von mir . Beatrice ist meine Schwester , aber wir sind nicht von einer Mutter , die meine ist gestorben , ohne je um die Existenz dieses armen Geschöpfes zu wissen , und mir hat mein Vater erst auf dem Sterbebett das Geheimniß und die Sorge um die Tochter anvertraut . Er hat sie stets zärtlicher geliebt als mich , den legitimen Sohn , und ich begreife das vollkommen , denn sie ist ein wunderbar befähigtes Wesen . Aber ihr Dasein ist auch für ihn eine Quelle unaussprechlicher Sorgen geworden … Sie , in deren Antlitz die Menschen lächelnd und erquickt schauen , Sie können nicht ahnen , was jenes unglückselige Wesen leidet ! Von ihrer Geburt an kränklich , hat sie plötzlich , und zwar kurz vor dem Tode des Vaters , eine entsetzliche , verheerende Krankheit heimgesucht . Ihre Gesichtszüge , die früher von bezaubernder Schönheit gewesen sein sollen , sind völlig zerstört ; sie verbirgt diesen Anblick hinter einem Schleier , ich kenne sie nicht anders . Ihr Leiden ist unheilbar und , wie sie selbst stets behauptet , ansteckend , und aus dem Grunde hat sie nie gestattet , daß ich auch nur ihre Hand berühre . Sie flieht die Nähe der Menschen ; es beugt sie schwer darnieder , ein Gegenstand des Schreckens zu sein , deshalb habe ich stets Sorge getragen , daß Niemand , außer ihrer Wärterin und meinem schwarzen Diener , der uns unerschütterlich anhänglich ist , um das Geheimniß hinter dem Schleier wisse . Das war auch der Grund , um dessen willen ich das Pavillonfenster aus meinem Garten entfernt haben wollte . “ Lilli hatte ihm wie betäubt zugehört – er stand entsühnt vor ihr . Statt des vermeintlichen Verbrechens , das seiner kühnen , herausfordernden Erscheinung etwas Dämonisches verliehen hatte , las sie jetzt auf seiner Stirn nur die edelsten Gedanken … Es war von Kindheit an ein fest ausgesprochener Zug ihres Charakters gewesen , das Bewußtsein eines ungesühnten Unrechts gegen Andere nicht in ihrer Seele zu dulden . Bei all ’ ihrem Trotz und Eigenwillen hatte man sie nie zu einer Abbitte zwingen müssen ; war sie von ihrem Fehler gegen Andere überzeugt , dann tat sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit und Beredsamkeit Alles , um ihn gut zu machen . Aber noch nie war ihr das Gefühl eines unsäglichen Bedauerns und das Verlangen , die Kränkung vergessen machen zu dürfen , so unwiderstehlich zum Bewußtsein gekommen , wie in diesem Augenblick . Vielleicht las sein durchdringender Blick diese Vorgänge in der Seele des jungen Mädchens . Er nahm abermals ihre Hand , diesmal indeß in sehr sanfter und doch so eindringlich beschwörender Weise ; sein Gesicht überzog bis in die Lippen jene tiefe Blässe , die sehr häufig eine mächtige innere Erschütterung zu begleiten pflegt . „ Lilli , “ sagte er – ihr Name fiel zum ersten Male von seinen Lippen und wie unendlich süß klang er ! – „ ich habe bisher unwissentlich gegen ein Phantom ankämpfen müssen ; nun es gefallen ist , meine ich , soll es auch heller um mich werden … Heben Sie nur ein einziges Mal fest und prüfend die Augen zu mir auf und Sie müssen finden , daß nur der Aberwitz ein solch ’ abscheuliches Licht auf mich werfen konnte … Ich will mich durchaus nicht besser hinstellen , als ich bin , vor Ihnen am allerwenigsten . Ich könnte den Gedanken nicht ertragen , daß Sie , und sei es auch nur ein einziges Mal und selbst im verschwiegensten Winkel Ihrer Seele , dächten , ich hätte Sie getäuscht … Ich bin eine leidenschaftliche , heftige Natur ; als einzigem Sohn eines angesehenen , reichen Hauses standen mir Tür und Thore der großen Welt weit offen und ich habe mich in den Strudel des Lebens gestürzt , wie tausend Andere in meinen Verhältnissen auch … Verurteilen Sie mich nicht , Lilli , ich bin trotzdem nicht gesunken , ich habe nach der Erkenntniß nur um so energischer mein besseres Selbst zu retten gesucht … Ich darf getrost ein reines weibliches Wesen an meine Seite ziehen und sein Leben mit dem meinen verknüpfen . Diesem Gedanken gab ich übrigens in den letzten Jahren wenig Raum , ich hatte keine hohe Meinung von den Frauen … Da geschah es eines Morgens , daß ein zartes Geschöpfchen vor mir stand , an Gestalt ein elfenartiges Kind , sah es mich doch mit Augen an , aus denen der ganze herbe Trotz der Jungfrau , die Funken eines rasch denkenden , beweglichen Geistes sprühten . “ Ein Wagen rollte die Chaussee herauf und hielt draußen vor der Gartentür . Lilli zuckte erschreckt auf und suchte ihre Hände dem Sprechenden zu entziehen , allein er zog sie nur um so fester an sich heran und fuhr mit gesteigerter Stimme und fliegendem Atem fort : „ Und da wurde es mir klar , wie sich urplötzlich eine dunkle , in meiner Seele ruhende Weissagung erfülle : daß nämlich die reine , wahre Liebe auf dieser Welt kein bloßes Ideal und daß sie mir beschieden sei … Lilli , ich schwur , ich müsse Sie um jeden Preis erringen , ich – “ Das junge Mädchen entriß ihm gewaltsam ihre Hände . Der Kies des Hauptweges knirschte unter näherkommenden , schweren Tritten , und in dem Augenblick rief die Tante laut nach ihr . „ Nie , nie ! “ stammelte sie todtenbleich mit zuckenden Lippen , „ Geben Sie alle Hoffnung auf und kreuzen Sie nie wieder meinen Weg ! “ Sie lief nach dem Hauptweg und verschwand hinter dem Bohnengehege . Dort stand die Hofrätin , die Mantille des jungen Mädchens in der Hand , und ließ ihre suchenden Blicke über den [ 485 ] Garten schweifen . Sie schalt über die fehlenden Rosen an Lilli ’ s Brust , schnitt rasch selbst einige ab und übersah dabei gänzlich , daß die Gescholtene auf schwankenden Füßen mit aschbleichem Gesicht vor ihr stand .