flossen die wölbigen Wellen . Drunten klagen Osterglocken , wo eine bunte Welt versunken ruht . Doch nur der vernimmt die Glocken , wer auf Erden heimwehkrank . Blast , Winde , blast und , Fluthen rollt ! Die Meerfei drunten im krystallenen Schloß lispelt verführend : Wie so süß ist der Tod ! Wolkenrappen spannten sich an den Wagen des Sturms , der langsam heraufzog . Dies allgewaltige Meer alleine böte Raum , um die Unermeßlichkeit einer unirdischen Sehnsucht zu betten . Grenzenlos wie eines Genius Gedanken schäumen die heiligen Wogen . Was tobst du , Sturm , was brüllt ihr hinauf zu den Sternen o Wogen ? Was seid ihr gegen den Sturm in eines Menschen Brust ! Ihr kommt und geht , eine verschlingt die andere , in ewigem Auferstehen ringt ihr zu nie gefundenem Ziel . Warum , wozu ? Warum immer neue Zeiten und neue Wesen , lärmend und brandend , bis daß sie in Schaum zergehen ? Der wechselnde Strom des Lebens braust hinab in die ewige Leere und wir versinken mit unsrer Zeit in dem einen , dem ewigen Grab . VI. Der Rheindampfer ( einer der letzten der Saison ) fuhr rheinaufwärts . Die Wandeldekoration der Burgen und Kirchen glitt vorüber . Schon wurde Lorch passirt . Krastinik mußte bald einsam am Stern promeniren , da er die naiven Sonntagsreisenden des Dampfers nicht vertragen konnte . Einen Vielgereisten peinigt manchmal das Geschwätz von Neulingen , wie prahlende Unwissenheit . Fahren Berliner nach Heringsdorf oder Misdroy übers Haff , so glauben sie eine ansehnliche Seereise zu machen und vergleichen dabei die Ostseedampfer mit den Dampfern auf dem Vierwaldstätter See , um durch diesen unmöglichen Vergleich ihre Vielgereistheit darzuthun . Aehnlicher Austausch ungeheurer Erfahrungen schwirrte auch hier hin und her , so daß der finstre Weltbummler es wie eine Beleidigung empfand , die glückliche Unschuld der harmlosen Reisenden neben seinen ( doch auch noch recht jungfräulichen ) Reisekenntnissen dulden zu müssen . Denn es bleibt doch immer wahr : Wer am meisten erlebte , schweigt . Die Sonne ging zur Rüste . Alle Ferngläser richteten sich nach der Seite des Niederwalds , wo die Bildsäule der Germania den Rheingau bewacht . Eine kleine Musikbande , die an Bord gekommen war , spielte die Wacht am Rhein . Patriotische Gespräche wurden laut , man erwog den nahenden europäischen Krieg und seine Chancen . Jemand zog eine Zeitung vom gestrigen Tage aus der Brusttasche , woselbst unser großer nationaler Sänger , Regierungsrath Adalbert von Alvers , seinen Gefühlen in einigen kurzen Strophen » Rheinfahrt « Luft gemacht : Die ehernen Waffen blitzen In scheidender Sonnenglut Und über der Berge Spitzen Rieselt es hin wie Blut . Die Burgen starren wie Drachen Wildzackig in die Flut , Als wollten sie bewachen Niflung ' s versunkenes Gut . Hei , Gold der Nibelungen , Dich hob der Enkel Stahl . Der Tiefe ward entrungen Der alten Krone Strahl . Doch Hunnenstürme brausen Von Ost und West zumal . Noch muß der Balmung sausen Durch Feinde ohne Zahl . Während er schweigsam , die Hände auf dem Rücken , unter den Reisenden stand und ihre Gefühle theilte , ergriff den Grafen plötzlich die Einsicht , daß er ja gar nicht unter sie gehöre ! Er hatte sich im letzten Jahre so gänzlich prussificirt , in Deutschthum eingelebt , daß ihm seine Nicht-Zugehörigkeit gar nicht mehr in Erinnerung lag . Jetzt aber mußte er ja seine Entfremdung fühlen , jetzt wo er auf der Heimreise zum fernsten Ende des » Globus von Ungarn « eilte . Also auch dies Idol wurde ihm entrissen ; sein Adoptiv-Vaterland , in das er sich eingelebt , wie in sein eigenes , wandte ihm langsam den Rücken . Glückliche große Nation ! Durch nichts vom Glück begünstigt , nur durch eigene Kraft zur Größe gelangt ! Und als Symbol an ihrer Spitze den auferstandenen Barbarossa , den kaiserlichen Greis , der alle Geschicke Deutschlands von 1806-70 in sich durchkämpft . Und je älter er wurde und je schwerer seine Bürde , um so milder und gütiger wurde sein väterliches Gemüth . Wohl war er davon durchdrungen , daß er seine Krone direkt von Gottes Gnaden trage , mehr , als einem Sohne der Aufklärungszeit gestattet sein mochte . Aber dies Bewußtsein , daß er ein Gotterkorener , unterschied sich wenig von dem Bewußtsein jedes Heroen , daß ihm eine würdevolle Mission beschieden sei . Denn nicht zu vererben noch gähnend abgelehnten Rechten schien ihm die Krone , sondern neu zu erwerben und zu verdienen durch treue Pflichterfüllung des Thronberufes . Demüthig fühlte er sich nur als ein Gefäß der göttlichen Gnade und jeder persönliche Größenwahn lag hinter ihm in wesenlosem Scheine . Würdig und züchtig , ein Kriegsmann des Allerhöchsten , in makelloser Vornehmheit stand er auf seines Thrones Stufen , die Hand wohlwollend ausgestreckt zum Schirm des Schwachen . Das kleine durchdringende Auge unter der hochgewölbten breitknochigen Stirn und die langgedehnte Nase erinnerten an das größte und weiseste der Thiere , welches die indischen Arier als Gottkönig des Thierreichs verehrten : den Elephanten . Dem Grafen traten wahrhaftig Thränen in die Augen , als er zu dieser stillen Majestät echten Manneswerthes , der sich aus den Schlacken und Beschränktheiten seiner Jugend zu immer höherer Reinheit und Größe der Gesinnung emporrang , mit kindlicher Ehrfurcht aufsah . Welch ein Beispiel für fieberhaft tobenden Größenwahn ! Hier war einmal ein Mensch , selbstgewiß und selbstbewußt , aber nie in Selbstvergötterung verstrickt , unentwegt voll gläubiger Demuth , voll frommer dankbarer Verehrung der unbekannten Mächte , die ihn und die Seinen so weise geführt . Es dunkelte . Wie fackeltragende Gnomen tanzten Lichter an beiden Ufern umher . Krastinik saß allein , neben sich als einzige Genossin eine Flasche Aßmannshäuser . So heftig er jeden Rückfall in Dichterei verschworen , unwiderstehlich quoll ihm von bebenden Lippen das Lied : Ich bin so allein , so ganz allein Auf der weiten Welt . Gleichgültig rauscht vorüber der