und Lucie beschloß , sofort davon Gebrauch zu machen , sie warf sich am Rande der Quelle nieder , lehnte den Kopf an die moosigen Steine , schloß die Augen , und fühlte mit kindischer Freude , wie die kühlen duftigen Ranken sich ihr auf die heiße Stirn und um die erhitzten Wangen legten . Aber lange in dieser ruhig träumerischen Stellung auszuharren , lag nicht in dem Temperament des jungen Mädchens , schon nach wenigen Minuten richtete sie sich wieder empor , und da entdeckte sie denn etwas , was sich hier mitten im Walde allerdings seltsam genug ausnahm ; nicht weit von ihr im Grase lag ein Buch , ein dicker , sehr verdächtig gelehrt aussehender Band , dessen Aeußeres hinreichend verrieth , daß er oft und viel benutzt wurde . Neugierig griff sie danach und schlug es auf , sie kannte zufällig den Titel , eben dies Buch war kürzlich Gegenstand eines heftigen Streites zwischen Fräulein Reich und ihrem Bruder gewesen , der es in seiner Bibliothek hatte . Franziska hatte die Lectüre eine „ himmelschreiende “ genannt , Bernhard dagegen die Achseln gezuckt und ihr den Rath gegeben , das Werk doch einfach erst einmal zu lesen . Diese Zumuthung aber hatte das Fräulein mit vollster Entrüstung zurückgewiesen und ihn ersucht , sich doch gefälligst zu erinnern , daß sie eine christliche Pfarrerstochter und kein so ausgemachter Freigeist wie Herr Bernhard Günther auf Dobra sei . Lucie achtete sonst nicht viel auf dergleichen Gespräche , die sie nicht im mindesten interessirten ; aber jetzt kam ihr doch eine dunkle Erinnerung daran und sie begann in dem Werke zu blättern , um womöglich das „ Himmelschreiende “ herauszufinden , aber bald genug gab sie die Mühe auf . Weltgeist ! Natur ! Ursprung des Menschen ! Gott , mit was für entsetzlichen Dingen füllten diese Männer nicht ihre Köpfe an ! Fräulein Reich hatte ganz Recht , wenn sie eine solche Lectüre zurückwies , und ihr Zögling zerbrach sich nur den Kopf darüber , welcher ausgemachte Freigeist außer ihrem Bruder denn hier in der streng katholischen Umgegend lebe , der an solchen Studien Gefallen fand . Sie hielt den Fund noch geöffnet in der Hand , als ein Schatten auf die hellen Blätter fiel , Lucie blickte auf und fuhr mit einem leisen Schrei des Entsetzens empor . Da stand er wieder vor ihr , der finstere Mönch , der unheimliche Pater Benedict , und sah sie mit seinen großen dunklen Augen an . Sie wich zurück , so weit als es die Felswand nur gestattete , die Linke griff wie Schutz suchend in die grünen Ranken , während sie mit der Rechten das Buch mechanisch an sich preßte . Sie wußte jetzt freilich , daß es nicht der Währwolf im Märchen war , sondern ein Mensch von Fleisch und Blut , ein Geistlicher des Stiftes , aber das half alles nichts , es legte sich ihr genau so angstvoll und beklemmend auf ’ s Herz , wie das erste Mal . Hier war kein Entrinnen möglich , er stand ihr dicht gegenüber und jetzt öffnete er gar die Lippen zu einem Worte , jedenfalls so finster und feindselig , wie seine ganze Erscheinung war . „ Ich bitte um Verzeihung , wenn ich Sie erschreckt habe , mein Fräulein ! Ich kehrte um , etwas Vergessenes zu holen , Sie sahen mich nicht , als ich über die Wiese schritt . “ Es war das erste Mal , daß Lucie seine Stimme vernahm , sie athmete tief auf und ließ die Hände sinken . Die Stimme klang ganz anders , als sie geglaubt , es war ein weicher voller Klang , der sympathisch ihr Ohr berührte , und als sie etwas ermuthigt dadurch einen Blick in sein Gesicht wagte , da erschienen ihr auch die Augen ganz anders , als sonst . Sie blickten wohl noch ernst und düster auf sie hin , aber die unheimliche Gluth darin war gemildert , war tief zurückgedrängt . Luciens Angst begann zu weichen , sie machte allmählich der entgegengesetzten Empfindung Platz . Nichts lag dem Charakter des jungen Mädchens ferner , als eigentliche Furchtsamkeit ; im Gegentheil , sie war meist nur allzu keck und übermüthig . Wie oft war sie lachend und spottend Dem entgegengetreten , was Anderen als eine Gefahr erschien ; wie oft hatte sie dem drohenden Stirnrunzeln von Madame Schwarz und den Strafpredigten von Fräulein Reich die Stirn geboten , wie oft sogar dem Zorn des Bruders getrotzt , den doch ganz Dobra fürchtete ; warum hatte denn nur dieser Mann allein auf der ganzen Welt die Macht , sie durch seinen bloßen Anblick schon zu schrecken und zu ängstigen ? Der Zorn darüber wallte heiß in ihr empor , sie wollte sich nicht mehr schrecken lassen , sie wollte der lächerlichen Furcht Herr werden , um jeden Preis ! Entschlossen gab sie ihre Vertheidigungsstellung auf , warf die Locken zurück und trat einen Schritt vorwärts . Jetzt erst bemerkte Benedict das Buch , das sie noch immer festhielt , und etwas , das beinahe einem Lächeln glich , flog über seine Züge . „ Was soll denn Spinoza in Ihren Händen ? “ fragte er halb mitleidig , halb vorwurfsvoll , „ für Sie passen doch solche Schriften sicher nicht ! “ Er hätte Luciens heroischen Entschluß nicht wirksamer unterstützen können , als durch diese Bemerkung ; wo ihr kindisches Selbstgefühl verletzt ward , trat für sie alles Andere in den Hintergrund . Sie fand sich tief gekränkt durch diese Worte , sie klangen aber auch gar zu mitleidig herablassend , ihr Zorn schlug in hellen Flammen auf , und ihm den Vorwurf sofort zurückgebend , entgegnete sie sehr entschieden : „ Nun , für Sie paßt das Buch doch wohl noch viel weniger ! “ Benedict wich einen Schritt zurück bei diesem ganz unerwarteten Ausfall und sah sie halb erstaunt an . „ Weshalb ? “ fragte er endlich . „ Weil Sie