, Syrakus und so viele andere ( meine ziemlich üppige Cyrene nicht ausgenommen ) , können sie nichts Böses thun , dem nicht auf diese oder jene Weise das Gift entweder benommen oder durch einwickelnde und mildernde Arzneimittel Einhalt gethan würde . In Athen oder Milet ist wenig daran gelegen , ob die Leyer drei oder vier Saiten mehr oder weniger hat . Aber in einem Staat , dessen Verfassung und Gesetzgebung auf rein sittliche Grundsätze gebaut wäre , und wo also die ganze Lebensweise der Bürger , alle ihre Beschäftigungen und Vergnügungen , ihre gottesdienstlichen Gebräuche , Feste und gemeinschaftliche Ergötzlichkeiten , vor allem aber die Erziehung ihrer Jugend mit jenen Grundsätzen in der richtigsten Harmonie stehen müßten : da würde allerdings die kleinste Abweichung vom Gesetz und vom guten alten Brauch , auch in Sprache , Declamation , Rhythmus , Gesangweisen , Tonfällen , Zahl der Saiten auf der Leyer und Cither , und dergleichen , wo nicht ganz so viel als Plato meint , doch sehr viel zu bedeuten haben ; und wenn die Spartaner , die vor dreißig Jahren ein so strenges Decret gegen die eilfsaitige Lyra des berühmten Sängers Timotheus18 ergehen ließen , dem Geist der Gesetzgebung ihres Lykurgs in allen andern Stücken so getreu geblieben wären , so würden sie , anstatt sich den Athenern dadurch lächerlich zu machen , den Beifall aller Verständigen davon getragen haben . Daß Plato durch seine auf die strengste Moral gebaute Theorie der musischen und mimischen Künste , wenn man - anstatt ihre unmittelbare Beziehung auf seinen idealischen Staat zum Gesichtspunkt zu nehmen - sie als einen allgemeinen Kanon für Dichter , Maler , Musiker u.s.f. betrachten wollte , im Grund alle Poesie und die sämmtlichen mit ihr verwandten Künste rein aufhebt ; daß seine Einwendungen gegen die künstliche Nachahmung aller Arten von Charaktern , Gemüthsbewegungen , Leidenschaften und Handlungen ( sie mögen nun löblich oder tadelhaft , der Nachfolge oder des Abscheues würdig seyn ) keine scharfe Untersuchung aushalten ; und daß eine Ilias von lauter vollkommen weisen und idealisch tugendhaften Menschen , wie er sie haben will , ein kaltes , langweiliges und wenigstens durch seine Eintönigkeit unausstehliches Werk seyn würde , wer sieht das nicht ? Und wie könnt ' es anders seyn , da er den Künsten einen falschen Grundsatz unterschiebt und das Sittlichschöne zu ihrem einzigen Gesetz , Zweck und Gegenstand macht ? Aber alles , was er behauptet , steht an seinem Platz , sobald wir es in seine Republik versetzen . Seine Jünglinge sollen an Seel ' und Leib ungeschwächte , unverdorbene Menschen bleiben ; sie sollen » nichts lernen was sie künftig wieder vergessen müssen ; « sie sollen nichts sehen noch hören , nichts denken noch treiben , als was unmittelbar dazu dient , sie zu ihrer Bestimmung vorzubereiten . Sie sollen von Kindesbeinen an auf alle mögliche Weise zu jeder Tugend gewöhnt werden , und ungeziemende , ungerechte , schändliche Dinge nicht einmal dem Namen nach kennen . Sie sollen von der Gottheit das würdigste und Erhabenste denken ; sollen angehalten werden immer die Wahrheit zu sagen , und Lügen als die häßlichste Selbstbeschimpfung zu verabscheuen ; sollen immer nüchtern , mäßig und enthaltsam seyn , der Wollust und dem Schmerz keine Gewalt über sich lassen , ihren Mitbürgern hold und gewärtig und nur den Feinden des Staats fürchterlich , in Gefahren zugleich vorsichtig und muthvoll , kaltblütig und entschlossen seyn , immer bereit , Leben und alles ihrer Pflicht aufzuopfern , ohne weder den Tod für sich selbst zu fürchten , noch sich beim Ableben der Ihrigen unmännlich zu betragen . Zu allem diesem wird man freilich ( wie Plato seinen Sokrates sehr ausführlich mit Stellen aus der Ilias und Odyssee belegen läßt ) durch das Lesen unsrer Dichter und durch die Beispiele , Maximen und pathetischen Declamationen unsrer Tragödien nicht gebildet ; wohl aber kann es nicht fehlen , daß sie in jungen Gemüthern Eindrücke und Vorstellungen hinterlassen , die das Gegentheil zu wirken geschickt sind . Nehmen wir also dem Schöpfer einer Republik , die bloß dazu erschaffen ist uns zum Urbild der Gerechtigkeit und sittlichen Vollkommenheit zu dienen , nicht übel , daß er unsre Dichter mit eben so weniger Schonung von ihren Gränzen abhält , als alle andern Künstler und Werkleute des Vergnügens und der Ueppigkeit ; in einem Staat , der in Ansehung aller körperlichen Bedürfnisse und sinnlichen Genüsse auf das schlechterdings Unentbehrliche eingeschränkt ist , findet sich kein Platz für sie . Sokrates geht nun in der Erziehung seiner Staatsbeschützer von der Musik als der Bildung der Seele zur Gymnastik oder Ausbildung , Uebung und Angewöhnung des Körpers über . Alles was er über diesen Gegenstand sagt : die scharfe Censur , die er bei dieser Gelegenheit über die Lebensweise der Vornehmen und Reichen zu Syrakus , Korinth und Athen ergehen läßt , alles was er über die Diätetik überhaupt , über die Vorzüge der ächten Aesculapischen Heilkunst von der heutzutage im Schwange gehenden , und über die Analogie der Profession des Richters ( den er als eine Art von Seelenarzt betrachtet ) mit der Kunst des eigentlich sogenannten Arztes , vorbringt , - mit Einem Wort die ganze reichhaltige und vielseitige Behandlung dieser Materie ist in jedem Betracht unübertrefflich schön und wahr . Alles darin ist neu , selbst gedacht , scharfsinnig , und doch zugleich so klar einfach und auf den ersten Blick einleuchtend , daß der Leser fast immer seinen eigenen Gedanken zu begegnen glaubt . Ich habe nichts darüber hinzuzusetzen , als daß der göttliche Plato , wenn er immer auf diese Art philosophirte , in der That ein Gott in meinen Augen wäre ; und daß , wofern die Athener und wir andern alle durch Lesung und Meditirung dieses Discurses nicht weiser und besser werden , die Schuld bloß an uns liegen wird . Ich zweifle nicht , daß Plato durch den Ausfall über die dermalige Heilkunst in ein gewaltiges Wespennest gestochen hat . Eure Hippokratischen