abends auf eine Stunde , um dem Gutsherrn Gesellschaft zu leisten ; sein Zögling nahm ihn wenig genug in Anspruch . Waldemar war stets froh , wenn er die Unterrichtsstunden hinter sich hatte , und sein Lehrer war es noch mehr . Die ganze übrige Zeit stand diesem zur freien Verfügung ; er konnte sich ungestört seinem Steckenpferde , den germanischen Studien , hingeben . Diesen geliebten Studien verdankte Herr Witold es allein , daß der jetzige Erzieher seines Pflegesohnes nicht dem Beispiele der sechs Vorgänger folgte und gleichfalls davonlief , denn er sagte sich ganz richtig , daß in einer andern Stellung , wo eine stete Beaufsichtigung der Zöglinge verlangt werde , es mit dem Studieren vorbei sei . Freilich gehörte ein so geduldiger Charakter , wie der des Doktors dazu , unter solchen Verhältnissen auszuhalten ; er ertrug es auch heute schweigend , daß Waldemar wirklich vorausritt und ihn erst am Eingange von C. erwartete , wo sie gegen Mittag anlangten . Sie fanden bei ihrer Ankunft nur Gräfin Wanda im Salon , und Doktor Fabian machte die erste Vorstellung zwar in großer Befangenheit , aber doch in leidlicher Haltung durch . Leider reizte seine sichtbare und ein wenig komische Aengstlichkeit die junge Gräfin sogleich , ihren Mutwillen an ihm zu üben . » Also Sie , Herr Doktor , sind der Erzieher meines Vetters Waldemar , « begann sie . » Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus und beklage Sie von ganzem Herzen . « Fabian sah erschrocken in die Höhe und dann nicht minder erschrocken auf seinen Zögling , aber dieser schien die Aeußerung gar nicht gehört zu haben , denn seine Miene verriet nicht die geringste Entrüstung . » Wie meinen Sie , gnädige Gräfin ? « stammelte der Doktor . » Nun , ich meine , daß es ein sehr schwieriges Amt ist , Herrn Waldemar Nordeck zu erziehen , « fuhr Wanda unbekümmert fort und ergötzte sich unendlich an der grenzenlosen Verlegenheit , die ihre Worte hervorriefen . Doktor Fabian blickte in einer wahren Todesangst zu Waldemar hinüber ; er wußte , wie empfindlich dieser war , auch gegen bloße Neckereien . Oft genug hatten weit harmlosere Aeußerungen des Herrn Witold einen wahren Sturm hervorgerufen , aber merkwürdigerweise zeigte sich heute nicht das kleinste Anzeichen davon . Der junge Mann stützte sich ruhig auf den Sessel der Gräfin Morynska , ja , es schwebte sogar ein Lächeln um seine Lippen , als er , zu ihr herabgebeugt , fragte : » Glauben Sie , daß ich so schlimm bin ? « » Jawohl , das glaube ich , « erklärte Wanda . » Hatte ich doch erst vorgestern bei dem Streite um das Steuer das Vergnügen , Sie in vollem Zorne zu sehen . « » Aber doch nicht gegen Sie , « sagte Waldemar vorwurfsvoll . Der Doktor ließ den Hut sinken , den er bisher mit beiden Händen festgehalten hatte . Was war das für ein Ton , der so weich und mild von den Lippen seines wilden Zöglings kam , und was sollte der Blick bedeuten , der ihn begleitete ? Das Gespräch ging in dieser Art weiter . Wanda neckte den jungen Mann mit ihrem gewöhnlichen Uebermute , und Waldemar ließ sich das Spiel mit einer unendlichen Geduld gefallen . Hier schien ihn nichts reizen , nichts verletzen zu können ; für alles hatte er nur ein Lächeln ; er war überhaupt wie ausgetauscht , seit er sich in der Nähe der jungen Gräfin befand . » Herr Doktor Fabian hört uns ganz andächtig zu , « spottete diese . » Sie freuen sich wohl über unsre muntere Laune ? « Der arme Doktor ! Er dachte nicht daran , sich zu freuen . Mit ihm ging alles im Kreise herum . So wenig Erfahrung er auch in Liebesangelegenheiten hatte , hier dämmerte die Wahrheit ihm doch allmählich auf ; er fing jetzt an zu merken , was hier eigentlich » passierte « . Also darum hatte Waldemar so schnell in die Aussöhnung gewilligt ; darum ritt er unverdrossen in Sturm und Sonnenschein nach C. ; daher stammte die Veränderung in seinem ganzen Wesen . Herrn Witold traf sicherlich der Schlag , wenn er die Geschichte erfuhr , er , der einen so tief eingewurzelten Haß gegen die ganze » Polengesellschaft « hegte . Die diplomatische Mission war nun freilich gleich in der ersten halben Stunde geglückt , aber ihr Resultat jagte dem Abgesandten ein solches Entsetzen ein , daß er die ihm anbefohlene Diplomatie vollständig vergaß und wahrscheinlich seinen Schrecken verraten hätte , wenn nicht soeben die Fürstin Baratowska eingetreten wäre . Die Dame hatte mehr als einen Grund zu dem Wunsche , den Erzieher ihres Sohnes , der diesen auch auf die Universität begleiten sollte , persönlich kennen zu lernen . Jetzt , wo die Aussöhnung erfolgt und eine dauernde Verbindung angeknüpft war , konnte ihr die nächste Umgebung Waldemars nicht gleichgültig sein . Sie überzeugte sich nun freilich schon in den ersten zehn Minuten , daß von dem harmlosen Fabian nichts Feindseliges zu erwarten sei , daß er sich im Gegenteil gebrauchen lassen werde , wenn auch ohne sein Wissen . Von dem steten Begleiter konnte man in Zukunft manches erfahren , was von dem unzugänglichen Waldemar selbst nicht zu erfahren war , und das blieb unter allen Umständen von Wichtigkeit . Die Fürstin erwies dem Doktor die Ehre , ihn für ein geeignetes Werkzeug anzusehen ; sie war infolgedessen voll herablassender Freundlichkeit gegen ihn , und die Demut , mit der er diese Herablassung aufnahm , gewann ihm ihre volle Zufriedenheit . Sie verzieh seine Schüchternheit und Unbeholfenheit , oder vielmehr , sie fand beides in ihrer Gegenwart sehr natürlich und geruhte ihn in ein längeres Gespräch zu verflechten . Waldemar schien mit dem Eintritte der Mutter seine ganze sonstige Einsilbigkeit wieder aufgenommen zu haben . Er beteiligte sich wenig an der Unterhaltung und sagte der Fürstin einige leise Worte . Sie erhob sich