es ist hohe Zeit ! “ Er tauchte die Feder ein und sah nach der Tür : „ daß nur Leuthold nicht kommt — sonst ist alles verloren . Riegeln Sie zu , ich bitte Sie , damit er uns nicht überrascht . — Sagen Sie , — nicht wahr — es ist recht , wenn ich ihn zum Erben Ernestinchens einsetze ? Dann bin ich doch nicht ganz wortbrüchig ; es ist ja , leider , leider , wahrscheinlicher , daß das arme Lamm stirbt , als daß es durchkommt — dann ist alles , wie es war , und er erhält das Vermögen , — wenn sie aber lebt , so soll sie ihm ein hübsches Legat auszahlen . “ „ Ja , ja , “ sagte der Geheimerat gutmütig , „ geben Sie dem Burschen , was Sie ihm schuldig zu sein glauben . Aber schalten Sie noch ein , daß er Ernestinen nur beerbt , wenn sie unverheiratet stürbe ; denn wenn es Gottes Wille wäre , daß sie lebte , sich verheiratete und Mutter würde , so dürfen Sie ihrem Kinde das Vermögen nicht entziehen . Das könnte sie einmal sehr unglücklich machen . “ „ Ja , Sie haben recht . Ich will auch dies noch beifügen . Aber die Vormundschaft — nicht wahr — muß ich Leuthold wenigstens lassen ; er wird sonst zu furchtbar gereizt ! “ Der Geheimerat schüttelte den Kopf : „ Das würde ich nicht tun ! “ „ Doch , doch , Herr Geheimerat . Es sähe zu gehässig aus — und dabei ist keine Gefahr für das Kind . Er hat Ernestine immer gern gehabt und ihr bei mir das Wort geredet und am Ende steht er ja unter einer gewissenhaften Obervormundschaftsbehörde ! “ „ So kürzen Sie diese Vormundschaft wenigstens so viel als möglich ab und setzen Sie zu meiner Be ­ ruhigung ausdrücklich die Bestimmung fest , daß Ernestine mit achtzehn Jahren mündig wird . Nach unsern Gesetzen kann ein Vater sein Kind mit achtzehn Jahren mündig sprechen . Bis dahin bleibt das Vermögen bei dem Obervormundschaftsgericht deponiert und Ernestine kann es dann selbstständig verwalten . — Bei einem Menschen wie Gleißert ist solch eine Vorsicht wohl am Platze ! “ „ Auch damit bin ich einverstanden . — So wären wir denn im Reinen ! Gott sei Dank ! “ Hartwich atmete tief auf und tauchte mit zitternder Hand die Feder ein . Doch kaum hatte er die ersten Züge zutun versucht , als er in Verzweiflung die Feder fallenließ : „ Großer , barmherziger Gott — ich kann nicht mehr schreiben ! “ — Der Geheimerat sah erschrocken in das Papier , die Buchstaben waren krumm und völlig unleserlich . Der alte Herr ließ einen Augenblick in höchster Bestürzung die Hoffnung sinken , — während Hartwich wie ein Kind stöhnte und jammerte . So nahe am Ziel sollte der schöne , redlich gemeinte Plan scheitern ? Der Geheimerat betrachtete den Kranken mit zweifel ­ haftem Blick und erwog , einen wie langen Aufschub sein Zustand wohl noch gestatte . Dann faßte er sich schnell und sagte entschlossen : „ Ich schaffe Rat , seien Sie nur ganz unbesorgt . Ich fahre in das nächste Städtchen , hole eine Gerichtsdeputation und Sie machen ein mündliches Testament ! In zwei Stunden bin ich wieder da . Sagen Sie mir nur , wann Leuthold nicht zu Hause ist , damit er uns nicht sieht ? “ „ Um die Zeit , in der Sie zurück sein können , ist er in der Fabrik . Wenn Ihr von der Waldecke an zu Fuße geht , so merkt er nichts . Herr Geheimerat , Sie sind ein edler Mann , mein und meines Kindes Wohltäter — wie soll ich Ihnen danken ? “ „ Nichts zu danken , — nichts zu danken ! Ist ja nur Menschen- und Christenpflicht ! “ damit versteckte der vorsichtige alte Herr die Schreibmaterialien und eilte hinaus . Hartwich blickte mit seinen blutunter ­ laufenen Augen zum Himmel und betete : „ Laß mich ’ s noch erleben , Herr mein Gott , — nur so lang ’ laß mich noch leben ! “ — Und wieder und immer wieder sprach er die wenigen Worte , während sein Herz immer ungestümer und unregelmäßiger pochte und seine Adern blau anschwollen , als schlängelten sich lebendige Nattern hindurch . Es war die Todesangst eines armen Sünders , der fühlt , daß er in Kurzem vor einen unerbittlichen Richter treten muß und sich noch vorher von einem Teil seiner Schuld loskaufen möchte . Diese Angst mußte natürlicherweise sein Ende beschleunigen ! Frau Bertha kam bald nach des Geheimerats Entfernung herab und wollte Hartwich Gesellschaft leisten , aber sein Zustand flößte ihr Grauen ein . Sie sah , daß es mit ihm zu Ende ging , und hatte nicht den Mut , seinen Todeskampf mitanzusehen . Sie kam sich vor wie seine Mörderin , weil sie seinen Tod so sehr wünschte . In der Tat macht uns das Schicksal oft durch unsere stillen Wünsche zu Mitschuldigen sei ­ ner Härte und wir schlagen uns zerknirscht vor die Brust , wenn das , was wir auf Kosten eines Andern im Geheimen ersehnt , plötzlich Gestalt gewinnt . Wer hätte nicht in seinem Leben einmal solch einen egoisti ­ schen Wunsch gehegt und , nachdem er ihn bekämpft , dem Himmel heiß gedankt , wenn er ihn nicht erfüllte ? Und wer hätte sich im andern Falle nicht einer schweren Schuld angeklagt , als habe sein geheimes Verlangen das Schicksal zum Nachteil seines Opfers herausgefordert ? Frau Bertha war zwar so zartfühlend nicht , sie wollte Hartwichs Tod , um sein Vermögen zu bekommen , und dankte dem Himmel , daß er ihr so schön in die Hände arbeitete , sie war jedoch zu sehr Weib , um im Augenblicke der Erfüllung ihrer schlech ­ ten Wünsche nicht zu schaudern und in der Gestalt des sterbenden Hartwichs einen rächenden