Blick scharf musternd die Vorderseite des Wohngebäudes . Fräulein Erzieherin hatte sich jedenfalls vor ihm zurückgezogen , was er ihr keineswegs verdachte , da sie ja erfahren hatte , er beabsichtige , ihr aus dem Wege zu gehen , wo er könne . Er fühlte auch durchaus kein Verlangen nach ihrem Anblick ; aber eigentlich hatte er doch die Verpflichtung , auf jeden Fall sich zu überwinden , um im persönlichen Verkehr zu erfahren , wes Geistes Kind sie sei . Den Gedanken , ihr zu schreiben , hatte er vorhin nur im Zorn und Widerspruch an den Tag gelegt – ernstlich konnte und durfte er das nicht wollen ... Vielleicht entdeckte er vorläufig an einem der Fenster ihr Profil oder die Umrisse ihrer Gestalt – er mußte lächeln angesichts dieser Fenster . Nur drei derselben waren einigermaßen würdig , ein hochmütiges Damengesicht zu umrahmen ; es waren die Fenster der Wohnstube mit ihren hübschen weißen Vorhängen , die zur Linken der Haustür lagen ; zur rechten Hand wurde das eine von einem schief in den Angeln hängenden Laden verdeckt , und durch die beiden anderen sah man in einen fast leeren Raum , der nur einen großen Ofen , einen Tisch und einige Stühle von Tannenholz enthielt . Das mochte die Gesindestube sein – eine Unterkunft für die Magd , wenn sie einmal Zeit fand , von ihrer Arbeit auszuruhen – oder doch nicht etwa das berühmte Eßzimmer mit seiner ungezählten Schar silberner Löffel ? ! Ein weißer , bewegter Gegenstand lenkte plötzlich seinen Blick auf das niedere Dach . Aus dem Dachstubenfenster über der Haustür wehte ein Mullvorhang und blähte sich in der Luft , auf dem Sims blühten schöne Rosen , und an der sichtbaren helltapezierten Innenwand der tiefen Fensternische hingen Bilder ... Also da wohnte Fräulein Erzieherin ! – Nun , für heute mochte sie in ihrer Klause bleiben – er war augenblicklich ganz und gar nicht in der Stimmung , Redensarten zu drechseln , wie sie der Umgangston jener Kreise verlangte , in denen Dame Blaustrumpf gelebt und gewirkt hatte ! Er trat wieder in den Hausflur auf den knirschenden weißen Sand , der feingesiebt den Estrichboden bestäubte . Die Tür der Küche stand offen ; man konnte den backsteingepflasterten Raum übersehen , dessen Fenster nach dem Fichtengehölz hinausgingen . Frau Griebels blitzblanke Küche konnte sich kaum mit dieser messen , in welcher die letzten aus der großen Gelsunger Kücheneinrichtung herübergeretteten Reste von Zinn- und Kupfergeschirr tadellos funkelten und alles Holzgerät schneeweiß an den Wänden stand . Die Frau Amtmann mochte wohl recht gehabt haben in betreff des unzulänglichen Mittagessens ; ein winzig kleiner Suppentopf dampfte auf dem Herde , und zwei hergerichtete schmächtige Tauben warteten auf den Augenblick , wo sie eine Hand in die Pfanne legen sollte ; aber diese Hand war nicht da – es war so still in der Küche , daß man das Summen einer versprengten Hummel , ihre schwachen Stöße gegen die Fensterscheiben hören konnte ... Nun ja , es war selbstverständlich , daß die vielgetreue Zofe , die ja » ein Herz und eine Seele « mit ihrer Dame war , dem mißliebigen Besuch ebenso aus dem Wege ging , wie die gereizte Bewohnerin der Dachstube . 9. Als er in die Wohnstube zurückkehrte , da bemerkte er Tränenspuren auf dem sanften Frauengesicht hinter den Bettvorhängen ; der Amtmann aber war bemüht , drei bis vier Stück Zigarren – jedenfalls der Rest aus den Kisten , um derentwillen der Forstwärter heute mit den Spitzen in der Tasche zum Juden wandern mußte – auf einem Zigarrenständer zu ordnen . » Nun , wo steckt denn der Herr Langbart ? « rief er Herrn Markus entgegen . Der Eingetretene berichtete , daß der junge Mann seinen Weg fortgesetzt haben müsse , und nahm seinen Sitz am Bett der Kranken wieder ein . » Wußte sie denn nicht zu sagen , wohin er gegangen sei ? « fragte der Amtmann , ganz hingenommen von seiner Beschäftigung , die Zigarren zurechtzustecken , denn er sah nicht auf . » Ach , Sie meinen die Magd ? – Ich sah sie nicht . « » So , so – wird mit dem Mittagessen zu tun haben . « – Er bot dem Gutsherrn die Zigarren hin , die jedoch dankend abgelehnt wurden . Herr Markus sah , wie die alte Dame sich verstohlen abermals eine Träne von den Wimpern wischte . Vielleicht wußte sie um den Spitzenhandel . Die Kante war möglicherweise das letzte Familienerbstück , dessen Ertrag der lüsterne Herr Ehegemahl im vorhinein in die Luft verpafft hatte ; ein Zorngefühl gegen den unverbesserlichen alten Mann stieg in ihm auf , er hätte um keinen Preis eine der Zigarren angerührt . » Ein malerischer Waldblumenstrauß ! « bemerkte er , mitleidig die Gedanken der Kranken von dem unerquicklichen Thema ablenkend , indem er auf den Strauß im Kristallkelch zeigte . » Das will ich meinen ! « sagte der Amtmann . » Es sind aber auch Künstlerhände gewesen , die den Strauß gebunden haben . Meine Nichte , die gegenwärtig bei mir lebt , ist eine Blumenmalerin , die ihresgleichen sucht . Wir erleben viel Freude an ihr , und das Kapital , das ich in ihre Ausbildung gesteckt habe , ist kein verlorenes , wie so mancher schöne Taler Geld , den ich für vermeintliche Talente zum Fenster hinausgeworfen habe – « » Ach ja – mein guter Mann hat immer geglaubt , er müsse jedem forthelfen , der von der Kunst sein Heil erwartete , und diese Großmut ist allzusehr ausgebeutet worden , « warf die Kranke mit einem schwachen Lächeln ein , und ein Blick voll unvergänglicher Liebe streifte den alten Herrn . » Jugendeseleien sind ' s gewesen , Sannchen , dumme Streiche , die ich aber , weiß Gott , heute noch gerade so machen würde , wenn ich – na , wenn ich noch mitten im Welttreiben draußen mitschwämme . Der Tausend ja , schön wär