in das Dorf und betrat das Pfarrhaus , um beim Kaplan Zuflucht zu suchen , angeblich aber um meine Abreise anzukündigen . Ich fand ihn essend am Tische sitzen , über den die Nachmittagssonne wegschien . » Ich esse hier mein Vesperbrötchen « , sagte er , » wollen Sie nicht mithalten ? « » Ich danke « , erwiderte ich ; » wenn Sie es erlauben , so will ich Ihnen sonst ein wenig Gesellschaft leisten ! « » Das sind mir junge Leute heutzutage « , sagte der Hochwürdige , » das hat ja gar keinen ordentlichen deutschen Appetit mehr ! Na , die Gedanken sind auch danach , da kann freilich nicht viel anderes herauskommen als nichts und wieder nichts ! « » Seit wann sind Hochwürden so materialistisch ? « » Verwechseln Sie mir nicht das Erschaffene mit dem Unerschaffenen , unseliger Adept , und nehmen Sie Platz ! Ein Schluck Bier wird Ihnen mindestens nicht zu schwer sein ! « So beschäftigte er sich eifrig weiter mit der großen Schüssel , die vor ihm stand . Dieselbe enthielt die Anhängsel und Profilstücke eines frischgeschlachteten Schweines , die Ohren , die Schnauze und den Ringelschwanz , alles soeben gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend . Er pries das aufgetürmte Gericht als unübertrefflich an einfacher Zartheit und Unschuld und trank einen tüchtigen Krug goldenbraunen Bieres dazu . Als ich etwa zehn Minuten dagesessen hatte , klopfte es an der Türe , und Dorothea trat , nur von dem schönen Hunde begleitet , anmutig und höflich herein , schien aber ein klein wenig befangen zu sein . » Ich will die Herren nicht stören « , sagte sie , » und wollte nur den Herrn Kaplan bitten , heute abend bei uns zu sein , da Herr Lee morgen fortreist . Sie sind doch nicht abgehalten ? « » Gewiß werde ich kommen ! « erwiderte der Pfarrer , der sich schon wieder gesetzt hatte und seine angenehme Arbeit fortsetzte , » bitte , mein Liebster , holen Sie doch einen Stuhl für das gnädige Freulein ! « Das tat ich mit großem Eifer und stellte einen zweiten Stuhl an den Tisch , mir gerade gegenüber . Dorothea dankte mit freundlichem Lächeln und sah bescheiden vor sich nieder , indem sie Platz nahm . Nun war ich doch glückselig , da ich in der wohnlichen und sonnigen Priesterstube ihr gegenübersaß und sie sich so gutmütig und still verhielt . Der Kaplan sprach essend und immer allein , und wir brauchten ihm nur zuzuhören , indes der Hund mit feurigen Augen und offenem Manne auf Schüssel , Hände und Mund des Hochwürdigen starrte . » Ach , der arme Hund , wie es ihn gelüstet ! « sagte Dortchen , » essen Sie dies auch , Herr Kaplan , oder erlauben Sie , daß ich es ihm gebe ? « Sie zeigte hiebei auf das krumme Schwänzchen , das sich manierlich auf dem Rande der Schüssel darstellte . » Dies Sauschwänzchen ? « sagte der Kaplan , » nein , mein Fräulein , das können Sie ihm nicht geben , daß eß ich selber ! Warten Sie , hier ist etwas für ihn ! « und er setzte dem lüsternen Tier einen Teller vor , in welchen er allerhand Knöchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte . Dortchen und ich sahen uns unwillkürlich an und mußten lächeln , weil die ungetrübte Freude des Geistlichen an dem bescheidenen Gegenstande uns erheiterte . Auch der Hund , der sich begierig mit seinem Teller unterhielt , vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute Stimmung . Dortchen streichelte ihm den Kopf , als ich eben mit der Hand über seinen glänzenden Rücken fuhr , und als sie achtlos Gefahr lief , mir mit ihrer Hand zu begegnen , zog ich die meinige höflich zurück , wofür sie mich schnell mit einem halben Lächeln anblickte . Am offenen Fenster wehten die Vorhänge , sachte von der Luft bewegt , und vor demselben tanzte ein Schwarm schimmernder Mücklein in der Sonne , die einzelnen kaum erkennbar , mit einer Hast und Leidenschaft durcheinander , als ob sie die Kürze der ihnen verliehenen Frist gekannt hätten , die sich vielleicht nach halben Stunden berechnete . In diesem Augenblick wurde der geistliche Herr von der Haushälterin abgerufen , um an Stelle des abwesenden Pfarrers einem vorbeschiedenen unfriedfertigen Ehepaar Audienz zu erteilen . » Das muß doch immer gezankt haben , es ist ein Graus mit diesen Eheleuten ! « rief der über die Störung ungehaltene Zölibatär ; » räumt den Tisch ab , Therese , ich esse nachher nicht mehr ! « Damit lief er nach dem Studierzimmer des Pfarrers , ohne uns zu verabschieden , und wir waren so veranlaßt , an dem weißgedeckten Tische sitzen zu bleiben ; denn die Wirtschafterin nahm bloß Schüssel und Teller mit und ließ das Tuch liegen . Ich blickte wortlos auf die runde weiße Fläche , die , von der jungen Sonne beleuchtet , zwischen uns glänzte . Das Wort » Eheleute « , das der Geistliche zuletzt ausgesprochen , klang gleichsam noch in der Luft , da niemand sprach ; denn auch Dortchen saß schweigend da , die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt , der mit seinem Schmause auch fertig war . Das verfängliche Wort klang aber nicht mit seinem Zusammenhange nach , sondern erweckte mir die Vorstellung von zwei Leutchen , die glücklich in häuslicher Abgeschlossenheit am Tische sich gegenübersitzen . Es war , als ob das weiße Rund sich mit Bildern des Glückes belebte , und es ergriff mich ein tiefes Leiden um Dortchen , da es mir beim Himmel nicht möglich schien , daß sie anders als an meiner Seite glücklich und zufrieden alt werden könne . Mit einem Seufzer richtete ich die feucht werdenden Augen auf und sah erschrocken , wie Dortchens Augen mit Teilnahme auf mir zu ruhen schienen , während den geschlossenen Lippen ein weicher , nicht unfreundlicher Ernst den