Schläuche um die Ecke gingen und keiner die Sachlage übersah . Heinrich ging still an dem Städtlein vorüber voll Nachdenken über dies wunderbare Gesicht . Dann rief er mit allem Feuer , dessen sein ausgehungertes und erfrorenes Leibwerk noch habhaft war » Dies ist das Geheimnis ! O wer allezeit auf rechte Weise zu sehen verstände , unbefangen mitten in der Teilnahme , ruhig in edler Leidenschaft , selbstbewußt , doch anspruchlos , kunstlos und doch zweckmäßig ! Ich will nun aber doch gehen und noch irgend etwas Lebendiges lernen , wodurch ich unter den Menschen etwas wirke und nütze ! « Also ging er darauf zu , als ob die nächsten hundert Schritte ihn dahin bringen könnten , und die einfache Sehnsucht nach der Heimat verwandelte sich nun in schönste Hoffnung und gewichtige Entschlüsse , also daß Heinrich , da er ganz im Unstern war und verlassen als ein Bettler im Unwetter dahintrieb , sich selbst erhöhte und wenigstens vor sich selbst gute Figur machte . Neuntes Kapitel Jedoch hielten diese moralischen Lebensgeister den Wanderer kaum noch ein Stündchen aufrecht , worauf , als es Abend wurde , seine Kräfte endlich nachzulassen begannen und er merkte , daß er in keinem Falle die Nacht hindurch gehen könne . Die leibliche Not , Schwäche , Hunger und Kälte , machten sich jetzt so vermehrt und unmittelbar geltend , daß Heinrich gänzlich jener Niedergeschlagenheit und Ratlosigkeit anheimfiel , welche durch den Ärger noch erbittert wird , daß ja keine Rede davon sein könne , etwa umzukommen oder unterzugehen , und also das schlechte Abenteuer nur eine entbehrliche Vexation sei . Doch raffte er sich noch einmal zusammen und behauptete dem guten Mute mit verzweifelter Kraftanstrengung die Oberhand . Er war jetzt aus einer Waldstraße getreten und sah ein breites Tal vor sich , welches ein großes Gut zu enthalten schien ; denn schöne Parkbäume , die eine herrschaftliche Dächergruppe umgaben , wechselten mit den Waldungen ab , und zwischen weiten Wiesengründen und Feldern lag eine weitläufige Dorfschaft zerstreut . Zunächst vor ihm sah er ein katholisches Kirchlein stehen , dessen Türen offen waren . Er trat hinein , wo es schon ganz dämmerig war und das Ewige Licht wie ein Stern vor dem Altar schwebte . Die Kirche schien uralt zu sein , die Fenster waren zum Teil gemalt und die Wände sowie der Boden mit adeligen Grabsteinen bedeckt . » Hier will ich die Nacht zubringen « , sagte Heinrich zu sich selbst , » und unter dem Schutze der allerchristlichsten Kirche austrocknen und ausruhen . « Er setzte sich in einen dunklen Beichtstuhl , in welchem ein stattliches Kissen lag , und wollte eben das grüne seidene Vorhängelchen vorziehen , um augenblicklich einzuschlafen , als eine derbe Hand das Vorhängelchen anhielt und der Küster , der ihm nachgegangen , vor ihm stand und sagte » Wollt Ihr etwa hier übernachten , guter Freund ? Hier könnt Ihr nicht bleiben ! « » Warum nicht ? « sagte Heinrich . » Weil ich sogleich die Kirche zuschließen werde ! Gehet sogleich hinaus ! « erwiderte der Küster . » Ich kann nicht gehen « , sagte Heinrich , » laßt mich hier sitzen , die Mutter Gottes wird es Euch nicht übelnehmen ! « » Geht jetzt sogleich hinaus ! Ihr könnt durchaus nicht hierbleiben ! « rief der Küster , und Heinrich schlich trübselig aus der Kirche , während der Küster rasselnd die Türen zuschlug und um die Kirche herumging . Heinrich stand jetzt auf einem Kirchhof , welcher durchaus einem schönen und wohlgepflegten Garten glich , indem jedes Grab ein Blumenbeet vorstellte , die Gräber zwanglos und malerisch gruppiert waren , hier ein einzelnes großes Grab , dort ein solches nebst einem Kindergräbchen , dann eine ganze Kolonie kleiner Kindergräber , dann wieder eine größere oder kleinere Familie großer Gräber und so fort , welche alle in verschiedenem Charakter bepflanzt und mit Blumen besetzt waren . Die Wege waren sorgfältig mit Kies bedeckt und gerechet und verloren sich ohne Scheidemauer unter die dunklen Bäume eines Lustwaldes , große Ahornbäume , Ulmen und Eichen . Es hatte etwas zu regnen nachgelassen , doch tröpfelte es noch ziemlich , indessen gegen Abend ein schmaler feuriger Streifen Abendrot auf den Hügeln lag und einen schwachen Schein auf die Leichensteine warf . Heinrich sank auf eine zierliche Gartenbank unter den Gräbern ; denn er vermochte kaum mehr zu stehen . Nun kam ein schlankes weibliches Wesen unter den Bäumen hervor mit raschen leichten Schritten , welches eine schwarzseidene Mantille trug , reiche dunkle Locken lustig im Winde schüttelte und mit der einen Hand die Mantille über der Brust festhielt , indes die andere Hand einen leichten Regenschirm trug , der aber nicht aufgespannt war . Diese sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut zwischen den Gräbern herum und schien dieselben aufmerksam zu besichtigen , ob die Gewächse von Sturm und Regen nicht gelitten hätten . Hie und da kauerte sie nieder , warf ihr Schirmchen auf den Kiesweg und band eine flatternde Rose frisch auf oder schnitt sich mit einem Scherchen eine Blume ab , worauf sie wieder weitereilte . Heinrich sah , erschöpft wie er war , diese schöne Erscheinung wie einen Traum vor sich hinschweben und dachte nicht viel dabei , obschon sie ihm einen angenehmen Eindruck machte , als der Küster wieder hinter der Kirche hervorkam und Heinrich abermals anredete . » Hier könnt Ihr auch nicht bleiben , guter Freund ! « sagte er , » dieser Gottesacker gehört gewissermaßen zu den herrschaftlichen Gärten , und kein Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben . « Heinrich antwortete gar nicht , sondern sah teilnahmlos vor sich hin . » Nun , hört Ihr nicht ? Auf ! Steht in Gottes Namen auf , guter Freund ! « rief der Küster etwas lauter und rüttelte den Müden an der Schulter , wie man etwa einen Betrunkenen aufmuntert . In diesem Augenblicke kam jenes Frauenzimmer zur Stelle und hielt ihren zierlichen