Hause der Aeltern eben jetzt sein Bruder Melchior mit der Familie zu Tische geht ... Er wußte , daß es heute seit einem Jahrhundert dort Klöße , gekochte Birnen und Speck gab ... So nach der Rechtfertigung des Pfarrers mit Darreichung des Handschlags vom Bruder sogleich empfangen zu werden , verlangte er nicht . Dazu war der Berg zwischen ihnen zu hoch gewesen . Aber ein kurzes : » Stephan , du bist ' s ? « ein aufrichtiges , ehrliches , deutsches : » Ja , Melchior , ich bin ' s ! « ein Schweigen von Seiten Melchior ' s und ein Deuten blos auf den Mittagstisch und die Worte : » Willst mithalten ? « ... mehr verlangte Stephan nicht ... mehr bedurft ' es auch nicht zur Aussöhnung . Endlos ist das Volk in Verstandesdingen , in Herzensdingen kurz . Seligmann aber , alle Sorgen , die sich noch an den Fund des Portefeuilles aus der Kutte des Mönches Sebastus knüpften ( eines Portefeuilles , das einem Manne gehörte , an dem sich rächen zu wollen auch ihm sein erstes Gelüst gewesen ) abschüttelnd auf die Weisheit , hochherzige Besonnenheit und Beredsamkeit Veilchen ' s stieg in das Souterrain der Villa , wo neben dem französischen Koch , Herrn Jülien aus Paris , Regine waltete , die der jungen Madame Fuld ihre Aeltern mitgegeben hatten , um dafür zu sorgen , daß sie den Zusammenhang mit den Vorschriften des Talmud nicht zu sehr dem vornehmen Weltleben ihres Gatten opferte . Waren keine Gäste da , so hatte Regine den Oberbefehl und duldete am Kalbsbraten keine Butter , am Rehbraten keinen Rahm , nimmermehr Aale , nimmermehr die Verwechselung der Geschirre je nach dem Inhalt , der drinnen gewesen - und wie die Vorschriften eines Glaubens lauten , der die Grundlage unsers eigenen ist . Seligmann lächelte sanft , die Freude Reginens zu sehen , daß sie einen » Vetter « ihrer Herrschaft oben kennen lernte , wenn auch nur hier unten im Souterrain des Kellers ... Der Rehbraten , sagte allerdings der Koch streng abweisend , sein erst dann zu dividir , wenn er zurückspazir ' de la Table ! ... Aber Seligmann war es nicht um den Rehbraten , sondern nur um die Ehre zu thun . Er wartete den Gang der Ereignisse ab . Das freundliche Plauschen der alten Wienerin weckte ihm allmählich wieder die frohe Musik seiner Seele . 12. Nun von Viertelstunde zu Viertelstunde ein neuer Gast ... Zuerst der Bruder Moritz ... Er war der Aeltere , trat aber gegen seinen repräsentativeren Bruder zurück . Fast vierzig Jahre alt , mochte er sich nicht mehr verheirathen . Er hatte eine pessimistische Auffassung des Lebens , während Bernhard , Geldsachen ausgenommen , mehr zum Optimismus neigte ... Moritz brachte die ihm gestern Abend anonym zugeschickte Caricatur . Glücklicherweise brachte er auch den Humor mit , daß er das Befremden und den entrüsteten Unwillen seines Bruders nicht vermehrte ... Der stille und sanfte Alois Effingh hatte sie beide darstellen lassen , wie sie mit einem Heiligenschein von Dukaten um den Kopf standen , der eine in der Hand mit einem Modell einer neuen Kirche , der andere mit einer Kerze und mit dem Rauchfaß . Darunter stand die Unterschrift : » Alles fürs Geschäft ! « Für die Kirche , sagte Moritz , tröste uns die neue Eisenbahn in Belgien , deren Actien wir in Deutschland emittiren ! Und für die Dukaten um den Kopf tröste uns unsere amsterdamer Berechnung vom letzten Ultimo ! Louis Philipp läßt die Curse fallen , weil die Kammern zusammentreten . Um die Debatten über die Thronrede nicht zu grob werden zu lassen , kitzelt er ein bischen den französischen Nationalstolz durch den Schein , daß es Krieg gibt . Bernhard versicherte sich , daß Moritz wenigstens die Caricatur vor seiner Frau geheim hielt ... Gott , wie zärtlich ! Warum soll sie unsere Lage nicht kennen lernen ? erwiderte Moritz . Dabei mußte er gewähren lassen , daß ihm Bernhard sein an Louis Philipp ' s » ehrliche Leute « und deren Politik erinnerndes rothes Bändchen etwas weiter aus dem Knopfloch zog ... In der Stadt drüben , fuhr Moritz fort ( er that dabei sogar dem Bruder den Gefallen , sich im Spiegel zu besehen ) , müssen wir uns isoliren und unsere Kraft nur in Paris , London und Amsterdam suchen ! Dann der mittlere Bürgerstand und der kleine Mann gewonnen und wir lachen diese altfränkischen Buchhalter aus mit ihren großen dicken liniirten Strazzen , die von Jahr zu Jahr hinten mehr leere Seiten zeigen werden . Beide waren einig darüber , daß der Spott nur von der tonangebenden mercantilen Jugend der wohledeln Stadt , von Piter und dessen Freunden kommen konnte . Sie verließen das Haus und gingen den schattigen Partieen des schönen Gartens zu und sprachen von den Anträgen Wenzel ' s von Terschka ... Es war von einer großen Lotterie die Rede , in der die Standesherrschaft Dorste-Camphausen allenfalls verspielt werden konnte ... Terschka hatte selbst aus seiner Heimat diese dort übliche Form für Geldspeculationen großer , selbst fürstlicher Häuser anempfohlen ... Neue Anmeldungen hinderten die Fortsetzung dieses Gesprächs ... Bernhard ging , eine kürzlich in Belgien bei Negociirung eines großen Eisenbahnanlehens der Städte Lüttich und Namur gemachte Bekanntschaft aus Spaa , den Baron von Binnenthal zu empfangen ... Die Physiognomie des Barons misfiel Moritz . Gerade darin zeigte er seinen Pessimismus , daß er beständig des Bruders Sucht nach vornehmen Bekanntschaften bekämpfte , die allerdings nicht selten mit Geldverdrießlichkeiten endeten ... Ich weiß nicht , mit was für Leuten du dich ziehst ! flüsterte er dem Bruder zu . Aergerlich wies dieser auf den aus der heißen Küche jetzt zurückgekommenen und in den entferntesten Hecken des Gartens fast auf den Zehen spazieren gehenden Seligmann und sagte : Schnorrer willst du ? Da hast du einen ! Sich wendend empfing er dann wieder eine neue Meldung ... Herr von Binnenthal war inzwischen