bringen sollte — das große Erlebnis , nach dem ihr ganzes Wesen gespannt war . Vielleicht erlaubten ihr die Eltern die Reise nicht — vielleicht mußte sie heimlich gehen und durfte dann niemals wiederkommen . . . Sie besann sich , ob irgend etwas in dem Kreise ihrer jetzigen Freuden sie mit starker Gewalt hätte zurückhalten können ? Nein — da gab es nichts . Alles erschien ihr fade und klein , von allem kehrte sie sich mißtrauisch oder gleichgültig und verdrossen ab . Nun wurde sie plötzlich vor eine schwere Wahl gestellt . England zu erreichen , ohne die Einwilligung der Eltern , war ja höchst unwahrscheinlich — wie eine ganz tolle Idee kam der Plan ihr jetzt vor . Frau von Woszenska schrieb reizende Briefe — zu drollig . . . . Und ihr Mann war ein richtiger Pole — große Künstler verkehrten in seinem Hause . . . . Agathe antwortete , sie wolle reisen — natürlich wollte sie ! . . . . Ach Gott — nun mußte sie die Goldstücke in ihr Portemonnaie stecken . Wie sie damit ihre Liebe profanierte . Sie war feige — sie war kein großer Mensch , der sich und seinen Entschlüssen treu bleibt . Aber was half ' s ! Nun wollte sie auch einmal wieder von Herzen vergnügt sein . Frau von Woszenska erwartete Agathe auf dem Bahnhof und schleppte sie gleich zu ihrem Manne ins Atelier . Ein starker Duft von Terpentin und egyptischen Cigaretten drang ihnen entgegen . Der polnische Maler schob die Brille auf seine magere Adlernase herunter und blickte Agathe mit blauen traurigen Beobachteraugen an , während seine dürre lange Hand sie herzlich begrüßte . Er hatte in einem geschnitzten Lehnstuhl gesessen , den Kopf an ein altes Lederkissen gelehnt — seine begonnene Arbeit prüfend . Auf einer Staffelei vor ihm stand eine große Leinwand . Frau von Woszenska , die , aus Leipzig gebürtig , ein lebhaftes Sächsisch redete , stellte sich neben ihren Mann , legte ihm die Hände auf die Schulter , blickte das Bild mit scharfer Aufmerksamkeit an und rief dann fröhlich : “ So wird ' s , Kas ! Here mal , mei Kutster — so wird ' s ! ” Herr von Wozenski wendete sich höflich zu Agathe und sagte : “ Ich wollte es die Extase der Novize nennen . ” Agathe suchte sich in das unvollendete Gemälde hineinzufinden . Vor einem mit phantastischer Vergoldung prunkenden Altar , auf dem Kerzen im Weihrauchnebel flimmern und blutroter Sammet über weiße Marmorstufen flutet , ist eine junge Nonne in die Kniee gesunken — ihr dunkler Schleier , die schweren Gewänder flatternd in geisterhaftem Sturmwind , der mit einem Strom von Glanz durchs hohe Kirchenfenster bricht — unzählige geflügelte Köpfchen , amorettengleiche Engels-Gestalten vom Himmel herabwirbelnd . Und die junge Nonne hat in den erhobenen Armen das Jesuskindlein empfangen . Ihre Gestalt , die selige Innigkeit ihrer Geberde waren erst in Kohlenstrichen angedeutet — ihr Antlitz ein leerer grauer Flecken . Aber Agathe seufzte tief in andächtiger Verwunderung , als sie die Meinung verstand . Frau von Woszenska nahm sie bald mit sich , indem sie ihrem Manne zurief : “ Höre , Du — heut giebts nur Eierkuchen und ein Stück Schinken — ich brauche die Köchin . ” Er lächelte einverstanden . Frau von Woszenska hatte ihr Atelier in der Wohnung , um neben der Kunst den Haushalt überwachen zu können . Sie malte lustige Schulmädchen und blonde Kinder , die einen schwarzen Pudel abrichten . Damit verdiente sie das tägliche Brot und für ihren Gatten die Muße , die er zu seinen großen , unverkäuflichen Werken brauchte . Nachdem die robuste Dienstmagd Agathes Koffer heraufgetragen und noch einmal Kohlen in den Ofen geschaufelt hatte , legte sie ihr Kleid ab und schälte aus dem berußten Baumwollenstoff ein Paar prachtvolle Schultern und Arme . Sie setzte sich auf ein erhöhtes Podium , Frau von Woszenska zeichnete ernst und eifrig . Agathe stickte eine Decke für Mama und wunderte sich dabei über die Situation im Allgemeinen und im Besonderen über die seltsamen Grimassen , die Frau von Woszenska bei der Arbeit ein unbewußtes Bedürfnis zu sein schienen . Sie nannte Agathe sofort mit dem Vornamen und “ Du ” . Auf diese Weise gab sie ihr gleich ein Heimatsgefühl . Der kleine Sohn Michel kam aus der Schule . Er sah blaß und müde aus . Frau von Woszenska schimpfte auf die verrückten Schuleinrichtungen . Sie schnarrte das doppelte “ R ” so eindrucksvoll , daß der Laut förmlich eine pathetische Bedeutung von Zorn und Leidenschaft erhielt . Die Köchin hatte ihre Götter-Schultern schon vorher wieder in blauen Gingan gehüllt und brachte dem Kleinen die Suppe . Michael reckte seine dünnen Glieder auf dem Stuhl vor dem Teller und ließ die Winkel seines eingeknifften Mündchens hängen . Er hatte keinen Appetit . “ Das Kind ißt wieder nicht . . . . . . Einem sein Kind in solchem Zustand nach Haus zu schicken ! ” murmelte Frau von Woszenska . Sie versprach Michel , wenn er essen wolle , zur Belohnung “ die traurige Ziegenfratze ” oder “ die lustige Mohrenfratze ” . Die Orang-Utangfratze , erzählte sie Agathe , dürfe sie nur machen , wenn es Kas nicht sehe — die wäre ihm zu unästhetisch . “ Mutter — jetzt hab ' ich ' ne närrische , ” sagte Michel , “ — — weißt Du , wie unser Klassenlehrer macht , wenn er Fliegen aus den Tintenfässern fischt ? ” Der Junge nahm ein Stückchen Brot , holte Reisbröckchen aus seiner Bouillon , schleuderte sie fort und murmelte ingrimmig : “ So ' ne Schweinerei — nee , so ' ne Schweinerei ! ” Er brachte den Eifer und den Ekel eines vertrockneten Gymnasiallehrer-Gesichtes in erstaunlicher Weise zur Darstellung . Seine Mutter und Agathe lachten laut auf . Frau von Woszenska schüttelte sich vor Vergnügen , in ihren Augen funkelte eine wilde Rachebefriedigung . “