Wie lautet dieses sogenannte christliche Gebot ? « » Sorge nicht um den anderen Tag « , versetzte der Diakonus . Die junge Dame begehrte jetzt auch seine Exegese über die leeren Nöte des Liebespaares . Er bedachte sich etwas und sagte dann : » Ich muß hier schwerfälliger werden als bei dem anderen Thema . Zuvörderst sei Ihnen gesagt , daß diese Liebe mich rührt , die Liebe meines Freundes und des guten Mädchens , welches er auf so ungewöhnliche Weise kennengelernt hat . Ich meine , in ihnen ein vom Schicksal bezeichnetes Paar zu sehen und ein völliges Aufgehen zweier Seelen ineinander . Die Liebe ist nun Leid , wie alle Dichter singen , sie ist der Herzen selige Not und ein rührender Gram . Wer von der Liebe Tränen scheidet , der scheidet sie von ihrem Lebensquell ; eine lachende Liebe ist keine . Wahrlich , die echte Liebe ist ein Ungeheures ! « fuhr er mit Wärme fort . » Nicht in tauber Redeblume , sondern wesentlich , wirklich und wahrhaftig gibt der Liebende seine Seele weg ! Diese also weggegebene und der Hut berechnenden Verstandes entlassene Seele ist aus den Fugen , unbeschützt liegt sie da und ohne Verteidigung durch irgendeine Selbstsucht , welche unsere nüchternen Tage schirmt . In dieser ihrer göttlichen Schwäche ist sie nun eine Beute für jedes Raubtier von grimmigem Zweifel , fürchterlichem Argwohn , zerfleischendem Verdacht . Aber im Kampf mit diesen Raubtieren erstarkt sie . Aus ihren tiefsten und noch nie bis dahin entdeckten Abgründen holt sie neue Waffen und eine ungebrauchte Rüstung hervor ; sie lernt sich in ihren verborgenen Reichtümern begreifen , sie vollzieht eine Art von herrlicher Wiedergeburt und feiert nun auf dieser Stufe die wahre , die himmlische Hochzeit , von welcher die andere nur das vergröberte irdische Abbild ist . Unverwelklich ist der Kranz , der auf jenem Siegesfeste der liebenden Seele getragen wird , und er verschwindet nicht in den Schatten der Brautnacht . Darum zwingt eine ewige Notwendigkeit die wahre Liebe , sich Not zu schaffen , wenn sie keine Not hat . Denn nicht träge genießen will sie , sondern kämpfen und siegen . Trübsal ist ihr Orden und Jammer ihr geheimes Zeichen . Traun , ein Kind kann über die Leiden Oswalds und Lisbeths lachen , die nicht kindischer erfunden werden mochten ! Aber ohne diese kindischen Leiden wären zwei Seelen von solcher Tiefe , Schwere , Süße und Feurigkeit wohl wieder voneinander gekommen , statt daß sie in den Qualen der Einbildung sich das rechte Wort und den wahren Gruß gegeben haben , an dem sie einander über alle Zeit hinaus erkennen werden . « Die junge Dame Clelia war durch diese Rede des Diakonus in ein Gebiet geführt worden , in welchem ihr nicht heimisch zumute sein konnte . Anfangs meinte sie für sich , sie müsse sich etwas schämen , denn mit ihrem Kavalier aus den österreichischen Erblanden hatte sie freilich während des Brautstandes mehr gelacht als geweint . Nachher meinte sie , die Gelehrten sprächen zuweilen nur , um etwas zu sagen ; und endlich verstand sie den Geistlichen gar nicht mehr . - Als er mit seiner Auseinandersetzung zu Ende war , rief sie : » Schade , daß die beiden lieben Leute einander nicht heiraten können ! « » Wie ? « rief der Diakonus voll äußersten Erstaunens . Denn auf diese Wendung war er bei der jungen , gutmütigen Frau nicht im Traume gefaßt gewesen , zumal nach solchem Gespräche . Zweites Kapitel Worin ein humoristischer Arzt nützliche Wahrheiten über die behandlung kranker Personen vorträgt Das Nahen des Arztes , welcher von dem Krankenzimmer herunter in den Garten kam , schnitt weitere Erörterungen vorläufig ab . - Der Doktor war ein überaus dicker Mann , der voll guter Einfälle steckte und diese mit der größten Trockenheit herauszubringen wußte . Clelia , die mit solchen Leuten eine natürliche Wahlverwandschaft hatte , pflegte in seiner Gegenwart zu sprechen , als sei er nicht zugegen . Und so sagte sie auch jetzt , als der Arzt langsam über den Hof gewatschelt kam , ganz laut : » Da kommt der Doktor und wird uns nun sagen , daß es mit Oswald anfange , besser zu gehen . Das heißt , vierzehn Tage lang mag er allenfalls einen oder den anderen von uns eine Viertelstunde annehmen , vierzehn Tage darauf können die Besuche länger werden , und nach sechs Wochen werden wir hoffentlich so weit sein , daß der Rekonvaleszent in der Mittagssonne eine halbe Stunde spazieren gehen darf . Dies nennen die Ärzte Herstellung . « Wirklich hatte der Arzt noch bis gestern den Zustand des Kranken als bedenklich und der höchsten Schonung bedürftig dargestellt . Streng war jeder Verkehr zwischen ihm und der Außenwelt untersagt gewesen ; niemand , weder die Frauen , noch selbst der Diakonus und sein neuer Vetter aus Österreich hatten ihn besuchen dürfen . Nur dem alten Jochem war er zur Obhut und Pflege von dem unnachsichtigen Arzte anvertraut worden , die jener denn auch in aller Treue ausgeübt hatte . Ängstliche Sorge und Spannung , die in dem kleinen mit Gästen plötzlich so angefüllten Hause alle , besonders in den ersten Tagen der Krankheit , bewegte , konnte sich daher nur durch eifriges Fragen und Nachfragen und durch jede Liebesgefälligkeit , die von draußen nach dem Krankenzimmer hinein zu leisten war , geltend machen . Am unruhigsten war Clelia gewesen , welche ihren Vetter wahrhaft lieb hatte . Auch der Oberamtmann , der in seinem Wagen den Leidenden nach der Stadt befördert hatte , zeigte eine große Anhänglichkeit . Tief betroffen waren der Diakonus und seine Frau gewesen . Lisbeth hatte anfangs viel geweint . Dann fiel es den anderen auf , daß sie plötzlich die Gefaßteste , und wie es schien , Gleichgültigste von allen wurde . Diese Verwandelung