schönsten Ausdruck gab und das Haupt nachdenklich sich leicht seitwärts neigte . Auch nachdem ich aufgeblickt , veränderte sie Haltung und Ausdruck nicht sofort , und erst als ihre Augen auch einen feuchtern Glanz bekamen , nahm sie sich zusammen . Das Bild dieses Augenblickes ist mir auch geblieben gleich dem stillen Glanz eines Sternes , den man einmal in ungewöhnlich klarer Luft leuchten sah und niemals vergißt . Ich rang nach Worten , um das Schweigen zu unterbrechen , und Dortchen , mit dem gleichen Bestreben schneller fertig , öffnete eben den Mund , als die Wirtschafterin des Pfarrhauses wieder eintrat und nicht mehr wegging , da sie sich berufen fühlen mochte , die junge Herrschaftsdame zu unterhalten . Es dauerte nicht lang , so kehrte auch der Kaplan von seinem Geschäft zurück , das er rascher erledigt , als er gehofft hatte , und da sich nun ein haushälterisches Gespräch abzuspinnen begann , benutzte ich die Gelegenheit , grüßte und entfernte mich , um mein volles Herz hinauszuflüchten . Dortchen sah mir nach und rief mir zu , ich möge doch nicht zu spät im Schlosse erscheinen . Nach einigem Herumstreifen gelangte ich an die Stelle , wo ich bei meiner Ankunft aus dem Walde herausgetreten war und die abendliche Regenlandschaft mit dem Gute und der alten Kirche erblickt hatte . Ich ging auf die Kirche zu und in dieselbe hinein , und da ein altes Mütterchen darin kniete und ihr Gebet murmelte , schlich ich hinter ihr weg in eine Art Krypta , welche den ältesten Teil des Gebäudes und einen halbdunklen Raum bildete , dessen romanische Fenster zur Hälfte vermauert waren . In diesem Raum waren im Laufe der Zeit eine Menge Gegenstände untergebracht worden , die ihn verengten . Vorzüglich tat dies ein Grabmal von schwarzem Kalkstein , auf welchem ein langer Ritter ausgestreckt lag , die Hände auf der Brust gefaltet . An seiner Seite , auf dem Rande des Sarkophages , stand eine fest verschlossene und verlötete Büchse von Bronze in Form einer kleinen Urne , zierlich gegossen und ziseliert und mit einer schlanken Kette vom nämlichen Metall an dem Brustharnisch des steinernen Ritters befestigt . Nach der Überlieferung enthielt die Büchse das einbalsamierte und vertrocknete Herz des Beigesetzten , und das Gefäß wie die Kette war gänzlich oxydiert und schillerte grünlich im Zwielicht der Krypta . Das Grabmal aber gehörte einem burgundischen Ritter an , der gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts , von wilder und unsteter , aber ehrlicher Natur , von allerhand Unstern und Frauenmißhandlung verfolgt , durch die Länder geirrt war und bei den Vorfahren des Grafen hier seine letzte Zuflucht gefunden hatte , wo das Herz dann endlich an einem letzten Verrate gebrochen sein sollte . Das Grabmal hatte er sich selbst gestiftet und den einsamen Platz dazu ausgebeten ; die Gruft des gräflichen Geschlechtes war schon damals in die größere Kirche verlegt worden . An das Herz in der Büchse knüpften sich verschiedene Sagen , die vom Volke erzählt wurden , wie zum Beispiele der » verliebt Burgauner « verordnet habe , sein Herz solle so lang auf seinem Grab angebunden bleiben , bis lebendig oder tot eine gewisse Dame komme und es in das Vaterland heimhole , und geschehe es nicht , so sollte sie sowenig die ewige Ruhe finden , als er sie zu finden hoffe ; ein jedes andere Weibsstück aber , so die Büchse mit dem Herzen in die Hand zu nehmen sich erdreiste , soll gehalten sein , dieselbe dreimal zu küssen und drei Vaterunser zu beten , sonst werde der verliebt Burgauner ihr die Hand lahm machen oder ein Knie brechen und dergleichen . Solche Überlieferungen mochten auch bewirkt haben , daß die Kapsel samt der Kette sich so lange Zeit an Ort und Stelle erhalten hatte . Dem romantischen Denkmale gegenüber saß ich in einem dunklen Winkel zwischen ausgedienten Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften und überließ mich den Gedanken über die bevorstehende Trennung , die um so trauriger waren , als ich in dieser letzten Stunde mir sagen mußte , bei aller Abenteuerlichkeit des Erlebten werde das Glück schwerlich so weit gehen , mir auch noch mit einer Eroberung so glänzender Art aufzuwarten , wie sie mir im Sinne lag . Zu dieser planen Einsicht drängte mich die Not des entscheidenden Augenblickes , und hiezu gesellte sich die Beschämung Über die kindische Art , in die ich verfallen , sofort nach dem Glänzenden zu greifen . Mit solchen Gefühlen ringend , suchte sich dann die versöhnte Neigung , die , nichts für sich hoffend , nur dem Geliebten zugetan sein will , emporzuarbeiten , soweit sie nicht auch wieder eine verkleidete Begehrlichkeit war ; kurz , ich brachte dergestalt die Zeit in der Dämmerung der Krypta zu , bis ich von der äußeren Kirche her ein Getrippel leichter Schritte und zugleich weibliche Stimmen vernahm . Aufhorchend erkannte ich sie als Dorotheas und Röschens Stimmen . Die Mädchen schienen diesmal nicht zu lachen , sondern angelegentlich etwas zu beraten . Doch bald dauerte ihnen der Ernst zu lang ; denn sie kamen über die paar Stufen herunter in die Krypta gehuscht , und Dorothea rief : » Komm , Röschen , wir wollen wieder einmal den verliebten Ritter besehen ! « Sie stellten sich vor das Grabmal und schauten dem steinernen Manne neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht . » O Gott ! ich fürchte mich « , flüsterte Röschen und wollte entfliehen . Dortchen aber hielt jene fest und sagte laut : » Warum denn , Närrchen ? Der tut niemand was zuleid ! Sieh , wie es ein guter Kerl ist ! « Sie nahm das erzene Gefäß in die Hand und wog es bedächtig in derselben ; aber plötzlich schüttelte sie es , so stark sie konnte , auf und nieder , daß das eingetrocknete Etwas , das seit vierhundert Jahren darin verschlossen lag , deutlich zu hören war und die Kette dazu klang . Dortchen atmete heftig ; da ein