seiner Art , aufs freundlichste , wenn er gleich nie etwas Gutes von ihm empfing . Ist dir das noch nie als etwas Wundernswürdiges aufgefallen ? Glauk . Ich habe bisher nie besonders darauf Acht gegeben ; die Sache verhält sich indessen wie du sagst . Sokr . Gleichwohl scheint dieser Naturtrieb etwas sehr Feines und ächt Philosophisches an ihm zu seyn . Glauk . Warum das ? Sokr . Weil er einen freundlichen und feindlichen Gegenstand durch nichts anders unterscheidet , als daß er jenen kennt , diesen nicht kennt . Wie sollte er nun nicht lernbegierig seyn , da er das Heimische von dem Fremden bloß durch Erkenntniß und Unwissenheit unterscheidet ? Glauk . Es kann wohl nicht anders seyn . Sokr . Ist aber ein lernbegieriges und ein philosophisches Naturell nicht ebendasselbe ? Glauk . Doch wohl ! Sokr . Warum sollten wir also nicht kecklich auch in dem Menschen setzen , daß er , um gegen Hausgenossen und Bekannte sanft und gutartig zu werden , Philosoph und lernbegierig seyn müsse ? Glauk . So setzen wir ' s denn ! - Und ich , meines Orts , setze , daß diese Manier zu philosophiren eine eben so unphilosophische als langweilige Manier sey , wiewohl nicht zu läugnen ist , daß wir ihr wenigstens ein gutes Drittel dieses dickleibigen Dialogs zu danken haben . Nachdem also Sokrates auf diese sinnreiche Weise herausgebracht und zum Ueberfluß nochmals wiederholt hat , daß ein Beschützer seines idealischen Staats , um seiner Bestimmung aufs vollkommenste zu entsprechen , die verschiedenen Tugenden eines edeln Haushundes in sich vereinigen , und auf alle Fälle so philosophisch und zornmüthig , behend und stark seyn müsse als der stattlichste Molosser16 , - wirft er die Frage auf : was man ihnen , um sie zu möglichst vollkommnen - Staatshunden zu bilden , für eine Erziehung geben müßte ? Eine Untersuchung , welche , wie er meint , nicht wenig zur Auflösung des Problems , wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in einem Staat entstehe , beitragen würde . Adimanth bekräftigt dieses letztere sogleich mit großem Nachdruck , ohne daß man sieht warum ; denn daß er , so gut wie der Verfasser des Dialogs selbst , vorausgesehen haben könnte , wie dieser dem Discurs forthelfen werde um zu dem besagten Resultat zu gelangen , ist nicht wohl zu vermuthen . Sokrates gibt zu verstehen , diese Untersuchung dürfte sich ziemlich in die Länge ziehen , meint aber doch , daß dieß kein Grund sey die Sache aufzugeben , zumal da sie gerade nichts Besseres zu thun hätten . Adimanth ist , wie sich ' s versteht , dazu willig und bereit . Wohlan denn ! was für eine Erziehung wollen wir also unsern Staatsbeschützern geben ? Es dürfte schwer seyn eine andere zu finden , als die schon längst erfundene , nämlich die Gymnastik für den Körper , die Musik17 ( in der weitesten Bedeutung dieses Wortes ) für die Seele . - Auf Musik und Gymnastik also schränkt sich auch in der Platonischen Stadt , deren Einrichtung uns beschäftigt , das ganze Erziehungswesen ein ; aber beide sind freilich in dieser ganz etwas anders als in unsern üppigen und von bösen Säften aufgeschwollnen ungesunden Republiken . Die Ausführung dieses Satzes nimmt den ganzen beträchtlichen Rest des zweiten Buchs und ein großes Stück des dritten ein ; und wiewohl der heftige Ausfall gegen unsre epischen und dramatischen Dichter nur eine Episode ist , und nicht in gehörigem Ebenmaße mit dem Ganzen stehen möchte , so ist sie doch ( außer ihrer Zweckmäßigkeit für die Absicht unsers Philosophen ) als ein für sich selbst bestehendes Stück betrachtet , bis auf eine oder zwei die Musik im engern Verstande und die nachahmenden Künste betreffende Stellen , so vortrefflich ausgearbeitet , und in jedem Betracht so unterhaltend , lehrreich und zum Denken reizend , daß ich versucht wäre , sie , mit der Rede Adimanths ( wovon sie gewissermaßen die Fortsetzung und vollständigere Ausführung ist ) für das beste des ganzen Werks zu halten , wenn ihr der Discurs über die Gymnastik nicht den Vorzug streitig machte . Wie ich höre ist ihm die Strenge , womit er vornehmlich den Homer und Hesiodus für wahre Verführer und Verderber der Jugend erklärt , und die tiefe Verachtung , womit er von der mimischen Kunst der dramatischen Dichter und Schauspieler spricht , zu Athen sehr übel genommen worden . Ich kann es euch nicht sehr verargen , daß ihr euch für eine eurer vorzüglichsten Lieblings-Ergötzungen und für dramatische Meisterstücke , auf die ihr stolz zu seyn alle Ursache habt , mit Faust und Fersen wehrt . Aber zwei Dinge , lieber Eurybates , wirst du doch bei ruhiger Ueberlegung nicht in Abrede seyn können : erstens , daß Plato in dem ziemlich alten Gebrauch der meisten Griechischen Völkerschaften , ihre Kinder die Gesänge Homers und Hesiods als heilige , von den Musen eingegebene Bücher ansehen zu lehren , und ihnen aus diesen , mit rohen pöbelhaften Begriffen und Gesinnungen , abgeschmackten Mährchen , und zum Theil sehr unsittlichen Reden und Thaten der Götter und Göttersöhne angefüllten alten Volksgesängen , in einem Alter wo das Gemüth für solche Eindrücke weiches Wachs ist , die erste Bildung zu geben - daß , sage ich , Plato in diesem Gebrauch eine der allgemeinsten und wirksamsten , wiewohl bisher unbemerkt gebliebenen , Ursachen der eben so ungeheuren als unheilbaren Sittenverderbniß unsrer Republiken aufgedeckt hat ; zweitens , daß es demungeachtet , bei der Verbannung unsrer sämmtlichen Musenkünstler aus seiner idealischen Republik , seine Meinung nicht war noch seyn konnte , daß die Athener und die übrigen Griechen eben dasselbe thun sollten . Bei uns und an uns ist nichts mehr zu verderben ; wir sind wie Menschen die in einer schlechten Luft zu leben gewohnt sind ; unsre Dichter , Schauspieler , Musiker , Tänzer und Tänzerinnen , Maler und Bildner mögen es treiben wie sie wollen , in Republiken wie Athen , Korinth , Milet