der Bahnlinie Genua-Marseille wurde gestreikt , man konnte auch damit nicht weiterkommen ... Das Pflichtteil rebelliert also immer noch . Wie oft hat man eine Reise unterlassen , weil man sie sich nicht leisten konnte . Jetzt konnten wir uns einen Extrazug nehmen , aber die Bahnlinie streikte . Kein Mensch wird mir einreden , daß es wirklich die Eisenbahner sind , die ihre Arbeit niederlegen . Die anderen schlugen vor , sich angenehm in Genua zu etablieren und abzuwarten , aber ich bin außerstande , noch auf irgend etwas zu warten , und halte es für besser , die Dinge zu überlisten , wenn sie einen schikanieren wollen . So haben wir uns , da vorläufig kein anderes Schiff in der gewünschten Richtung fuhr , auf einem kleinen spanischen Frachtdampfer einquartiert und hoffen , daß wenigstens dieser irgendwann in See stechen wird . Unterwegs kann man dann vielleicht wieder wechseln oder in die Bahn steigen . Es sollen noch zwanzig Kühe eingeschifft werden , und das hat seine Schwierigkeiten , räumliche und bureaukratische - wir sind darüber noch nicht ganz im Bilde . Einstweilen steht nur soviel fest , daß die Abfahrt spät abends oder in aller Herrgottsfrühe vor sich gehen soll , und der Steward riet uns dringend , deshalb schon auf dem Schiff zu wohnen . Auf Passagiere , die nicht zur Stelle seien , könne man unmöglich warten , nachdem man schon so lange auf die Kühe gewartet habe . Die Kabinen , wie das ganze übrige Fahrzeug , sind nichts weniger als komfortabel , und man muß die ersehnten Luxusgefühle vorläufig noch verdrängen , wenigstens für die Nacht . Bei Tag gehen wir natürlich an Land , erholen uns , schlemmen und kaufen . Unausstehlich ist Baumann , er will immer dabei sein , analysiert jede Ausgabe und die Art , wie sie gemacht wird . Ich möchte ihn ans Ende der Welt schicken , aber es geht nicht , schließlich verdanke ich doch nur ihm , daß ich so lange im Sanatorium bleiben konnte . Ich habe viel zu tun . Unter anderem muß Gottfried angezogen werden , er sah so aus , daß wir uns selbst auf dem Schiff mit ihm genierten . Eben sind die Kühe angekommen , sie werden jetzt verladen , und abends fahren wir ab . Von unterwegs Weiteres . 20 Die anderen schimpfen wie wahnsinnig , daß ich sie zu dieser Fahrt verlockt habe . Es hat gleich ein heilloser Sturm eingesetzt , und sie liegen alle todkrank in ihren Kabinen . Der Steward , der nicht an Passagiere gewöhnt ist , rupft seelenruhig Hühner , anstatt sie zu bedienen . Ich selbst werde nie seekrank , mir wird höchstens schlecht , wenn ... aber die Zeiten sind ja glücklich vorüber . Über das Deck , soweit von einem solchen die Rede sein kann , geht eine Sturzsee nach der anderen . Bei der Kajütentreppe ist ein kleiner geschützter Raum , und da sitze ich auf einem Liegestuhl , den man mit Stricken festgebunden hat . Ganz allein , und dieses Alleinsein koste ich in vollen Zügen aus . Es ist , als sei die ganze Welt versunken und nichts zurückgeblieben als Himmel , Meer und Geld . 21 Seit ich von unterwegs den letzten etwas flüchtigen und durchgerüttelten Gruß an Dich abschickte , ist mehr als eine Woche vergangen . Wir sind immer noch an Bord . Durchschnittlich jeden anderen Tag legen wir in irgendeinem Hafennest an , um zu löschen , oder weil die Kühe einen Ruhetag brauchen . Diese Tiere können nämlich an der Seekrankheit sterben , und das Wetter ist andauernd stürmisch . Ich habe dem Kapitän verschiedentlich angeboten , alle zwanzig zu kaufen und sie dann an der nächsten Landungsstelle auszusetzen , damit wir nun einmal vom Fleck kommen - nicht meinetwegen , denn von mir aus könnte die Reise ewig dauern , aber die anderen sind so ungeduldig . Er wollte jedoch nicht darauf eingehen . Ob wir jemals ankommen oder am Ende noch mit dieser Baracke untergehen ? Es ist ja klar , daß das Geld mich immer noch foppen will . Seit es mir nicht mehr entrinnen kann , kommt immer wieder eine Situation zustande , die ein intensives Ausgeben unmöglich macht . Entweder war keine Zeit mehr wie in Genua oder keine Gelegenheit wie jetzt . Und ich habe doch so sehr das Gefühl , es müßte endlich einmal ein Exempel statuiert werden , damit es mich als Herrin anerkennt . Die Taschen meiner Begleiter und meine eigenen - ich habe einen Reisemantel mit vielen und geräumigen Taschen - platzen vor Geldscheinen , und sie werden nicht weniger , es ist manchmal , als ob sie mich höhnisch angrinsten : » Gib uns doch aus , wenn du kannst . « Diese Art zu reisen ist hoffnungslos billig und , wie schon erwähnt , ich kann nicht einmal die Kühe kaufen , weil der Kapitän so halsstarrig ist . Wir haben alles versucht , um einen protzigen Ton einzuführen , es gelingt nur halb . Zu Tisch machen wir Toilette , die Herren im Smoking - aber das kostet nichts und ist einigermaßen deplaciert . Die Leute halten uns für mehr als übergeschnappt , schon weil wir überhaupt mit ihnen gefahren sind . Sie haben sonst nie Passagiere erster Klasse , und es ist ihnen nur lästig , weil sie lieber Eßvorräte in den Kabinen aufbewahren . Das Leben ist doch verdreht - kaum ist man aus dem Sanatorium heraus , so halten einen alle für verrückt . Dabei müssen wir uns dem Bordkomment fügen , um zehn Uhr früh zu Mittag essen , und um fünf zu Abend . Extramahlzeiten werden nicht serviert . Es geht uns also ähnlich wie dem hungernden Araber , der einen Sack Perlen in der Wüste fand ... Der beklagenswerte Gottfried hat zum Beispiel immer noch keinen Mantel , weil sich damals in der Eile nichts Passendes fand , und muß elend frieren