Sekretär einige Blätter reichte : » Hier sind übrigens die kantonesischen Flugblätter , die mir der Bischof mitgegeben hat , vielleicht kann einer der Dolmetscher sie übersetzen . « Die Blätter blieben abends auf dem Schreibtisch des Dolmetschers liegen . Da fand sie dessen Boy . Und teilte den anderen deren Inhalt mit . So erfuhren diese und auch Tschun , daß die große Kaiserin Tzü Hsi , die Mütterliche und Glückverheißende , noch manch andere Charakterseiten besitze , die nicht so geeignet schienen , als lobend verliehene Titel hervorgehoben zu werden . Vor allem wurden ihr ihre maßlose Geldgier und Verschwendungssucht vorgeworfen . Es hieß : » Von den Zwergen der Inseln sind wir so leicht geschlagen worden , weil die Kaiserin durch Li lien ying die für die Flotte bestimmten Gelder für sich verwenden ließ . Statt Schiffe zum Schutz unserer Küsten , hat sie den Sommerpalast für ihre Vergnügungen erbauen lassen . So ist sie schuld an jenen Niederlagen , denen neue Demütigungen und Einbußen an Macht und Besitz folgten . Das große China mußte es alles dulden , weil es durch eine Frau wehrlos geworden . « Und auch intimere Dinge aus dem privaten Lebenswandel der göttlichen Mutter bespotteten die Pamphlete . An te hai , der frühere Lieblingspalastwächter , habe gar nicht die Qualifikationen für diesen Posten besessen , ihr Geliebter sei er gewesen , wie später Yung Lu und so manche andere . In ihren Ausschweifungen wurde Tzü Hsi von den kantonesischen anonymen Dichtern mit der berüchtigten Kaiserin Wu der Tang-Dynastie verglichen , wie auch mit Ta Chi , der nichtswürdigen Konkubine des Kaisers Chou Hsin , die in ihrem Palast am Teich von Wein ähnlich ungeheure Orgien begangen habe wie heute Tzü Hsi in ihrem Sommerpalast . Immer aber schlossen diese Straßenballaden mit einer Warnung an den Kaiser Kwang Hsü : » Sollte die Mandschu-Dynastie zugrunde gehen , so wird jene Frau daran schuld sein , die dem rechtmäßigen Herrscher nicht gestattet zu regieren . « Tschun las all die Ungeheuerlichkeiten , die der Kaiserin da vorgehalten wurden , und er verstand auch die obszönen Witze , die die Boys daran knüpften , aber trotzdem kam er zu keinem eigentlichen Bewußtsein der Wirklichkeit dieser Dinge - es war ihm , als sei das alles eben doch nur in Büchern vorgefallen . Er konnte es sich nicht recht vorstellen . Aber nun kam Mahan . Es würden noch viele Knaben als Figuranten für das kaiserliche Theater gebraucht . Tschun solle gleich am nächsten Morgen mit ihm in den Sommerpalast kommen . Der Sommerpalast umfaßte eine ganze Sammlung von Palästen , samt Hallen , Pagoden , Pavillons und Kiosken . Zerstreut lagen sie in einem ungeheuren Grundstück , das sich von der Ebene aus noch über einen ganzen Bergabhang ausdehnte . Die blutrote Umfassungsmauer mit ihrer goldenen Kachelkrönung wand sich wie ein seltsames Schlangenungetüm in Zickzacklinien um das ganze Gelände . Wälder , Gärten , Grotten , ein riesiger See mit der felsigen Insel des Drachenkönigs , hochgeschwungene Marmorbrücken über Lotosteichen , das alles lag dahinter . Den Eingang bildete ein mächtiges überdachtes Mitteltor , das sich nur den Herrschern öffnete , mit zwei kleineren Türen daneben . - Durch eines dieser schritten die vielen großen und kleinen Knaben , die sich vorher draußen bei den Torhüterhäusern versammelt hatten . Von einem Palastwächter , mit Kristallknopf und schwarzer Feder , wurden sie in einen großen , mit Steinfliesen belegten Hof geführt . Alte Pinien standen da , und ihre Zweige waren mit kleinen Bambusbauern behängt , in denen schöne Vögel saßen . Am Ende dieses Hofes erhob sich eine zweite blutrote Mauer , durch die ein genau dem ersten gleichendes Tor in einen weiteren Hof führte . - Es lag etwas Beklemmendes in diesen Wiederholungen . Dieser Hof war voll von Menschen in den offiziellen Gewändern der verschiedenen Rangstufen , und in den einstöckigen Wartehäusern auf beiden Seiten sah man durch die offenen Türen noch viele , viele andere stehen . Es waren zumeist Mandschu-Mandarine , die auf Audienzen harrten . Tschun wäre gern verweilt , um sie alle genau zu besehen , aber der Palastwächter mit dem Kristallknopf und der schwarzen Feder drängte die Knabenschar durch drei weitere , immer riesigere Höfe . Und immer beklommener wurde Tschun dabei . Es war ihm wie in einem Traum , wo man geht und geht und doch nicht weiter kommt . So gleich blieben sich diese Höfe mit den blutroten Mauern , diese Tore unter geschweiften gelben oder grünen Dächern , deren Firstornamente wie große goldene Flügel wirkten . Ueberall an den Wegen entlang standen bronzene Reiher und Rehe , die selbst so aussahen , als seien sie in einen tiefen Zauberschlaf verfallen . Aber Tschun hatte doch Zeit zu bemerken , wie wunderbar schön das alles gehalten war . Kein Unkrauthalm sproß zwischen den Steinfliesen , kein Blatt lag auf den Wegen . Nirgends eine Spur jenes Staubes , der , in Peking und auch in den Tempeln , unmerklich aber ständig rieselnd , alles mit seinem einförmigen grauen Ton bedeckt . Hier standen die Farben frisch und leuchtend in blendender Schärfe gegen den klaren Himmel . Tschun hatte bisher gedacht , daß es nur bei den Fremden so sauber aussehen könne . Nun empfand er eine Art Stolz , daß das doch auch im eigentlichen China möglich sei . Dann kamen sie an einen geschnitzten dreiteiligen Triumphbogen , und dahinter lag grün schimmernd der riesige See . Tschun dachte , größer kann auch das Meer nicht sein . Ein Weg mit einer Marmorbalustrade führte am Wasser entlang . Trauerweiden ließen ihre langen biegsamen Zweige tief hinabhängen . Es war Tschun , als sähe er ein verwirklichtes chinesisches Gedicht . » Eilt Euch , « sagte der Palastwächter , » der alte Buddha fährt auf dem See und kann bald zurückkehren . Dort an den Marmorstufen , wo die vielen Menschen warten , wird die Kaiserin aussteigen und sich in die Audienzhalle tragen lassen .