Sie mir , was dünkt Ihnen vom menschlichen Leben ? Denn ich habe Lust mit Ihnen etwas zu philosophieren . « » Das tut mir sehr leid , gnädige Frau « , versetzte der Diakonus . » Es beweiset , wie ermüdend Ihnen der Aufenthalt in meinem Hause sein muß . Wenn so schöne Lippen sich zur Philosophie bequemen , so müssen wirklich alle Ressourcen der Unterhaltung versiegt sein . « Clelia lachte und sagte : » Zu galant für einen Kanzelredner und für einen Lehrer der Moral viel zu bösartig . « - In ihrer raschen Weise faßte sie die Hand des Geistlichen und rief : » Wie wir Ihnen alle dankbar sein müssen für das Übermaß von Gastfreundlichkeit , womit Sie uns aus der abscheulichen Kneipe erlösten und bei sich in Ihrem beschränkten Häuslein aufnahmen , mich samt Jungfer und Gemahl ( sie bediente sich dieser Reihenfolge ganz naiv ) , und jenem meinem Geschäftsanbeter dort in der Laube , das fühlen Sie wohl ohne Versicherung von meiner Seite , und Sie müssen mir , wenn wir scheiden , unter Ihrem Amtseide versichern , uns künftiges Jahr in Wien Revanche zu geben . Daß man aber , wenn man gern mit seinem jungen Manne ins Weite möchte , ungern zu lange bei einem kranken Vetter bleibt , der sein Tage nicht vernünftig werden wird - « » Er leidet noch sehr « , sagte der Diakonus ernst . » Bin ich denn gefühllos für sein Leiden ? « warf Clelia kurz ein . » Hätte ich noch Vergnügen in Holland und England , wenn ich sein krankes Bild mit mir nähme ? Bin ich ihm nicht herzlich gut ? Sehne ich mich nicht , ihm zwanzig Küsse auf die dummen Lippen zu geben , zwischen denen sein Blut hervorstürzte ? Aber ist deshalb ein solcher Wachtposten bei einem Siechenbette , zu dem einen der Arzt nicht einmal hinzuläßt , etwas Angenehmes ? - Und sein Sie nur ganz aufrichtig , lieber Herr Pastor , Ihre kleine Frau sähe auch nicht ungern einen gewissen Reisewagen anspannen . « » Wie können Sie nur so etwas denken , meine Gnädige ! « rief der Diakonus etwas verlegen , denn er erinnerte sich an den Text einiger Gardinenpredigten . Schelmisch fuhr Clelia fort : » Ich müßte mich auf hochrote Wangen und auf einen gewissen Glanz in den Augen der Hausfrauen nicht verstehen ! Es ist auch gar keine Kleinigkeit , fünf Menschen mehr im Hause zu haben , die man eigentlich nicht kennt , und die einem allen Platz wegnehmen . Der Herr Gemahl laden in liebenswürdiger männlicher Unbekümmertheit ein und die arme Frau hat nachher die Sorge . Aber lassen Sie das nur gut sein . Trotz der roten Wangen und der glänzenden Augen bleibt sie eine liebe , charmante Frau und soll in Wien willkommen sei . Dort ist Raum im Hause und der Haushofmeister sorgt für alles . « Der Diakonus , der sein Zartgefühl durch dieses Gespräch unangenehm berührt fand , sagte , um es zu unterbrechen : » Sie wollten mit mir über das menschliche Leben philosophieren , gnädige Frau . « » Eigentlich wollte ich Sie nur fragen , ob das menschliche Leben nicht ein Ding ohne Sinn und Verstand sei ? « sagte Clelia . » Ein junger Mann läuft aus Schwaben weg , um mich an einem Menschen zu rächen , der seine Persiflage über mich getrieben ; er rächt mich aber nicht , sondern schießt ein junges Mädchen und verliebt sich in sie . Dann quälen die beiden Leutchen ( wie wir nun nach und nach herausgebracht haben , Ihre Frau und ich ) einander bis auf den Tod um nichts , und das Ende dieser höchst lächerlichen Geschichte ist ein furchtbarer Blutsturz , der leicht einen Toten in die Komödie hätte liefern können . - Wo ist da vernünftiger Zusammenhang ? « » Sie lassen etwas aus in der Geschichte « , sagte der Diakonus . » Nun ja . Ich schrieb , als ich überall hören mußte , ich sei bescholten , an meinen Bräutigam nach Wien und erklärte ihm höchst edel , eine Bescholtene dürfe nicht seine Gemahlin werden ; er sei frei und des gegebenen Wortes ledig . Dieser affektvolle Brief wirkte denn dermaßen auf ihn , daß er sich in kürzester Frist zum Herrn aller Schwierigkeiten machte , die unserer Verbindung entgegengestanden hatten und , so rasch die Pferde Tag und Nacht laufen wollten , nach Stuttgart eilte . « » Und aus solchen offenbaren Zeichen erkennen Sie den Gott nicht , der in Ihrem und Ihres Vetters Schicksale waltete ? « fragte der Diakonus mit komischem Ernst . » Welcher Gott ? « » Der Zufall ! « rief der Diakonus feierlich . » Das ist ein schöner Gott « , versetzte Clelia und lachte . » Gnädige Frau « , sagte der Diakonus , » glauben Sie mir sicherlich , die Welt wird erst wieder anfangen zu leben , wenn die Menschen sich erst wieder vom Zufall hin und her stoßen lassen , wenn man z.B. ausgeht , um Rache zu nehmen , und sich nicht darüber verwundert , findet man statt der Rache eine Braut , wenn man ( Sie verzeihen meine Freimütigkeit ) in einer zufälligen allerliebsten Aufwallung entsagende Briefe nach Wien schreibt , und ebenso zufällig von der Entsagung zum Häubchen abfällt . Unsere Zeit ist so mit Planen , Tendenzen , Bewußtheiten überdeckt , daß das Leben gleichsam wie in einem zugesetzten Meiler nur verkohlt und nie an der freien Luft zur lustigen Flamme aufschlagen kann . Die Lebensweisheit der wenigen Vernünftigen heutzutage besteht folglich darin , sich von der Stund und von dem Ungefähr führen zu lassen , nach Launen und Anstößen des Augenblicks zu handeln . « » Bravo ! « rief Clelia . » Sie sind ein wahrer Priester für uns Weltkinder . Und das sagt er alles so ernsthaft , als sei es ihm damit bitterer